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WIEN/ Tanzquartier Wien: Tino Sehgal mit „This Variation“

07.03.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ Tanzquartier Wien: Tino Sehgal mit „This Variation“ am 4.3.2026

 Gegen den Strom. Immer mehr neu sich formierende und dabei immer kleinere Gruppen bis hin zu Individuen suchen sich ab- und auszugrenzen von Mehrheiten und anderen Minderheiten, denen sie selbiges dann zum Vorwurf machen. Diesen sich epidemisch ausbreitenden separatistischen Strömungen in Gesellschaft und Politik setzt Tino Sehgal mit seiner vor 13 Jahren uraufgeführten Performance „This Variation“ ein machtvolles Statement entgegen.

 Im Jahre 2012 auf der Dokumenta 13 im nordhessischen Kassel spielten 14 Performende das sich jeder Dokumentation entziehende Stück an allen 100 Tagen. Hier, im Tanzquartier Wien, an vier Tagen je vier Mal für maximal je 60 Besucher und Besucherinnen. Physisch, mental und vor allem für die Stimmbänder der zehn Tänzerinnen und Tänzer (neun von ihnen aus der Original-Besetzung) eine Herausforderung. Denn die Stimme ist das Werkzeug, mit dem die Botschaften des Stückes transportiert werden. Vordergründig zumindest.

 Die totale Finsternis, die einen empfängt und die das Publikum nach einer Stunde blinzelnd wieder in die gut beleuchtete Wirklichkeit entlässt, entkleidet den Einzelnen all seiner Äußerlichkeiten und Habseligkeiten. Alter, Geschlecht, sozialer Rang und gesellschaftlicher Status, Dar- und zur Schau Gestelltes, in Körper und Gesichter eingeschriebene physische und psychische Geschichten und Geschichte frisst das Dunkel und hinterlässt eine Ansammlung von bei ihren Wanderungen zuweilen auch kollidierenden menschlichen Essenzen.

 Diese Reduktion ist gleichzeitig ein ungeheures Geschenk. Die Freiheit von ideellen und materiellen Gütern, deren vorrangige Wirkung ist, zu separieren, ermöglicht die Überwindung des Gefühls des Getrenntseins, von sich selbst, vom Mitmenschen und vom Universum. Hier beginnt das Stück.

 Die Dunkelheit beraubt das Publikum seines wichtigsten Sinnes und wirft jeden einzelnen damit zurück nicht nur auf die verbleibende, durch dieses Setting sensibilisierte Sensorik, sondern auf den Blick nach innen. Von dort drängen auf die schwarze Leinwand vor unseren Augen akustisch induzierte Bilder, geboren aus Erleben und Erfahrung, Traum und Trug, Wunsch, Leidenschaft und Begehren. Man spürt: Es gibt nur mich. Und irgendwie scheint es auf mich anzukommen.

 Der Zustand ausgeschalteter Wahrnehmung von anderen und durch diese (der neuzeitliche Kampf um Reichweite und Sichtbarkeit (nicht nur) in sozialen Medien ist mithin die Veröffentlichung von konsolidierten Aufmerksamkeitsdefiziten), in den Tino Seghal seine Gäste versetzt, hat etwas Archaisches. Die Regression in früh-infantile Stadien ist gewollt. So ein Reset auf totale Offenheit, auf die innere „grüne Wiese“ also, erzeugt maximale Freiheitsgrade für die Ausbildung von Identitäten und Gesellschaften.

 In dem Miteinander der zehn Performenden unter uns bekommt jeder Einzelne Aufmerksamkeit genug. Was lebenslange kompensatorische Belagerungen von Umwelten vermeidet. Wie angenehm entspannt und entspannend. Ob es das gemeinsame Musizieren ist, die zehn Vokalisten und Vokalistinnen beatboxen und singen rhythmisch und kanonisch ineinander fließende Songs, oder ihre Stellung im Raum. Sie strukturieren sich beständig neu.

 Der Rhythmus aber wird zum Fundament dieser Gemeinschaft. So wie alles Seiende von Rhythmen bestimmt wird, ob die Schwingungen der Strings, die (so bisherige Erkenntnisse) mit ihren unterschiedlichen Frequenzen die Eigenschaften der durch sie geformten Materie prägen, oder die Rhythmen und Zyklen in der Natur. Jahres- und Tageszeiten, Mond- und menstruelle Zyklen, Herzschlag und Kristallgitter-Schwingungen, alles folgt dem selben Prinzip einer spezifischen Metrik.

 Derer einige verschiedene lassen die Performenden hören. Ihr Gesang spannt dynamische Bögen. Wie Vorschläge für neue gemeinsame musikalische Aktionen bringen Einzelne rhythmische, melodische oder harmonische Neuerungen ein, die von der Gruppe zu immer wieder veränderten Songs ausgearbeitet werden. Ihre Stimmen sind Instrumente, ihre tanzenden Körper werden zu manchmal stampfenden Trägern und Sendern von Energien, die den Raum und alles, was in ihm ist, fluten.

 Doch neben der sich vielfach variierenden musikalischen Gemeinschaft bearbeiten sie diesen Begriff zudem textlich. Im Gesang und in gesprochenen Beiträgen untersuchen sie die Gesellschaft, das Leben, die Kunst, ihre Seele und ganz Profanes auf Potentiale, Notwendigkeiten und Friktionen bei der Etablierung von Gemeinschaften. Die Schwierigkeiten, mit sich selbst in auskömmlicher Eintracht zu leben kommen ebenso zur Sprache wie dem Gemeinwohl dienende Steuern und (Im-) Migration.

 Es hat fast schon etwas Sakrales, wenn sie wie Hohepriester der Verbundenheit durch die Dunkelheit geistern und den Orientierungslosen aus immer wieder neuen Perspektiven von der und als eine Gemeinschaft Verschiedener singen. Denn auch Ängste, Unsicherheit und Ratlosigkeit lassen sie zu. Das Ziel aber ist immer eines: Das Verbindende zu erforschen, ihm Raum zu geben und es mit vielen Metaphern zu preisen.

 Sie zeigen jedoch auch, wie fragil und vergänglich diese „konstruierten Situationen“, wie Sehgal den Charakter seiner Arbeiten beschreibt, sind. Was permanente Anpassung an sich ändernde Umgebungsbedingungen erfordert und daraus abgeleitet ein nie endendes Bemühen um das Fortbestehen der Gemeinschaft, die dereinst auf der Basis fundamentaler und ihrem Wesen nach unveränderlicher Werte errichtet wurde.

 Diese Werte schwirren als Meta-Ebene und dunkle Energie durch den Raum. Kultur in ihrer Dynamik und Anpassungsfähigkeit wird zum Kleister für diversifizierte, sich ständig neu organisierende Elemente einer Gesellschaft, die ihrerseits, wie ihre Mitglieder, mit ideologischer Elastizität dem Wandel begegnet (respektive begegnen sollte).

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Tino Sehgal 2023 (c) Wolfgang Tillmans

 

Tino Sehgal, in London als Sohn eines Inders und einer Deutschen geboren, lebt in Berlin. Er ist ausgebildeter Volkswirt, Tänzer und Choreograf. Seine Werke entstehen in dem Moment, da er Kunst und Publikum zusammenführt. Sie dürfen weder dokumentiert noch schriftlich katalogisiert werden (auch der oder die Schöpfer der beeindruckenden a-capella-Arrangements bleiben in Ermangelung eines Programmzettels im Dunkeln). Seine Stücke brachten ihm internationale Anerkennung und, zum Beispiel, 2013 den Goldenen Löwen der Kunstbiennale Venedig ein.

 Vielleicht sind es die Einflüsse seiner auch indischen Wurzeln, die Sehgal eine den hiesigen Entwicklungen entgegengesetzte Weltsicht ermöglichen. Das okzidentale Entweder-Oder führt in die zunehmende (Auf-) Spaltung der Gesellschaft in voneinander verschiedene Gruppierungen. Unterschiede herauszustellen und daraus eine Opferrolle abzuleiten machen sich diese Minoritäten zu einer faktisch-argumentativ unabweisbar notwendigen Mission. Die Folge ist ein immer dichteres Gewirk von aktivistisch-ideologisch gerechtfertigten Konfrontationen.

 Diesem Gegeneinander begegnet das orientalische Sowohl-als-auch, das Gegensätze als Teile eines größeren Ganzen begreift, mit seinem die Pole Einenden. Nicht das auf Oberflächen Trennende wird herausgearbeitet und exponiert. Mit der Fokussierung auf fundamentale menschliche Bedürfnisse und Eigenschaften, Kunst und Kultur spielen dabei herausragende Rollen, entsteht in „This Variation“ eine in ihrer Performance zuweilen auch musikalisch mitreißende, unwiderstehliche Kraft, die den Einzelnen in die Gemeinschaft saugt.

 Und all den Apologeten einer fortgesetzten, trennenden Diversifizierung schmettert er seine Variationen entgegen, Varianten von Gemeinschaften also, geschaffen aus Möglichkeiten, derer es da viele gibt. Sofern man nur will und also die Augen öffnet, sofern man sich erinnert an das, was wir sind: Mensch, und als solche auch nur Teil eines noch viel größeren Ganzen: Nach Belieben genannt Leben, Sein, Alles, Nichts, Universum oder Gott. Tino Sehgals „This Variation“ ist kraftvolle, vielschichtige Metapher für eine bessere Welt. Und für die Werkzeuge, mit denen wir sie bauen können.

 Tino Sehgal mit „This Variation“ am 04.03.2026 im Tanzquartier Wien. Weitere Termine: 05., 06. und 07.03.2026.

 Rando Hannemann

 

 

 

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