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WIEN/ TheaterArche: Nadja Puttner: „MYTHOS. The Beginning of the End of the Story.“

10.10.2021 | Ballett/Tanz

WIEN/ TheaterArche: Nadja Puttner: „MYTHOS. The Beginning of the End of the Story.“

Eine große Erzählung, die „Odyssee“, nahm die Tänzerin, Choreografin und Performerin Nadja Puttner gemeinsam mit dem Schauspieler und Performer Sascha Becker unter die Lupe, um diesen Mythos auf seine Aktualität hin zu untersuchen. Sie konzentrierten sich dabei einerseits auf die Rolle der Frau, Odysseus‘ Frau Penelope, ihre Bedeutung für das Epos, insbesondere aber die Bezüge zur Situation heute lebender Frauen, ebenso wie die eines kriegstraumatisierten Helden und eventuelle Parallelen in die Jetztzeit. Dazu ergänzen sie den Homerschen Text mit weiteren Erzählungen der Odyssey.

Die große, L-förmig umsessene Bühne der TheaterArche, gestaltet von Nadja Puttner und Gerhard Gruber, ist eine Landschaft mit einem schrägen weißen Bett, einem abgestürzten Klavier, das sich zwar hübsch macht als Requisite, im Verlauf der knapp zweistündigen Performance allerdings keinerlei Funktion erhält, zwei halbhohen Säulen, die den beiden Darsteller*innen als Hocker für ihre erzählerischen Phasen dienen, einem langen Netz und einem Haufen aus beigem Sand mit beigestellten Lichtern und Schalen.

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Nadja Puttner: MYTHOS. (c) Martina Stapf

Dieses Ambiente bespielen Nadja Puttner und Sascha Becker mit Schauspiel, Tanz, Performance, Sprache, Gesang, instrumentaler und Vokal-Musik und schön gesetzten Lichtakzenten. Sie springen durch die Zeiten. In den 20 Jahren, die Odysseus zur Hälfte erst vor Troja, dann auf den Meeren verbrachte, durchlebten beide vieles. Sie wechseln die Sprachstile vom locker Jetzigen zum Lyrischen, imposant immer wieder Sascha Beckers Artikulationskultur, sie spielen und tanzen Stimmungen und Gefühle zwischen Hoffnung und Resignation, Wut und Trauer, Hilflosigkeit und Mut. Und zwischen Liebe und Enttäuschung.

Das schräge Bett, Metapher genug für eine „problematische“ Beziehung, wird mit Mast und Seil auch schnell zum Schiff, auf dem Odysseys einsam die Meere durchkreuzt. Mit dem langen Netz zeigen sie, virtuos eingesetzt, die selbstsabotierende Wirkung von Penelopes inneren Instanzen, die Anspruchshaltung ihres Mannes bezüglich Treue und Keuschheit, aber auch den intrapsychischen Kerker, in dem Odysseus lebt. Die Schuld, die er mit der trojanischen Kriegslist und mit seiner siebenjährigen untreuen Beziehung zur Nymphe Kalypso auf sich lud, die kriegsinduzierte posttraumatische Belastungsstörung (wie sie die beiden Stückentwickler im Helden erkennen) und destruktiv wirkende unbewusste Persönlichkeitsanteile (so das Autoren-Duo) halten ihn gefangen in zu überwindenden psychischen Strukturen. Seine zehnjährige Irrfahrt mit ihren mannigfaltigen Herausforderungen und Aufgaben erkennen die Autoren treffend als eine Reise durch sein Unbewusstes mit den Spiegelungen unterdrückter psychischer Aspekte. Das Netz zeigt aber auch die emotionale Verbindung der beiden.

Der Haufen Sand wird zur rituellen Stätte. Penelope sucht diese mehrfach auf, um offensichtlich rituelle Handlungen auszuführen. Nach der Vorstellung erfuhr ich von Nadja Puttner selbst, dass es sich um ein Gerstenopfer handelte. (Das biblische Gerstenopfer ist eine Erstlingsgabe für den Herrn. Gespendet aus der ersten oder frühen Ernte, sprechen die Erstlinge von dem kommenden Rest, der großen Ernte.) Gelebte Hoffnung also.

Penelope erlebt, als alleinerziehende Mutter von Telemach, ganz heutige Diskriminierung. Das Autorenteam beleuchtet das Frausein Penelopes von allen Seiten. Auf beeindruckende Weise stellt Puttner die Zerrissenheit einer Frau zwischen ihren körperlichen und seelischen Bedürfnissen einerseits und andererseits den äußeren, durch die Gesellschaft, Odysseus und einverleibte Wertvorstellungen repräsentierte Anforderungen an sie dar. Reste matriarchaler Kultur in ihr bäumen sich auf gegen ein inzwischen übermächtiges Patriarchat, mit dessen zerstörerischen Wirkungen die beiden Autoren das Stück durchweben.

Odysseus‘ Erwartung bei seiner Heimkehr, nach 20 Jahren einfach fortfahren zu können, muss zwangsläufig enttäuscht werden. Vieles hat sich inzwischen verändert. Auch seine Frau, die in ihrem Ringen um Selbstbehauptung auch einen Liebhaber hatte. Amphinomos, einer der 108 Freier, erweckte ihren abgestorbenen Körper wieder zum Leben.

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Nadja Puttner: MYTHOS. (c) Martina Stapf

Die stärkste Szene des Stückes ist ein getanztes Duett, in dem sie die Ambivalenzen ihrer Beziehung zueinander in Bewegung umsetzen. Naja Puttner hat, auch für den Schauspieler, der sich hier als überraschend guter Tänzer erweist, einen bewegenden Tanz choreografiert, der Attraktion und Abstoßung, Nähe und Distanz, Höhen und Tiefen dieser Verbindung fühlen lässt. Am Ende aber bleibt die Liebe, die durch alle Häute hindurch den Kern erschaut. Und liebt.

„MYTHOS“ ist eine sehr komplexe, vielschichtige, aufwändig recherchierte und anspruchsvolle Arbeit, abwechslungsreich inszeniert und choreografiert. Mit einer teils kraftvolleren, ja wuchtigen Musik könnte die emotionale Wirkung sicher noch verstärkt werden.

Rando Hannemann

„MYTHOS. The Beginning of the End of the Story.“ von Nadja Puttner und Sascha Becker. Premiere am 07. Oktober 2021 im TheaterArche Wien.

 

 

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