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WIEN/ Theater an der Wien: THE FAIRY QUEEN. Derniere

31.01.2017 | Oper

TadW THE FAIRY QUEEN30.1.2017  (Premiere am: 19.1.2017) –

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Copyright: Monika Rittershaus

Es war die Dernière und bereits nach wenigen Minuten war evident, dass die Musik Purcells unter der musikalischen Leitung des Barockspezialisten Christophe Rousset und dem routiniert musizierenden Orchester Les Talens Lyriques einen Besuch dieser selten gespielten Masque auf jeden Fall lohnt. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass ein fehlerfreies Trompetenspiel bei jener historischen Aufführungspraxis, der sich Orchester und Dirigent verschrieben hatten, nicht möglich ist. Und hierin liegt leider auch die Crux dieses Abends. Dieser Semi-Oper, die am 2. Mai 1692 im Queen’sTheatre, Dorset Garden in London uraufgeführt wurde, liegt eine anonyme Bearbeitung von Shakespeares „A Midsummer Night‘s Dream“ zu Grunde. Auch wenn das Programmheft Thomas Betterton (1635-1710) als Librettisten nennt, ist dessen Urheberschaft nicht gesichert. Die Gattung der „Semi-Opera“, die aus einem Theaterstück mit musikalischen Zwischenspielen besteht, gelangte in England unter Purcell zu kurzer Blüte. Ihre Eigentümlichkeit besteht nun  darin, dass der Schauspielteil eigentlich nichts mit den musikalischen Intermezzi zu tun hat. Dies hat wohl die französische Regisseurin Mariame Clément, unterstützt von Julia Hansen, die auch die triste Ausstattung entwarf, und Lucy Wadham, die den Text ergänzte und auch die möglichen  Gedanken der handelnden Personen auf die Bühnenrückwand projizieren ließ, dazu bewogeneine szenische Neukonzeption zu erstellen. Die Lichtregie von Ulrik Gad blieb eher nüchtern und unauffällig.

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Copyright: Monika Rittershaus

Die ohnehin nur mehr rudimentäre Handlung des zur Zeit Purcells bereits etwa hundert Jahre alten Shakespeare’schen Sommernachtstraumes wird nun mit der Premierenfeier zu Beginn in einer Rückblende auf der Probebühne als „Work in Progress“, wo auch Hausherr Roland Geyer als Intendant mitwirken darf, langatmig exerziert und endet schließlich wieder auf der Premierenfeier. Die Protagonisten werden dabei mit ihren Namen und den dazugehörigen Berufen am Theater aufgelistet. Neben der Sopranistin gibt es noch den Regisseur Kurt S., den Ausstatter Florian B., genannt Boesch, die Dramaturgin Marie-Claude C., den Regieassistenten Florian K. und die Requisiteurin Carolina L. Sprechen dürfen sie freilich nicht, sondern, abgesehen von ihren Gesangseinlagen, lediglich pantomimisch agieren.

Dieses Konzept ist freilich nicht ganz neu, hat doch bereits Mary Zimmerman ihre Sonnambula mit Dessay und Flórez als Opernprobe auf einer Probebühne  der Metropolitan Opera New York 2009 spielen lassen. Und der Vollständigkeit halber sei hier noch an Albert Lortzings komische Oper in einem Akt  „Die Opernprobe“ (1851) erinnert. Und noch ein pikantes Detail aus meiner Studienzeit am Institut für Theaterwissenschaft in Wien möchte ich nicht schuldig bleiben. Der Grund, weshalb Titania bei Shakespeare einen Esel und nicht irgendein anderes Tier liebt, liegt darin, dass dieser mit einem übergroßen Geschlechtsteil ausgestattet ist, und das Publikum der Restaurationszeit an dieser derben Anspielung bei  Shakespeare seinen Gefallen fand. Späteren Generationen ist diese Erklärung aber gänzlich verloren gegangen.

In formaler Hinsicht ist das Stück auch nach seiner Neukonzeption noch immer in fünf Akte aufgeteilt, die durch vier verschiedene musikalische Maskenspiele verbunden werden. Der Text wird von mehreren Solisten und dem Chor gesungen, der zumeist den musikalischen Inhalt der Arien wiederholt. Der Versuch des Regiedamenteams eine plausible Handlung der beteiligten Personen auf der Probebühne samt ihren sexuellen Vorlieben, enttäuschten Hoffnungen und verzweifelten Ausbrüchen zu entwickeln, war leider zum Scheitern verurteilt. Zu sehr klafften die musikalische Seite und die Bühnenhandlung auf. Kurt Streit wirkte als Regisseur in einer Schaffenskrise glaubwürdig und agierte als bebrilltes Nervenbündel äußerst komisch. Florian Boesch gab einen trunkenen amourösen Ausstatter dämonischen Ausmaßes. Rupert Charlesworth und Florian Köfler repräsentieren als Schauspieler bzw. Regieassistent die komische und die tragische Wurzel des Theatralischen. Anna-Maria Sullivan, die zunächst die Rolle der Titania als unvorbereitete Diva im Pelz äußerst spielfreudig interpretierte, wurde, nachdem sie der Regisseur hinausgeworfen hatte, von der „Choristin“ Anna Prohaska ideal ersetzt. Von der mit einem Paar Engelsflügel herumlaufenden Requisiteurin Carolina Lippo scheint niemand ernsthaft Notiz zu nehmen. Und dann ist noch die betrogenen Dramaturgin Marie-Claude Chappuis, die sich erst dann gesanglich entfalten darf, als eine Urwalddekoration vom Bühnenboden herabgelassen wird, wie sie besser zur „Indian Queen“ von Purcell gepasst hätte. Einige Mitglieder des Arnold Schoenberg Chors unter seinem verdienten Leiter Erwin Ortner traten in dieser Produktion auch solistisch auf: Zeljko Zaplatic als Dirigent, Angharad Gabriel als Chorleiterin, Kurt Kempf als Lichtdesigner, Viktor Mitrevski als Korrepetitor, Elke Voglmayr als Souffleuse, Guillermo Pereyra als Quince, Patrick Maria Kühn als Starveling, Stefan Dolinar als Snug und Andreas Werner als Snout.

Nach der Pause hatten sich doch die Reihen im Zuschauerraum etwas gelichtet. Am Ende wurden alle Mitwirkenden dennoch vom verbliebenen Teil des Publikums enthusiastisch mit Applaus gesegnet.Ich persönliche hätte allerdings einer konzertanten Aufführung den Vorzug gegeben, weder war diese Vorstellung „fairy“, obwohl zwei männliche „fairies“ aus dem Arnold Schoeberg Chor einander noch zärtlich umarmen und küssen durften, noch gab es eine Queen, die dieses Attribut verdient hätte.

Harald Lacina

 

 

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