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WIEN / Theater an der Wien: CHARODEYKA

15.09.2014 | Oper

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Alle Fotos: Theater an der Wien / Monika Rittershaus

WIEN / Theater an der Wien:
CHARODEYKA (Die Zauberin) von Peter Iljitsch Tschaikowski
Premiere: 14. September 2014 

Warum ist der „Eugen Onegin“ von 1879 weltberühmt geworden und die „Pique Dame“ von 1890 desgleichen? Und die drei Opernwerke, die Peter Iljitsch Tschaikowski dazwischen schrieb – „Die Jungfrau von Orléans“, „Mazeppa“ und die „Zauberin“ von 1887 – so gar nicht?

Dergleichen hat schon Gründe, wahre Juwelen gehen selten verloren. Im Fall der „Charodeyka“ lag es ziemlich eindeutig am Libretto von Ippolit Wassiljewitsch Schpaschinski, das den Komponisten dann auch zu einer Breite aufforderte, die der Sache gar nicht gut tut (an die dreieinhalb Stunden Spieldauer sind, bei sehr mäßiger Spannung, viel). Zumal die Story eher – na, sagen wir: bescheiden wirkt, psychologisch nicht wirklich ausgeformt, vor allem, was die Hauptpartie angeht. Dazu am Ende dann ein Chaos von Morden und Toden, die der Komponist nur ins Finale retten konnte, indem er musikalisch einen wahren Hexensabbat entfesselte, der das Publikum fasziniert.

Im Theater an der Wien war Regisseur Christof Loy am Werk (bekanntlich der Lieblingsregisseur der Gruberova), der hier am Haus bereits fünf durchwegs sehenswerte Produktionen geliefert hat (und eine unvergesslich ärgerliche „Frau ohne Schatten“ 2011 bei den Salzburger Festspielen). Er hat auch dieser „Zauberin“ nichts Böses getan – aber wirklich viel Gutes auch nicht. Natürlich muss ein Werk wie dieses, auch wenn der Zwiespalt russische Fürsten hier, Volk da keine geringe Rolle spielt, nicht im 16. Jahrhundert spielen. Aber wieder einmal im „Nirgendwo“, wobei besonders die ewigen Alltagskostüme entsetzlich nerven – gibt es denn gar keine optische Phantasie mehr auf der Bühne, gilt etwas nur als „modern“, wenn man im schäbigen Straßenanzug daherschlapft?

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Immerhin, szenisch gibt es von Ausstatter Christian Schmidt eine kleine Draufgabe zum langweiligen Holzpodest, meist vor Holzwänden, und darauf minimale Möbel (die wirken eigentlich fast alle wie aus dem Gartencenter). Aber im ersten Akt wird als Hintergrundprospekt eines der prachtvollen Landschaftsgemälde (ein Birkenwald) der russischen Wandermaler heruntergelassen, im zweiten Akt (an sich soll es ja der Palast des Fürsten sein) als Hintergrund eine gemalte Stadtansicht, am Ende dann ein dämonisch schwarzer Wald, der wie ein kunstvoll bearbeitetes Foto wirkt. Ein Hauch von Atmosphäre immerhin, aber sonst fehlt von der Schenke des Beginns bis zur Hütte des Zauberers am Ende alles Faßbare. Wieder einmal alles leergeräumt, wieder einmal luftleerer Raum. Und gerade die „Zauberin“ könnte etwas Hilfe brauchen.

Auch die Darstellerin der Titelrolle, die litauische Sängerin mit dem armenischen Namen, Asmik Grigorian. Zweifellos eine aparte junge Frau, der man eine reizlose „brave“ Schulmädchen-Frisur mit Seitenscheitel verpasst hat, im ersten Akt ein rosa Samtkleid, das man nur als schäbigen Fetzen bezeichnen kann, danach läuft sie im schwarzen Unterkleid oder schwarzen Überkleid herum. Das soll eine Frau sein, in die alle Männer verliebt sind und für die Vater und Sohn sich schließlich vernichten? Von selbst bringt sie die Ausstrahlung von Erotik und Faszination nicht mit, wie mühelos dies mit Hilde  mit Frisur, Makeup, Kleidung dergleichen zu erzielen gewesen wäre, ist bekannt.

Und wenn dann noch gänzlich jegliche Sinnlichkeit der Stimme fehlt – gewiß, der Sopran von Asmik Grigorian  kann gelegentlich leuchten, killt sich aber selbst die meiste Zeit durch Härte und Tremolo, und viele Piano-Passagen, die sie mit tragfähiger Technik beherrscht, gibt es hier nicht. Denn die Zauberin „Kuma“ (die schon den Uraufführungskritikern und dem Publikum damals offensichtlich unsympathisch war) ist keine lyrische Leidende wie Tatjana oder Lisa, die Dame ist Hochdramatik pur, und da müsste doch irgendeine Art von Feuer von der Bühne herab lodern. Keine Spur.

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Diese „Zauberin“ also ist eine Schenkenwirtin, bei der sich fröhliches Volk trifft, das in den Augen der Machthaber gefährliches Gesindel ist. Sie bezaubert den Fürsten Kurljatew, der eigentlich kommt, ihr Räubernest auszuheben. Völlig unbegreiflicherweise lässt Regisseur Loy diese Kuma zu Beginn des 3. Aktes ihr Überkleid langsam ausziehen und im Unterkleid auf Kurljatew zuschreiten, was man allemale als Einladung deuten könnte – hier aber stellt sich heraus: Die Dame will nicht. Sie ist in einen Mann verliebt, den sie gar nicht persönlich kennt: den Sohn des Fürsten. Den erlebten wir schon im 2. Akt in unkleidsamen Boxershorts mit seiner Mama, die gleichfalls vor allem in der Combineige herumhängt, Perücken auf- und absetzt und sich schließlich die original-roten Haare, die irgendwo auftauchen, rauft: Madame ist haßerfüllt, ob Kuma jetzt ihren Ehegatten (vermeintlich) oder den Sohn (in echt) verführt. Dafür wird die Rivalin im 4. Akt ermordet, der Sohn leidet, Vater kommt, ersticht den Sohn, wird anschließende wahnsinnig, Mama hängt dann nur noch katatonisch in einem Bettgestell herum. Dergleichen kommt man mit der „modernsten“ Inszenierung nicht bei, die dann auch noch den Nachteil hat, dass nur einige der zahlreichen Randfiguren sich in ihrer Funktion definieren…

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Das Theater an der Wien hat alle Hauptrollen mit „östlichen“ Stimmen besetzt, was für eine slawische Oper zwar ideal ist, zumal für ein konzeptionell so lautes, dramatisches Werk. Aber diese Stimmen sind, wie man weiß, konstitutionell hart und werden offensiv eingesetzt. (Ausnahmen bestätigen die Regel, man könnte sich vorstellen, dass die Kuma eine sehr gute Rolle für die Netrebko wäre – und klänge dann wohl auch schöner als hier.) Die Härte merkt man vor allem bei dem tenoralen jungen Prinzen: Maxim Aksenov fehlt es nie an Kraft, meist an Schönheit. Wohlklingender ist der Papa, wobei der Bariton Vladislav Sulimsky als Fürst auch eine interessante problematische Persönlichkeit spielt. Die Polin Agnes Zwierko als eifersüchtige Fürstin rollt die dunklen Töne der Rolle.

Besonders eindrucksvoll als Figur ist der fürstliche Berater Mamyrow, der im ersten Akt von seinem Herren qualvoll gedemütigt wird: Wie Vladimir Ognovenko das spielt, ist atemberaubend, dazu kommt noch sein nach wie vor kraftvoller Baß – immerhin war er vor knapp 20 Jahren, 1995, in San Francisco der Netrebko-Partner als Ruslan zu ihrer Lyudmilla, als sie in den USA debutierte…

Unter den Nebenrollen bleibt der Blick an der Kammerfrau der Fürstin hängen, die in einer kurzen Szene Kuma leidenschaftlich den Tod wünscht – kaum zu erkennen, dass hier Hanna Schwarz wieder einmal auf der Bühne steht, einst eine der faszinierendsten Frickas, die man je sah (das war aber auch der Chereau-Ring in den späten siebziger Jahren in Bayreuth). Andreas Conrad als schäbiger Vagabund und Martin Winkler am Ende als mörderischer Zauberer sind optisch zu ähnlich hergerichtet, abgesehen davon, dass Ersterer ein Tenor, Letzterer ein Bassbariton ist. Als Begleiter des Prinzen machte Martijn Cornet sympathische Figur.

Unter den weiteren Mitwirkenden des Abends muss man ganz entscheidend den Arnold Schoenberg Chor (einstudiert von Erwin Ortner) nennen, da hatten vor allem die Männer prachtvolle Szenen, in denen sie klangen, als wären sie – Russen. Ein größeres Kompliment kann man ihnen nicht machen.

Mikhail Tatarnikov kam aus St. Petersburg erstmals nach Wien, um mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien alle Dramatik, die Tschaikowski hier so überreich entfesselt hat, mit voller Power zu realisieren.

Roland Geyer und das Theater an der Wien leben davon, dass es in Wien ein Opernpublikum gibt, das stark an wenig bekannten Werken interessiert ist. Man wird sich auch den Wunsch nach der „Zauberin“ von allerlei evidenten Schwächen dieser Oper nicht vermiesen lassen. Zur Premiere gab es nicht eben stürmischen oder enthusiastischen, aber starken Beifall.

Renate Wagner

 

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