Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Tanzquartier Wien: Simone Aughterlony mit „Collapse in 5 Acts: there is porn of it“

11.04.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ Tanzquartier Wien: Simone Aughterlony mit „Collapse in 5 Acts: there is porn of it“

 Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.“ Den Beginn der Nationalhymne der ehemaligen DDR möchte man dieser Ende Februar in der Gessneralle Zürich uraufgeführten und hier als Österreich-Premiere gezeigten Performance der gebürtigen Neuseeländerin und nun in Zürich und Berlin lebenden Künstlerin Simone Aughterlony als Untertitel beistellen. Vordem aber perforiert sie die Häute des Zerfalls. In fünf Akten.

han1
Simone Aughterlony: „Collpase“ (c) Simon Courchel

 Mehrmals noch gibt die Fünf dem Stück Struktur. Allein schon die fünf (archetypischen) Figuren auf der Bühne sind beladen mit metaphorischer Vieldeutigkeit. Ein König, der sich zwischen oder über alle Geschlechter stellt und der letztlich Perspektiven weist (Simone Aughterlony), als Objekt sadomasochistischer Fantasien die blondgelockte, am Ende zahnlos einen kandierten Apfel schleckende Fee (Lucia Gugerli), ein Pferd, das als Repräsentant einer final immer überlegenen Natur Machtverhältnisse umkrempelt (Leah Marojević), ein(e) Architekt*in zerstörter steinerner, moralisch-ethischer und ideologischer Gedanken-Gebäude (Mickey Mahar), und der immer anwesende und doch nur aus dem Hinter- respektive Unter-Grund wirkende Mangel, sexy mit seinem glitter-besetzten freien Oberkörper als psychische Basis-Attraktion und Motor des real existierenden Kapitalismus (Joseph Wegmann, von ihm auch Licht und Video).

 Ein(e) Erzähler*in (nicht nur diese Rolle sei geschlechtslos, so will es der Programmzettel) mit männlicher Stimme gibt große Mengen Text dazu, in englisch und deutsch auf einer rückwärtigen Leinwand auch zum Mitlesen. Dort wird zuweilen auch audiodeskriptiv Anmutendes eingestreut. Denn alle werden geladen auf den sinkenden Kahn. Zwischendrin kommt kurz mal ein(e) Tourist*in vorbei und streift durch die Szenerie.

han2
Simone Aughterlony: „Collpase“ (c) Simon Courchel

 Die katapultiert uns in die Zeit nach dem Zusammenbruch. Oder ist sie doch nur Bühne gewordenes Abbild eines eh schon existierenden Zustandes von Gesellschaft, Individuen und deren Werten und Glaubenssätzen? Von deren Gerüst existieren noch Fragmente. Rohre stecken im Raum wie Erinnerungen an Halt und Form, wie Relikte von Hilfestellungen für Aufbau und Abriss, für Konstruktion und Dekonstruktion.

 Letztere ist das zentrale Werkzeug, mit dem Aughterlony die Beschreibung eines Zustandes in die eines Prozesses wandelt. Beginnend mit Akt 1 „The Fog“. Hinter einer den Bühnenraum abschirmenden riesigen Plastik-Plane tauchen im dröhnenden Sound (von Lou Drago, Trompetenaufnahmen: Shems Bendali) Gestalten und Szenen wie Blitzlichter aus dem kollektiven Unbewussten auf. Ein Feuer brennt, ein Paar kopuliert, Demo, eine verletzte Frau, ein Mann, der sie steuert respektive manipuliert. Apokalyptische Szenen, verschwommene Erinnerungen an ein in der Zukunft gewähntes Desaster, das aber tief aus uns längst Wirklichkeit erzeugt.

 Die Plane fällt, die Nebel lichten sich. Ein wichsender König leitet über in Akt 2 „The Clearing“. Dem Herrscher wird seine Macht von der einst beherrschten Natur genommen, Lebenskraft und Stolz ersterben, die Fee ist Lustobjekt, ein Denkmal für die Architekten gleich welcher Ideologie wird gestürzt. Alles ist fragil, nicht nachhaltig, alles wird hinterfragt. Im dritten Akt „The Tourists“ teilen sie Popcorn aus an die vielen Unbeteiligten auf der Tribüne, die genüsslich zusehen.

hqn3
 Simone Aughterlony: „Collpase“ (c) Simon Courchel

 Die ungenierte Knabberei, sich wie eine Seuche langsam über die gesamte Bühne ausbreitende Projektionen von verfremdeten Pornos und der/die neugierig-verspielte(r) Katastrophen-Tourist*in entblößen alles Leben hier im Saal als dem maximierten Lustgewinn anheimgefallen. Fast sakral klingt der Chorgesang dazu. Denn heilig ist uns unsre Labsal auch im Niedergange noch. Es bleiben die Trümmer, die der König erkennt als potentielle Bausteine für lustvolle Kreation.

 Spätestens der Titel des vierten Aktes „Advanced Decay and Depression“ verdeutlicht eine weitere Bedeutung der Zahl Fünf: Die fünf Phasen der Trauer. Neben der klassisch fünfteiligen Struktur von Theaterstücken und den fünf Hauptfiguren ist die Trauer der Prozess, von dem diese Arbeit berichtet. Jede der Figuren durchläuft individuelle Wandlungen, immer verbunden mit Zurücklassen, Abschied und kleinen Toden. Das, die Vergänglichkeit des Körpers, der Mangel an Transparenz der Macht, ungleich verteilte Macht und Möglichkeiten und der alles mit sich reißende Zerfall treiben in die entscheidende Frage: Wie noch ist Sein möglich?

 Die Trompete erstickt, der Mangel füttert den König, die Fee spuckt Zähne und humpelt entkräftet und entzaubert. Der König entledigt sich seiner Kleider und bleibt als geschlechtsloses Wesen. Doch als Mensch. Über alles legt sich eine filigrane, schwarz-weiße Struktur aus Licht und Schatten. Das Pferd schwebt hoch oben und singt ein melancholisches Lied von Donny Hathaway.

han4
Simone Aughterlony: „Collpase“ (c) Simon Courchel

 Der fünfte Akt kommt wie die universelle Katharsis daher. Geschlechter, Rollen-Bilder und -Zuschreibungen, das Diktat der Modelle und ihrer Bausteine für die Gesellschaft, das Individuum, die Natur, für die Geschichte und ihre Deutung, für die Gegenwart und deren Potentiale für die Zukunft haben sich aufgelöst. Das Erbe also existiert nicht mehr. Aus einem Zustand größtmöglicher Freiheit heraus findet sich jede Figur in neuen inneren und sozialen Kontexten.

 Auch die Trauer scheint überwunden. Voller Lebenskraft und Leidenschaft galoppieren König*in und Architekt*in im Kreis, der Mangel baut am Gerüst herum, im Bühnenrückraum grünen frische Pflanzen, die scharfe Trennlinie zwischen Schwarz und Weiß verläuft da hinten auf dem großen Tuch. Alles lag in Trümmern, aus denen nun Neues, Anderes entsteht. Die Fee bläst das Halali dazu. Fast schon kitschig plötzlich klingt die Zuversicht.

 Komplexe, kraftvolle Bilder, parallele Handlungen, Mythologie, Fantasie und Theorie. Simone Aughterlony feiert mit „Collapse in 5 Acts: there is porn of it“ eine Orgie der Dekonstruktion. Sie zieht allem und jedem/jeder die Haut ab, um den Kern der Dinge freizulegen, um das in allem wohnende konstruktive Potential zu heben. Ihr Blick ist nicht bitter, sie verurteilt nicht. Sie zeigt auf Irr-Wege und -Läufer und weist mit beinah liebevoller Geste auf die in den heute gelebten Strukturen und ihren Resten vorhandene Fülle an Perspektiven, Möglichkeiten und Handlungsoptionen für eine aus selbstbestimmt lebenden Individuen sich konstituierende Gesellschaft.

han5
Simone Aughterlony: „Collpase“ (c) Simon Courchel

 Die neben aufwendigen Recherchen und die Realität sezierenden Beobachtungen das Stück inspirierenden Gedanken des Gender- und Queer-Theoretikers Jack Haberstam sind wesentlich für diese Arbeit. Notwendig ist deren Kenntnis für das Verständnis dieses Gegenentwurfs zu all den dystopischen Arbeiten, mit denen die Bühnen seit geraumer Zeit geflutet werden, nicht. Denn alles wird auf seinen Ursprung zurückgeworfen.

 Nur so kann „from the scratch“ vollkommen Neues entstehen, bitter nötig angesichts der evolutionären Sackgasse, in der sich der Mensch als solcher, die Gemeinschaften und die Gesellschaft, die Architektur seiner Rollen, Bauten, Ideologien und Wertesysteme befinden. „Collapse in 5 Acts: there is porn of it“ ist ein herausragendes Werk Performance-Kunst voller spröder, vielschichtiger Poesie. Und ganz hinten grünet Hoffnungsglück.

 Simone Aughterlony mit „Collapse in 5 Acts: there is porn of it“ am 09.04.2026 im Tanzquartier Wien.

 Rando Hannemann

 

 

Diese Seite drucken