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WIEN / Theater an der Wien: WAGNER 1863

05.01.2013 | Konzert/Liederabende

 

WIEN / Theater an der Wien:  WAGNER 1863 – 5. Jänner 2013  

Das Theater an der Wien ist jenes Musiktheaterhaus der Stadt, in dem man sich konzeptionell am meisten den Kopf zerbricht – man hat auch, frei vom Druck des Repertoirebetriebs, mehr Zeit und Raum dafür als die anderen. Man kann das Wagner-Jahr ganz spezifisch beginnen, an den Meister nicht nur zu seinem 200er denken, sondern auch ein rundes Datum des Theaters an der Wien feiern.

Vor 150 Jahren nämlich war der 50jährige Wagner in Wien, in der (wie sich herausstellte: vergeblichen) Hoffnung, die Hofoper würde „Tristan und Isolde“ aufführen. Wie immer knapp bei Kasse, musste er Konzerte veranstalten und wählte dafür des großen Fassungsraumes wegen das Theater an der Wien. Die Termine waren der 26. Dezember 1862, sowie der 1. und 11. Jänner 1863, und alle drei Konzerte nachzustellen, wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Aber eines hätte man wenigstens – der historischen Pointe wegen – exakt nachvollziehen können? Nun, das wurde es nicht, man ist nur (datumsmäßig quasi in der geometrischen Mitte der damaligen Jänner-Konzerte) grundsätzlich verfahren wie Wagner, indem man (mit einer Ausnahme) „lauter Effektstücke“ wählte…

Roland Geyer hielt es für nötig, vor dem Konzert zu erscheinen und einige Erklärungen abzugeben: Wagner überhaupt, wenngleich er an sich im Spielplan seines Theaters absolut nicht vorgesehen war (ich schreibe jetzt nicht „Was gebe ich auf mein Geschwätz von gestern“, obwohl ich nicht annehme, dass ich dann auch hier aus dem Haus fliege, ich meine also: „Man kann ja seine Meinung ändern“), außerdem als Interpreten absolute Nicht-Wagner-Spezialisten, nämlich das Ensemble Les Musiciens du Louvre und Dirigent Marc Minkowski, der sich gerade erst auf Wagner zuarbeitet. Der besondere Aspekt: Ein Ensemble mit Originalinstrumenten vermittelt wohl eher den Eindruck, wie die Musik zu Wagners Zeiten selbst geklungen hat. Also – scheinbar beste Voraussetzungen.

Das Ergebnis war dann nicht so glanzvoll. Abgesehen davon, dass der Abend mit der „Faust“-Ouvertüre begann, die vermutlich deshalb so selten gespielt wird, weil sie absolut kein sonderlich inspiriertes Werk ist. Das Angebot war kurz und bündig, drei „Ouvertüren“ (Meistersinger-Vorspiel, Tannhäuser, rasch noch der „Rheingold“-Auftakt ins Programm gehievt, der nicht vorgesehen war), der Walkürenritt und als gesungene Passagen „Pogners Anrede“ (heißt das wirklich so? Man lernt nie aus), „Sigmunds Liebesgesang“ (besser bekannt als „Winterstürme“) und Wotans Abschied (daran gibt es formulierungsmäßig wenigstens nichts zu rütteln). Hätte es nicht den Walkürenritt da capo als Zugabe gegeben, schließlich noch im Chor französische Wünsche von Dirigenten und Orchester für das Neue Jahr – es wären keine zwei Stunden geworden. Bits and pieces sind auch bei einem Komponisten wie Wagner eben nur kleine Stückchen.

Nun, er klingt auf den Originalinstrumenten tatsächlich anders, wir sind das schwere Blech gewöhnt, das bombastische Schlagzeug, hier kam alles gedämpft, was kein Unglück war. Schade nur, dass es auch so temperamentlos erklang. Hätte Minkowski sich den „Rheingold“-Auftakt erspart, wäre nicht so quälend klar geworden, wie wenig er imstande ist, den schier unglaublichen „Sog“ der Musik (welches Werk hebt faszinierender an?) zu beschwören. Sicher, manches ist schön – wenn die Venusberg-Sequenzen in der „Tannhäuser“-Ouvertüre irisieren, kann das ein Orchester mit so starken kammermusikalischen Qualitäten sehr überzeugend bringen. Aber im großen und ganzen ist es nicht das besondere Ereignis eines „alternativen Wagner“ geworden, der für einen wirklich interessanten Abend gesorgt hätte.

Und die Sänger trugen auch nicht dazu bei, ihn aufzuputzen, Endrik Wottrich schon gar nicht, wie man leider sagen muss. So, wie er die „Winterstürme“ singt, wirken sie nicht einmal wie ein stilles Mai-Lüfterl, so unfähig ist er, irgendetwas über die bloßen Noten hinaus auszudrücken.

Wottrich kam immerhin im Frack, er weiß sozusagen, was sich gehört. Evgeny Nikitin kam mit Pferdeschwanz im schwarzen Hemd (Hose und Schuhe wirklich schäbig wirkend) auf die Bühne, als wär’s ein Heavy Metal-Konzert. Nur wer besonders neugierig lugte, konnte beim letzten oberen Hemdknopf eine Ahnung von jener Tätowierung erahnen, die ihn letzten Sommer den Bayreuther Holländer gekostet hat. Ob der Verlust groß war? Immerhin, für einen Russen ist seine deutsche Artikulation vorbildlich, die für einen Bassbariton relativ helle (das heißt: in der Tiefe fühlt er sich nicht wohl), metallige, nie klangschöne Stimme lässt zwar ahnen, dass der Mann weiß, was er singt, aber die Figur dahinter (Pogner schon gar nicht und Wotan auch nicht) überzeugt wahrlich nicht. Kurz, es war alles in allem ein dürftiges Unternehmen.

Natürlich mutete es ungemein sympathisch an, als das Orchester dem Publikum ein gutes Jahr wünschte. Wir ihnen auch. Sie müssen ja nicht Wagner spielen.

Renate Wagner

Wie wenig etwa der Kritiker des „Standard“ von der „Tannhäuser“-Ouvertüre hielt, zeigte er deutlich, als er mitten drin begann, seine Mails zu checken und mit dem intensiven, aufdringlichen Fluoreszieren seines Displays die Umgebung ziemlich zu stören…

 

 

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