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WIEN / Theater an der Wien: I DUE FOSCARI

16.01.2014 | Oper

I due Foscari_Sterbeszene~1 
Fotos: Theater an der Wien / Copyright Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien:
I DUE FOSCARI von Giuseppe Verdi
Premiere: 15. Jänner 2014 

Es wird immer wieder über die unentdeckten Juwelen des Opernrepertoires gejammert, aber wenn man genauer hinsieht, dann ist Vergessenes meist zurecht vergessen. Viele von Verdis Jugendopern sind durch den Rost der Nachwelt gefallen, und wenn man nicht einen sehr guten Grund hatte, sie hervorzuholen (was meist entweder ein Dirigent ist, der sich in ein Werk verliebt, oder ein Star, der es für sich erobert), bleiben sie auch weg. „I Due Foscari“ zum Beispiel, Verdis sechste Oper, 1844, nach „Nabucco“ und „Ernani“, vor „Macbeth“, hat zwar eine Vorlage von Lord Byron, immerhin, aber eine notorisch schwache Geschichte.

Sie spielt 1457 in Venedig und ist ziemlich einförmig. Francesco Foscari, seit 34 Jahren der Doge der Stadt, hat von vier Söhnen nur noch einen, Jacopo, der vieler Verbrechen angeklagt ist und nun aus der Verbannung zu erneutem Prozess nach Venedig zurückgebracht wurde. Nun drehen sich die zweieinhalb Stunden der Oper einzig darum, dass Jacopo immer wieder sein Schicksal beklagt, dass seine Gattin Lucrezia gegen dieses wütet und dass Papa Francesco zwischen Pflicht und Liebe zerrissen wird, weil er den Sohn nicht begnadigen, nicht retten kann, wenn er sein Amt ernst nimmt. Jeder der drei singt – bis zum doppelt letalen Ende beider Titelhelden – gewissermaßen dauernd dasselbe, und wenn man die Meisterschaft des jungen Verdi keinesfalls in Frage stellen möchte, so war er anderswo doch noch meisterhafter.

Aber es gab mit diesen „Due Foscari“ einen glanzvollen Premierenabend im Theater an der Wien, und das hatte seinen guten Grund, der sich Plácido Domingo nennt und in ein paar Tagen (am 21. Jänner) seinen x-ten Geburtstag feiert, irgendetwas 70 plus. Und anstatt sich ganz aufs Dirigieren zurück zu ziehen, wie es andere Kollegen in diesem Alter taten, macht er seit einiger Zeit entschlossen seine nächste Karriere als Bariton. Er hat dabei mit einer Rolle begonnen, die ihm besonders gut liegt, nämlich dem Simon Boccaegra, hat sich den mittleren Verdi geholt (den Rigoletto im TV nicht ganz erfolgreich, den Germont an der Met schon, den Luna in Berlin desgleichen, wie man las), er war auch schon der Nabucco in London und Verona und hat zuletzt ein internationales Joint Venture mit den „Due Foscari“ gestartet, coproduziert von der Los Angeles Opera, der er immer noch als Direktor vorsteht, Valencia, dem Theater an der Wien und London (wo er im Herbst zu sehen sein wird). Dergleichen ist längst in der Opernwelt üblich, lässt sich aber mit einem sehr selten gespielten Werk natürlich schon besser verwirklichen, wenn ein ultimativer Star-Name darüber glänzt…

Mit einem künstlerischen „Riecher“, der ihn meist das Richtige tun lässt, hat Domingo erkannt, dass der alte Foscari eine hervorragende Rolle für ihn ist: Sie ist nicht klein, aber auch nicht zu groß – große Szene mit der klagenden Schwiegertochter, bewegtes Wiedersehen mit dem Sohn, Seelenzerrissenheit in der Gerichtsszene, wo er ihn nicht retten kann, und eine wirklich enorm tragische Schlussszene, die ihm zum Verlust des Sohnes noch den seines Amtes bringt und ihn in allem erdenklichen Unglück halb wahnsinnig sterben lässt…

Man geht nun nicht zu weit, wenn man in diesem Zusammenhang vom „Wunder Domingo“ spricht: Was er leistet, an Konzentration, an Präsenz, an Stimmkraft, ist tatsächlich erstaunlich. Wo nimmt dieser Mann nur dieses so kraftvolle Material her, das er mit Verve und Stärke einsetzt, wobei er durchaus „baritonal“ klingt? Dass er, mit langen weißen Haaren, würdig im Dogengewand, dennoch wie eine verwirrte Seele herumlichtert, das traut man jedem darstellerisch begabten Sänger zu, aber dank Technik (und der Tatsache, dass er sich lebenslang in der Mittellage am wohlsten gefühlt hat) eine Rolle noch so singen zu können… Hut ab. Angesichts einer solchen Leistung kann man nicht einfach zum Alltag übergehen, sie verdient es, aus vollem Herzen gewürdigt zu werden – nicht nur mit einem kleinen rot-weiß-roten Blumensträußchen…

I due Foscari_Domingo Cruz~1  I due Foscari_6205~1

Wirklich viel zu singen hat der andere Foscari, Jacopo, der Tenor. In Los Angeles mit Francesco Meli, in Valencia mit Ivan Magrì besetzt, griff das Theater an der Wien auf Arturo Chacón-Cruz zurück, der hier ja kein Unbekannter ist. Seit seinem Hoffmann im Sommer 2012 hat er stimmlich einiges verbessert, neben den immer sicheren Höhen klingt jetzt auch die Mittellage freier, und abgesehen davon, dass er immer dieselbe Verzweiflung verströmen muss, weil die Rolle darstellerisch nicht mehr bietet, ist er als tenoraler Held hier auf der Höhe seines großen „Papas“ (der auch  gewissermaßen ein Schutzherr von Chacón-Cruz ist, wie sich Domingo ja um viele erfolgreiche Teilnehmer seiner „Operalia“ nachhaltig kümmert).

I due Foscari_Sie x~1

Davinia Rodriguez ist eine schlanke Schönheit mit exotischem Touch, auch brillant hergerichtet und mit dem Potential, diese Rolle zu singen – Verdi hat in seiner Jugend (man denke auch an die Odabella in „Attila“) weit dramatischere Frauenrollen geschrieben als später, und diese Stimmbänder-Attacken kamen durchaus eindrucksvoll, wenn auch nicht immer schön.

Im Grunde hat die Oper, neben einigen kaum wahrnehmbaren Nebenrollen, nur noch eine größere Aufgabe: Jacopo Loredano ist der dunkelstimmige Intrigant, der es darauf anlegt, die Familie Foscari zugrunde zu richten und dem dies am Ende gelungen ist – Roberto Tagliavini ganz in Rot, Bösartigkeit ausstrahlend, dabei stimmlich potent, vollendete das Hauptdarsteller-Quartett.

War es Dirigent James Conlon, von Los Angeles nach Wien gekommen, um das Werk am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien zu leiten (kompetent wie immer: der Arnold Schoenberg Chor, geleitet von Erwin Ortner), der die Sänger zu höchstem Forcement hochreizte? Schließlich gab er mit dem Orchester die überhitzte Lautstärke an, die man auch für Intensität halten konnte, und die Herrschaften sangen sich die Seelen aus Leib. Das Wunder dabei war, dass dies Domingo scheinbar gar nichts ausmachte…

Die Wander-Inszenierung hat der Amerikaner Thaddeus Strassberger äußerst geschickt gestaltet – er hat nicht „überinszeniert“, das wäre bei einem Werk wie diesem auch übertrieben, aber er hat auch keine billige Venedig-Canal Grande-Show geliefert. Das Einheitsbühnenbild von Kevin Knight, von einer Brücke überspannt, nur mit den jeweiligen Versatzstücken leicht zu verändern, die Kostüme (Mattie Ullrich) historisierend, aber nicht prunkvoller Selbstzweck, gaben den Rahmen für eine Geschichte, deren Düsterheit besonders betont wurde – Jacopo als Gefangener in einem Käfig wie ein Tier, gequält in der Folterkammer, gedemütigt von Priestern, vor Gericht (dem „Rat der Zehn“) vor einer spürbar gnadenlosen, niederträchtigen Justiz stehend: Soviel zum „politischen“ Teil der Geschichte, der Rest ist die Psychologie der Hauptfiguren, wobei Domingo mit seiner Darstellung alles überstrahlte.

Es war natürlich sein Abend, so sollte es auch sein, als solcher war er angesetzt, und mit dieser  140. Rolle in seiner Karriere hat er wieder ein Stückchen Aufführungsgeschichte des 20./21. Jahrhunderts geschrieben. Er ist der Tenor für das Buch der Rekorde.

Renate Wagner   

 

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