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WIEN/ Theater Nestroyhof Hamakom: Loulou Omer mit „HiStorieS – Angelus Novus“

07.02.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ Theater Nestroyhof Hamakom: Loulou Omer mit „HiStorieS – Angelus Novus“

 Halbtransparente Vorhänge verlegen Gewesenes und ferne Orte hinter einen Schleier. Die israelisch-österreichische Choreografin, Tänzerin, Pianistin, Komponistin, Sängerin und Lyrikerin Loulou Omer schaut in dieser so persönlichen Solo-Arbeit auf das, was sie prägte, erzählt ihre Geschichten und schreibt damit Geschichte. Der Aufführungsort, das Wiener Theater Nestroyhof Hamakom mitten im jüdisch geprägten Zweiten Wiener Gemeindebezirk, verführt die Zuschauenden zu schuldgefärbtem Tunnelblick. Doch weit gefehlt.

 Die Projektion des 1920 von Paul Klee gezeichneten „Angelus Novus“, einem „jungen Engel, der erst noch werden muss“, eröffnet einen Reigen aus multidisziplinären, ineinander verschränkten, überlagerten und dramaturgisch klug gesetzten künstlerischen Beiträgen. Klaviermusik, auch zwei Stücke ihres Großvaters, eigene Kompositionen und solche ihrer Söhne sowie von Henry Purcell erklingen, wie ihr Gesang mal live präsentiert und mal eingespielt (Sound: Gustavo Petek, Yasir Ipek).

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 Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Wir sehen Foto- und Video-Projektionen (Scenographie: Loulou Omer mit Sophie Baumgartner und Bartek Kubiak) mit Motiven aus ihrer Kindheit, von kargen Landschaften (Tal Omer) und von Aufnahmen der vor den Nazis nach Israel geflüchteten und dort zu einer bedeutenden Tänzerin und Choreografin avancierten österreichisch-jüdischen Künstlerin Gertrud Kraus. Für Kostüm und Make-up ließ sich Sophie Baumgartner offensichtlich von dieser inspirieren, so wie Loulou Omer von deren Tanzsprache. Lyrik, eigene und ein Gedicht ihres Vaters, des israelischen Dichters Ayin Hillel, wird projiziert und rezitiert.

 Mit „HiStorieS – Angelus Novus“ webt Loulou Omer einen performativen Teppich aus eigenen Erinnerungen, Reminiszenzen an Vater, Urgroßvater, Gertrud Kraus und ihre Mutter, deren Schülerin und später Tänzerin in deren Kompanie, an ihre Ausbildung zur Pianistin, an ihre parallelen Karrieren als Lyrikerin und als Tänzerin und Choreografin. Das Material rekrutiert sie aus einer Fülle von Kunstformen, Sprachen und Ästhetiken.

 Gefügt in ein mehrdimensionales Bühnenbild schafft Omer einen Raum für Assoziationen, vollgepackt mit direkten und metaphorischen Verweisen. Ein viel zu großer Tisch hinter dem Vorhang zum Beispiel wird zum Symbol für physische und psychische Realitäten in der Kindheit. Später dann, als Tanz-Plattform, für Wachstums-, Reifungs- und Erkenntnis-Prozesse.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Gerahmt allerdings wird, auf einer Meta-Ebene, alles von der mehrfachen Auseinandersetzung des deutsch-jüdischen Kultur-Philosophen Walter Benjamin mit der Zeichnung Klees, die er 1921 auch käuflich erwarb. Benjamin, der 1940 im Alter von 48 Jahren auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord beging, deutet darin diesen Engel als Engel der Geschichte, der die vielen Katastrophen in der Geschichte der Menschheit als eine einzige begreift. Die Trümmerhaufen hinter sich zurück lassend treibt sich der Mensch mit dem, was er Fortschritt nennt, immer weiter weg vom Paradies.

 Unter diese poetisch-philosophische Deutung subsummiert Omer ihre so komplexe Arbeit und verleiht dem Individuellen damit eine universelle, ja spirituelle Bedeutung. Über die gegenseitige Durchdringung einer Fülle von akustisch-visuellen Abbildern und Wirklichkeiten generiert Omer ein integratives, die Deutung Benjamins fortentwickelndes Geschichtsbild, das die von der Geschichte vorgeschlagenen Reparaturleistungen der Gegenwart und ihren Menschen überantwortet. Womit sie deren Zukunft meint.

 HiStorieS – Angelus Novus“ ist, dem Augenscheine nach, eine sehr persönliche Geschichte. Dieses Stück ist jedoch ein zutiefst emphatischer, liebevoller Blick auf das Menschsein im Allgemeinen. Obwohl ihre eigene Geschichte auch Resultat gewaltvoller Ereignisse ist, formuliert Loulou Omer eine Botschaft für den Frieden. Sie schlägt Projektion vor, eine, die diesen psychologischen Mechanismus auf eine höhere, die bewusste Ebene hebt und damit die Trennung zwischen dem Einzelnen und den Anderen überwindet. Aus einem Einzelschicksal wird kollektive Erfahrung, aus Nabelschau wird Empathie.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Das Stück ist wie eine melancholische Blaupause, die man über alle durch Krieg, Gewalt und Vertreibung verwundeten Kulturen, Vergangenheiten und individuellen Leben legen kann. Die viele Jahrhunderte währende leidvolle Geschichte der Juden, hier zeitlich konzentriert auf die letzten einhundert Jahre und heruntergebrochen auf Loulou Omers Geschichte und die ihrer Familie, ist konkret und Metapher zugleich.

 Den jüngsten Ereignissen in Palästina, in lyrischer und Liedform thematisiert, der Gewalt autoritärer Regime, ob islamistisch, kommunistisch oder alternativ-fundamentalistisch gerechtfertigt, vor allem aber der patriarchal induzierten Diskriminierung von Frauen gibt diese Performance Namen und Gesichter. Das Ausmaß der Traumatisierungen ist immens, die Bewältigung dieser eine riesige gesellschaftliche und individuelle Aufgabe.

 Loulou Omer schnürt hierzu ein Paket von künstlerischen, geistigen und emotionalen Werkzeugen.

Multidisziplinär, multilingual, multikulturell und, bei allem so persönlichen Bezug, das metaphorische Potential jeder der vielen Begebnisse, Anekdoten und Geschichten hebend. Und daraus wird Geschichte, geschrieben von einer, die sich ungefragt und doch aufgefordert von ihrem Gewissen und ihrer Empathie korrigierend einmischt in die Erzählungen der Mächtigen und Sieger.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Deren Vergessen und Verdrängen stellt sie ein individuelles, mithin kollektives Nicht-Vergessen und Nicht-Verdrängen als Antithese gegenüber. Der künstlerische Prozess wird zu einem heilenden. Er macht nichts ungeschehen, er integriert und wendet das Erlittene in Hingenommenes. Ohne Groll. Aus Ablehnung und innerem Widerstand wird konstruktive, schöpferische Kraft, aus lähmender Nostalgie wird bewusst gemachte Identität, aus Vergangenheit wird Wurzelwerk. Aus verbrannter Erde sprießt frisches Leben.

 Sie weist zudem auf die Gefahren hin, die unverarbeitete Traumata heraufbeschwören. Einstige Opfer werden selbst zu Tätern, die ihren Schmerz versuchen zu betäuben mit hingenommenem respektive aktiv zugefügtem fremdem Leid. Und sie formuliert Mahnung und Warnung. Sie kehrt uns am Ende den Rücken zu, Bilder ihrer Vergangenheit betrachtend. Benjamins Deutung des „Angelus Novus“ wird hier physische Realität.

 Sie schließt den Kreis. Am Anfang zeigt sie uns das Bild vom Engel. Am Ende zeigt sie dessen Geist. Dazwischen häuft sie Stück um Stück, aus Splittern nur, jenen emotionalen Trümmerhaufen, jene manifesten Katastrophen, die der Engel der Geschichte, seinen Rücken der Zukunft zugewandt, nur zu gern reparieren würde. Doch der Sturm des Fortschritts reißt ihn mit sich, fort von dem Ort, der Heilung noch erlaubte. Was bleibt, sind die Narben in Seelen und Geschichte, sind (ihre) Trauer, Schuld, Scham und Wut.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Sie tanzt zwischen projizierten Flügeln. Sie durchbricht den Schleier. Sie überwindet die Trennung zwischen Gestern und Heute, zwischen dort und hier und zwischen Du und Ich. Sie selbst wird zum Engel der Geschichte. „HiStorieS – Angelus Novus“ ist die Geschichte einer Bewusstwerdung, einer Integration, einer Selbstermächtigung und Emanzipation. Sie erkennt, dass es möglich ist und sie tut es: Im Sinne der Benjaminschen Kritik an der messianischen Hoffnung auf Erlösung übernimmt sie Verantwortung, für ihre individuelle Geschichte und für die von uns allen. Sie baut aus Trümmern ein neues, ein anderes Haus. Für sich und für uns alle, mit all unseren Geschichten. Und sie lädt uns ein in jenes neue Heim. Sie lädt uns ein, so reich zu sein wie sie.

 Das handwerklich exzellent umgesetzte Stück voller poetisch-metaphorischer Kraft ist mehr als Wissen. Es geht viel tiefer. Es erzählt uns von den Ur-Sehnsüchten nach Frieden und Miteinander und von der Erfahrung, von ihrer und unserer. Es dringt einem in die Eingeweide, wühlt auf, macht Mut. Dazu nämlich, dass wir, wenigstens und endlich einmal wir, unserer Verantwortung für uns und unsere Zukunft gerecht werden. Indem wir unsere Geschichte schreiben, erlöst von allen ideologisch-religiösen Fesseln. Das ist ihre Hoffnung. Mehr noch: ihre Gewissheit. Weil wir es sind und wir es können.

 

Loulou Omer mit „HiStorieS – Angelus Novus“ am 05.02.2026 im Theater Nestroyhof Hamakom Wien.

 Rando Hannemann

 

 

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