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WIEN / Theater der Jugend: DIE NIBELUNGEN

16.04.2013 | Theater

 

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
DIE NIBELUNGEN von Gerald Maria Bauer und Thomas Birkmeir
Premiere: 16. April 2013  

Als ich ein Kind war, spielte das „Theater der Jugend“ Märchen. Dann viele „Klassiker“ zwischen Nestroy und Shakespeare mit Schauspielern, von denen später viele auf Wiener Bühnen lokale Berühmtheiten wurden. Wo heute die Aufgaben eines Theaters der Jugend liegen, scheint der derzeitige Direktor der Wiener Institution (es gibt dergleichen ja in den meisten Großstädten) sehr gut zu meistern. Dennoch werfen sich bei den nun angebotenen „Nibelungen“ ein paar Fragen auf.

Der Direktor selbst, Thomas Birkmeir, und sein Chefdramaturg Gerald Maria Bauer, der auch inszenieren durfte, haben die zweistündige Theaterfassung des klassischen mittelhochdeutschen Epos erstellt, das nicht nur wegen Richard Wagner (aber natürlich auch durch ihn und seine geniale Neudichtung mit Hilfe der „Edda“) zum festen Bestandteil unserer Kultur zählt. Selbstverständlich kann man es bearbeiten, wie man will, als „Material“ betrachten, was ja heute die übliche Gangart ist, und die Geschichte nach Belieben erzählen.

Im Fall der Neufassung, die nun im Theater im Zentrum herauskam, deklamieren zwei als „Engel“ verkleidete junge Männer zuerst den berühmten Anfang („Uns ist in alten mæren /  wunders vil geseit / von helden lobebaeren / von grozer arebeit“) in der mittelhochdeutschen Fassung, was die Kinder im Publikum vielleicht kurz verwirren wird. Dann stellt sich heraus, dass die beiden – hier kurz Sigi und Ruodi genannt, nicht historisch – die ungeborenen Söhne von Kriemhild und Brünnhild sein sollen, die sich aus dem Jenseits ihre Familiengeschichte ansehen und kommentieren. Sie wechseln vom Mittelhochdeutschen schnell in eine flapsige Gegenwartssprache, und dabei bleibt es auch.

Wenn der „Werbetext“ des Theaters das wilde Geschehen mit „Dallas“ und „Denver“ vergleicht, dann weiß man auch, auf welchen Wegen der Mythos den Kindern nahe gebracht werden soll – nämlich banal heutig. Wenngleich die Kostüme (Jessica Karge) sozusagen die „Ritterzeit“ beschwören, während das geschickte Bühnenbild (Vinzenz Karl Gertler), das Vorderbühne, Hinterbühne, Stufen auf klassische Weise kombiniert, hingegen neutral ist. Darauf tobt dann die gebotene Klamotte herum.

Es beginnt mit einer zickigen Krimhild, die gar nicht gehorsam ist und einen bramarbasierenden Etzel nicht heiraten will. Dann taucht Siegfried als tumber Tor auf, und die Geschichte wird im Affentempo durcheilt, wobei sich die Autoren immer weiter von der originalen Handlung entfernen – besonders schlimm am Ende, wenn in knappen zehn Minuten noch Krimhilds Rache angehängt wird und sich plötzlich auch Brünnhild am Hof des Hunnenkönigs einfindet, damit die einst so feindlichen Ladies nun gemeinsam Frauenpower feiern können, nachdem alle Männer weggefegt sind…

Wie gesagt, machen kann man, was man will, dem Original tut es nicht wirklich weh, das bleibt unbeschädigt. Aber was zeigt man den Kindern da eigentlich? Eine alberne Posse, in der sie vielleicht erstmals Siegfried begegnen. Sie bekommen keinen wirklichen Einblick in die Geschichte, und sollte ihnen dann in der Schule wenigstens in Rudimenten das „Nibelungenlied“ unterkommen (obwohl ich nicht sicher bin, ob dergleichen heute noch unterrichtet wird), müssen sie vermutlich feststellen, dass das gar nicht lustig ist. Kurz, der Sinn des Unternehmens ist nicht wirklich einzusehen.

Dass die Aufführung im Theater im Zentrum flott läuft, dass Irena Flury als Krimhild und Sara Livia Krierer als Brünnhild zwei starke Frauen sind, die tatsächlich die Männer wegfegen, allerdings als Darstellerinnen (Johannes Gaan als Siegfried, Michael Schusser als Gunter und Simon Jaritz  als denkbar farblosester Hagen von Tronje, dazu noch Uwe Achilles und Horst Eder), stellt man ebenso fest wie die nette Art, mit der die beiden Rahmen-Ungeborenen – Stefan Rosenthal als Sigi, Ralph Kinkel als Ruodi – stellenweise erwägen, ob es nicht besser wäre, nicht geboren zu werden, wenn man sich das Gemetzel auf der Erde ansieht.

Andererseits beschließen sie, als die Mamas dann doch mit ihnen schwanger sind (von wem eigentlich?), es besser zu machen als die Vorfahren – und das ist dann offenbar die Botschaft, die Direktor und Dramaturg an ihr jugendliches Publikum senden. Die Nibelungen hätte man dafür nicht unbedingt auf die Bühne bringen müssen.

Renate Wagner

 

 

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