Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Theater im Park: HAUSER, JAUS, NIAVARANI & SWOBODAS PHILHARMONISCHES STREICHQUARTETT

21.09.2020 | Konzert/Liederabende

Niavarani (mit dem Schwert Nothung fuchtelnd), Sigrid Hauser und Otto Jaus erzählen, unterstützt von einem  Streichquartett, Wagners „Der Ring des Nibelungen“. Foto: Manfred A. Schmid

WIEN / Theater im Park: HAUSER, JAUS, NIAVARANI & SWOBODAS STREICHQUARTETT

20. September 2020

Von Manfred A. Schmid

Sie haben noch nie von Swobodas Philharmonischem Streichquartett gehört? An diesem kurzweiligen Sonntagnachmittag im innerhalb weniger Wochen bereits zu einer unentbehrlichen Wiener Kulturinstitution avancierten Theater im Park lässt Hausherr Michael Niavarani die Bombe platzen: Sein Großvater väterlicherseits war 1. Geiger bei den Wiener Philharmonikern. Bumm! Ein Philharmonisches Streichquartett – bestehend aus Alina Pinchas, Thomas Küblböck, Sebastian Führlinger und David Pennetzdorfer – steht daher wie selbstverständlich auf der Bühne und unterstützt Sigrid Hauser, Michael Niavarani und Otto Jaus, der einmal ein putziger Wiener Sängerknabe im Matrosenanzug war und heute die eine Hälfte des Duos Pizzera & Jaus abgibt, bei ihrem Unternehmen, eine Brücke zwischen der so genannten E- und der U-Musik zu schlagen, bzw. vor Augen – besser: vor Ohren – zu führen, dass diese Unterscheidung, sollte sie je gegolten haben, längst obsolet geworden ist. Daher spielt das zu lustigen Streichen aufgelegte Streichquartett zunächst einmal ein paar Stücke aus Eine kleine Nachtmusik (mit Quizfrage an das gut gelaunte Publikum nach dem Namen des Komponisten), dann aber hört man bald  – auf Zuruf der drei Protagonisten – Kostproben aus einem für die Musiker, wie man annehmen darf, entlegeneren Repertoire: einen feurigen Tango, Hava nagila, einen Song von Billie Eilish sowie schifoan des Austrobarden Wolfgang Ambros, bei dem das Publikum zum Mitsingen aufgefordert wird und dieser Einladung auch gerne Folge leistet. Der Überraschungseffekt dieser Übung besteht darin, dass die Streicher alsbald jeweils wieder „abbiegen“ und in Mozarts Nachtmusik einmünden. Und viele im Publikum bemerken den Übergang zunächst kaum. Quod erat demonstrandum. So wird ihnen die Scheu vor der „hohen“ und „hehren“ Kunst genommen, wozu auch Sigrid Hauser beiträgt, wenn sie frisch frei Arien des Cherubino trällert, oder wenn Otto Jaus einen auf Figaro macht und sich dann sogar an Puccinis Lucevan le stelle vergeht, pardon: versucht. Außerdem erfährt man, so nebenbei eingestreut, dass Hauser und Niavarani einmal miteinander liiert waren.

Im Programm mit dem Untertitel „Das kenn ich – was ist das? oder Wozu die gan… (zu ergänzen wäre: …ze Kunst)“ wird, das gehört bei Niavarani dazu, wie selbstverständlich auch viel geblödelt. Es geht, quasi als Aufwärmrunde, um Zitate aus der Theaterliteratur, wobei das von Niavarani genau analysierte Götzzitat natürlich nicht fehlen darf. Der Kabarettist liebt an der Kunst, wie er bekennt, vor allem die Pannen, also die Momente, wenn etwas schief geht. Dazu passend werden Theateranekdoten zum Besten gegeben. Überlieferte, wie eine von einem „Hänger“ des großen Raoul Aslan, aber auch von Hauser & Co. Selbsterlebtes.  

Eingerahmt wird das ganze Programm von eine nach Beethoven klingenden, rasanten Streichquartettsatz und einer Passacaglia von Händel. Ein Höhepunkt gegen das Ende hin ist die mit verteilten Rollen durchgeführte Erzählung von Wagners Der Ring des Nibelungen in – angekündigt – 15 Minuten. Das Streichquartett steuert an den passenden Stellen die dazugehörigen Leitmotive bei. Das ist recht witzig, vor allem wenn Sigrid Hauser die Siegfried-Geschichte als Hugo-Wiener-Couplet in der perfekt imitierten Interpretationsart von Cissy Kraner („Aber den Siegfried, den lass i net verkommen“) schildert. Wenn das tatsächlich nur 15 Minuten gedauert hätte, wäre die Wirkung wohl besser gewesen. So dauert es aber fast doppelt so lang, und da hat das Interesse an diesem Ring spürbar nachgelassen. Und man ist dennoch nur bis zur Walküre gekommen.

Ein besonderes Schmankerl ist die vom Streichquartett fulminant exekutierte, schräge Polka aus des Ballett Das goldene Zeitalter von Dmitri Schostakowitsch. Ob die von Niavarani angebotene Herleitung der „Schrägheit“ der Komposition auf den vermutlichen Genuss von zu viel Alkohol zutreffend sein könnte, soll hier nicht weiter diskutiert werden. Am Schluss wird der am Beginn ausprobierte Überraschungseffekt umgekehrt: Das Streichquartett spielt Klassisches und biegt dann in das weite Feld der Popmusik ab, was Hauser und Jaus die Möglichkeit bietet, ihre Coverversionen von Evergreens in einem munteren Medley zum Besten zu geben. Oder aber, noch interessanter, sie singen zum klassischen Hintergrund Songs bis hin zu Kinderliedern. Das Publikum ist ergfreut und klatscht begeistert mit. Damit haben Hauser, Jaus, Niavaran & Swobodas Streichquartett ihr Ziel, den Graben zwischen U- und E-Musik einzuebnen, wohl erreicht und wieder einmal den Nachweis dafür erbracht, dass es in Wahrheit nur ein Unterscheidungsmerkmal gibt: Gute oder schlechte Musik

21. 9. 2020

 

Diese Seite drucken