30.10.2026 Theater an der Wien: Der fliegende Holländer
Senta gespalten

Der gemeine Opernrezensent hat mehr Spaß daran, Regisseure niederzumachen als Solisten, Chor und Orchester. Daher hält sich der Spaß mit dieser Holländer-Produktion in Grenzen. Die von Philipp M. Krenn neueinstudierte Inszenierung Philipp Stölzls, der gemeinsam mit Conrad Moritz Reinhardt auch für die Bühne verantwortlich war, ist großartig. Ein originelles, durchdachtes, stückkonformes Konzept wird technisch perfekt umgesetzt. Im Mittelpunkt steht Senta, in muffiger Umgebung sich eine Parallelwelt erträumend, in der sie ihre Erlöserinnenphantasie auslebt, während sie ihr Vater an einen ältlichen Reichen verschachert. Es dürfte eine Hochzeitsnacht à la Lammermoor sein – im dritten Aufzug ist der Bräutigam ziemlich leblos und die echte Senta schlitzt sich die Kehle auf, während die selbstimaginierte Senta mit dem Holländer (auf dem hinteren Teil der Bühne) glücklich wird. Selbst dass der Holländer in Kostüm (Ursula Kudrna) und Maske (Eva Schoits) als eine Art Zombie-Captain Hook erscheint, passt – und nicht nur am Vorabend von Halloween. Bloß die verstärkten Chöre der Holländermannschaft sind nicht befriedigend gelöst.
Angesichts der Leistungen von Sängern und Orchester fragt man sich, wie eigentlich Wagner 1945 bis 1955 an der Wien funktioniert hat. Wagner-Forte sprengt das Haus, zumindest wenn sich ein herausragendes Symphonieorchester mit einem Dirigenten, der nicht total mit den Musikern vertraut ist, an jene Oper Wagners macht, die nicht am genialsten und durchsichtigsten instrumentiert ist. Weder die Symphoniker noch Robert Jindra sind auch nur annähernd so schlecht, wie sie hier klingen. Schade. Noch enttäuschender der sonst so unanfechtbare Arnold Schönberg-Chor: stimmlich überfordert, rhythmisch viel ungenauer als üblich. Schlechter Abend? Mag sein.
Und die Sänger? Na ja. Wilhelm Schwinghammer und Jordan Shanahan zeigen als Daland und Holländer kultivierte Stimmen, geizen aber mit Nuancen. Cameron Becker presst und drückt auf Teufel komm raus und schafft somit szenisch einen sehr sympathischen, stimmlich angestrengt anstrengenden Erik. James Leys Steuermann schwankt zwischen Gesäusel und Gebrüll. Nur Ieva Prudnikovaite als Mary gibt keinen Anlass zu Unzufriedenheit. Und die Erstbegegnung mit Ambur Braid ist auch ambivalent; eine hinreißende Darstellerin (wie auch ihr stummes Double Lina Lottes), die sich leidenschaftlich verausgabt, aber eine Stimme, die sich zu sehr fordert. Vielleicht mit 6 Vorstellungen seit 17.10. doch einfach zu viel Senta? Es wäre erfreulich, ihr das nächste Mal mit einer noch deutlich besseren Leistung zu begegnen, der Ruf, den sie sich in kurzer Zeit erarbeitet hat, spricht gewiss dafür.
Insgesamt leider viel mehr sehens- als hörenswert.
Robert Fucik

