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WIEN / Theater an der Wien: IL TRITTICO

10.10.2012 | Oper

 

WIEN / Theater an der Wien: 
IL TRITTICO von Giacomo Puccini
Premiere: 10. Oktober 2012  

Das hat sich Intendant Roland Geyer vermutlich nicht träumen lassen, als er im Frühjahr die diesjährige Saison seines Hauses präsentierte: Dass nämlich im Herbst jeder den jungen, aus Venedig stammenden Regisseur Damiano Michieletto kennen würde. Kunststück, er hat bei den Salzburger Festspielen die Müllhalden-„Bohème“ mit Anna Netrebko inszeniert, die auch über sämtliche Fernsehsender lief. Nun hat er sich für das Theater an der Wien mit Puccinis „Trittico“ auseinander gesetzt. Das war schwieriger. Und ist noch besser gelungen als seine Salzburger Inszenierung.

Einige der Schwierigkeiten des nicht übermäßig populären „Dreiteilers“ hat Michieletto auf Anhieb erkannt und erfolgreich bekämpft. Etwa, dass der Abend mit drei Stücken, von denen jedes etwa eine knappe Stunde währt, mit zwei Pausen sehr lang wird. Folglich lässt er den einleitenden „Il Tabarro“ pausenlos und so gut wie fugenlos in die „Suor Angelica“ übergehen. Nur kleine Verwirrung im Publikum, man „gneißt“ ganz schnell, was da geschieht – und vor der Pause gibt es mit zwei Tragödien nacheinander einen wahren Hammer, der das Publikum wirklich packt. Nach der Pause dann „Gianni Schicchi“, der heitere „Drüberstreuer“. Drei Werke, die im Grunde nicht zusammen passen und auch nichts miteinander zu tun haben (dass sie als „Trittico“, alle zusammen, kaum gespielt werden, zeugt  ganz deutlich dafür): Michieletto fand das Bühnenbild als einigendes Band, mehr noch, er verweist am Ende wieder auf den Anfang. Der Gianni Schicchi, der sich lachend vom Publikum verabschiedet, hat wieder den „Mantel“ des ersten Stücks angezogen, sich in den Michele verwandelt, der er dort war, und auch vielen der Interpreten ist man in mindestens zwei, wenn nicht in allen drei Werken begegnet. Im Theater an der Wien ist das „Trittico“ aus einem Guß.

Dass Regisseure ihre „Masche“ haben, ist bekannt, und wenn man das Ufer der Seine, wo der „Tabarro / Mantel“ ursprünglich angesiedelt ist,  einfach durch eine Fülle von Containern ersetzt findet (Ausstattung: Paolo Fantin für die einfallsreiche Bühne, Carla Teti für die Kostüme im Dienst der Regiekonzeption), mag man denken, Damiano Michieletto sei einfach denselben Weg gegangen wie in der „Bohème“ – man verwandle ein „romantisches“ Milieu in ein schäbiges. Im Prinzip mag das stimmen, aber im „Mantel“ wird noch ganz die Geschichte erzählt, die vorgegeben ist – ein vom Unglück zerfressener Mann, eine liebessehnsüchtige Frau, ein Liebhaber, der erst zu ein bisschen Sex, dann zu Tode kommt. Das ergibt sich im heutigen Container-Milieu, wo Giorgetta Bierbüchsen verteilt und die Arbeiter (La Frugola und ihr Gefährte sind immer als eine Art von Sandler vorgesehen, die sie hier auch spielen)  sich wie selbstverständlich in dieser Welt bewegen, ganz logisch.

Dann allerdings –  kurz Licht aus, kurz Applaus, und wenn es weitergeht, ist die ebenfalls kurze Verwirrung angesagt: Da haben nur zwei Container ihre Vorderfront gehoben und einen Raum mit vielen Waschanlagen preisgegeben, da steht die Giorgetta des „Mantels“ auf der Bühne, eine grobe Frau schneidet ihr die Haare, reißt ihr das Kleid vom Leibe, steckt sie in etwas, das man nicht anders als Gefängniskluft bezeichnen kann: Die Verwandlung in die Welt der „Schwester Angelica“ zeigt den Regisseur auf Interpretationspfaden, die dem Original nicht entsprechen. Bei ihm ist man tatsächlich in einem Gefängnis, die armen Nonnen sind wirklich arme Gefangene geworden, die von ein paar Aufseherinnen brutal schikaniert und zum Wäschewaschen abgestellt werden.

Zugegeben, die Aktionen und der gesungene Text stimmen nicht zusammen – wenn die „Tante Fürstin“ kommt, kann man sich, so monströs die Frau auch erscheint, schwer vorstellen, dass man eine Tochter aus solcher Familie, die ein uneheliches Kind hatte, nicht ins Kloster, sondern ins Gefängnis schickt. Und dennoch, gerade die Geschichte dieses Kindes spinnt der Regisseur überzeugend aus. Wenn Angelica von seinem Tod erfährt, erscheinen ihr Kinder, die sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und der verzweifelten Frau ihre Kleider entgegenwerfen, die sie an sich rafft. Mehr noch – wir sehen, dass die Fürstin von einem Knaben begleitet wird, der ganz zweifellos Angelicas Kind sein dürfte, dessen Tod man ihr hier nur vorspiegelt – dass sie sich darauf das Leben nehmen wird, scheint ein logisches Kalkül der Fürstin, die schließlich auch von der Verteilung des Familienvermögens spricht… Die in heutiger Schäbigkeit spielende Geschichte gewinnt durch diesen Akzent heutige Glaubwürdigkeit.

Nach der Pause haben die Container schreckliche Tapeten gewonnen und bieten eine „Wohnlandschaft“, die es dem Regisseur ermöglicht, die bei dem toten Verwandten herumwieselnde Familie herrlich auf der ganzen Bühne zu verteilen. Hier ist nun der übliche Jokus angesagt, auch jener mit der herumgeschubsten (Gott sei Dank noch ganz weichen…) Leiche, außerdem der wilde Tanz ums goldene Kalb, der sich auch körpersprachlich zuckend zeigt. Geerbt hat man bekanntlich nichts – und wenn die Damen den als Retter herbeigeholten Gianni Schicchi anstelle des Toten ins Bett hieven, hüpfen sie hoch zu dritt gleich mit… Kurz, das perfekte Handwerk, die Bühne sinnvoll mit Leben zu erfüllen, hat Damiano Michieletto schon in den beiden ersten Teilen gezeigt, hier steigert er es zu  virtuoser scheinbarer Selbstverständlichkeit. Und ganz am Ende vollbringt das Bühnenbild noch das Kunststück, sich wieder in die Container zurückzuverwandeln, der Kreis schließt sich, das „Trittico“ gehört wirklich und wahrhaftig zusammen.

Es ist der Abend der Patricia Racette, die man in Wien live kennenlernt – Opernfreunde haben sie vielleicht schon in der Met-Übertragung der „Butterfly“ 2009 gesehen, sie verlässt Amerika eher selten. Der Wien-Ausflug hat sich für sie allerdings gelohnt, denn sie konnte einen wahren Triumph ernten.  Patricia Racette hat eine schöne, durchschlagskräftige, für Puccini hoch geeignete Stimme, die nur in den höchsten Höhen gelegentlich mit Tremolo und Qualitätstrübung kämpft. Schon ihre Darstellung der Giorgetta war eindrucksvoll, die der Schwester Angelica dann stellenweise atemberaubend. Hier sieht man, was begabte Sänger leisten können, wenn ein Regisseur sie in ein überzeugendes Konzept hineinführt.

Im übrigen war es kein Abend, den man unbedingt als Sängerfest bezeichnen würde, dazu gab es zu viele harte, scharfe Stimmen und vergleichsweise wenig Belcanto – aber Puccini ist  ohnedies eher Verist. Und da sind dann auch die Figuren ausschlaggebend, die auf der Bühne stehen: Roberto Frontali, mit eher flachem Bariton, war im „Mantel“ überzeugend unglücklich und ist nicht jener geborene Komödiant, der als Gianni Schicchi mühelos die Szene beherrschen würde (was hat man da bei Spitzbuben-Interpreten schon gelacht!), aber der Regisseur hat das Werk ja wohl auch eher als Ensemble- denn als Einzelstück für den Hauptdarsteller inszeniert. Als Luigi, der im „Mantel“ sein Leben lassen musste, überzeugte der Russe Maxim Aksenov mit sehr dunkel timbriertem, in der Höhe gewaltsamem Tenor nicht wirklich.

Die Lauretta des „Gianni Schicchi“ – hier braucht man einen echten lyrischen Sopran mit Höhe – wurde von der Russin Ekaterina Sadovnikova verkörpert, die im „Mantel“ zusammen mit dem nicht sehr stilsicheren Tenor Paolo Fanale kurz das darstellte, was sie im letzten Stück dann uneingeschränkt waren: das Liebespaar. Dazwischen gab sie noch eine der Nonnen, sprich: Gefangenen im Mittelteil. Auch Stella Grigorian war in allen drei Teilen zu sehen, als Sandlerin im ersten, als zur Gefängniswärterin mutierte Äbtissin im zweiten, als lebhaft intrigierende La Ciesca im dritten. Neben der Racette war es allerdings Marie-Nicole Lemieux, die als wahres Monster einer Fürstin den stärksten Eindruck hinterließ (um dann im dritten Teil hinreißend komisch zu sein). Auch Ann-Beth Solvang fand sich in der „Schwester Angelica“ unter den Quälerinnen.

Es war, wie gesagt, kein Abend der feinen Stimmkünste und auch nicht der ziselierten Dirigentenarbeit: Doch das eher unbekümmerte Losstürmen, das Rani Calderon dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien auferlegte (den Chor stellte, wie so oft und so erfolgreich, der Arnold Schoenberg Chor unter Erwin Ortner), passte eigentlich gut zu dem Konzept – und man muss bedenken, dass die drei Stücke für einen Einspringer (Calderon rettete den Abend nach Petrenkos Absage) verdammt harte Arbeit darstellten.

Mit dem „Trittico“ beweist das Theater an der Wien wieder einmal, dass es als Musiktheater-Haus die echte Alternative ist, die eine Musikstadt wie Wien braucht. Das Publikum bereitete Patricia Racette die verdienten Ovationen und schloss in seinen Jubel zurecht auch das Inszenierungteam ein.

Renate Wagner

Noch am 12., 15.,18., 20., 23. Oktober 2012 

 

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