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WIEN/ Tanzquartier Wien: Ligia Lewis mit „Still Not Still“

17.01.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ Tanzquartier Wien: Ligia Lewis mit „Still Not Still“

2021 war die Österreichische Erstaufführung der im selben Jahr entstandenen Performance angesetzt. Im Jahr darauf erlaubte der immer noch von der Corona-Pandemie gebeutelte Kulturbetrieb dem Tanzquartier Wien eine krankheitsbedingt reduziert besetzte, einmalige Präsentation von „Still Not Still“. Nun war das Stück von Ligia Lewis an drei Abenden im Museumsquartier Wien ganz ungestört zu sehen.

Dem sich stetig beschleunigenden technologischen Fortschritt und insbesondere dessen trügerischer Glorifizierung als Merkmal einer ebenso prosperierenden Entwicklung der Menschheit und des Menschseins stellt die in der Dominikanischen Republik geborene schwarze US-Amerikanerin Lewis den Stillstand gegenüber. Aus der Perspektive Nicht-Weißer schaut sie auf deren Repräsentation in der Geschichtsschreibung und attestiert dieser arge Versäumnisse.

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Ligia Lewis: „Still Not Still“ (c) Moritz Freudenberg

Und sie möchte, dass sie sich tot läuft, vollständig erschöpft und somit selbst abschafft. Genau das sehen wir in dieser Arbeit, in theatrale Aktion und explizite Emotion gegossen. Sie projiziert damit die Selbstwahrnehmung der Betroffenen auf deren Abbildung in der von Weißen und Siegern dominierten Historiografie. Das Stück platziert die, über die (fast) nichts geschrieben wurde und wird, in einer historischen Endlosschleife mit ewig gleich bleibenden Ursachen und Wirkungen, jedoch veränderlichen Rahmenbedingungen.

Visuell setzt die das Bühnenbild (von Claudia Besuch (Gali)) mit drei hölzernen Wänden auf Rollen, zwei Rampen, die größere der beiden als multidimensionales Sinnbild hinten aufgebaut, und mobilen Scheinwerfern. Einer, gleich zu Anfang vorgefahren, beleuchtet die Tribüne. Und hinten, oben auf einer der Wände, sitzt einer (und wird das noch lange tun) und schaut uns an. Er beobachtet uns, wie wir ihnen zuschauen. Beim Leiden, Kämpfen, Hoffen und Scheitern.

Das formuliert die Choreografin in einem poetischen, vielstrophig inszenierten Klagelied, musikalisch verwurzelt in Geschichte und akustischer und elektronischer Gegenwart (Sounddesign und Komposition: S. McKenna, Akustik- & E-Gitarre: Joey Gavin). Performativ lässt sie die sechs auf der Bühne immer wieder fallen, sich aufraffen und weiter arbeiten in der Dunkelheit, in die ihre Existenz gehüllt ist.

 

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Ligia Lewis: „Still Not Still“ (c) Brian Hartley

Sie weisen auf das Faktische als das sichtbare Außenskelett für davon eingeschlossene Erfahrung. Gleichzeitig wird an eben jenem, wie an jedem Äußeren, kaschiert, informations-chirurgisch herum modelliert, aufgetragen und abgesaugt. Was schließlich bleibt, ist ein immer intentiöses Bild von Individuen, Ethnien, Gemeinschaften, Zeiten, Orten und Räumen. Und weil es noch niemandem gelang, den Erwartungen der in irgend einer Weise Mächtigeren zu entsprechen, geraten Innen und Außen in Konflikt.

Aus der anfangs verunsicherten Gemeinschaft von Individualisten wächst eine, die eher beiläufig und jedenfalls temporär paarweise Berührungen erlebt. Die Konstellationen sind grenzenlos: Mann – Frau, Mann – Mann, Frau – Frau, Schwarz – Weiß, Weiß – Schwarz. Bemerkenswert ist die das Stück durchdringende Gewalt, in eben diesen Paarungen Bild für die individuellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Ebenen, auf denen sie sich manifestiert.

Ligia Lewis beschreibt Gewalt und das Streben nach Macht als dem Menschen innewohnend, als zutiefst menschlich also. Angesichts der Kriege, Aufstände und ökonomischen Konfrontationen, die die Welt aktuell in ihren Grundfesten erschüttern, wird die hier so distanziert-sachliche Präsentation zum Abbild einer kapitalistisch-menschlichen, erschütternden, ewig gültigen Wahrheit. Weil Schmerz und Leid durch die dem Menschen angetane physische, viel mehr noch psychische Gewalt durch deren Weitergabe nur vorübergehende Linderung erfahren.

Sie sterben viele Theater-Tode in Folge dessen. Aber nie endgültig. Es ist wie im realen Leben, wenn Abschiede von verzweifelt-vergeblich Versuchtem Neubeginn erzwingen. So wird Scheitern zu Sterben und Wiedergeburt. Doch ohne den Aufstieg in höhere Ebenen des gesellschaftsgeschichtlichen Seins. Auch und insbesondere hier findet sich, fatalerweise, das Zyklische wieder.

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 Ligia Lewis: „Still Not Still“ (c) Moritz Freudenberg

Die sechs leben mit dem Würgegriff von rassistischen Ressentiments und einer Geschichtsschreibung, die ihnen fortwährend neue Tode verordnen. Diese Tode sind gleichzeitig Folge der und Auflehnung gegen ihre Marginalisierung, wütende Kriegserklärung und das Tor in eine gefühlte Nicht-Existenz, Ergebnis einer rigorosen Hingabe an diese. Jeder versuchte Suizid ist ein Hilfeschrei. In diesem Stück rufen die ethnisch bunt gemischten Sechs in ihrem hierarchielosen Miteinander aus den kulturellen und individuellen Tunneln, in denen sie verschwinden. Und das Licht an deren Ende?

Das Stück entzieht sich jeder hoffnungsvollen Attitüde. Es bleibt skurril-grotesk galgen-humorig bis zum bitteren, tragischen Ende, wenn sie, wie leere Hüllen nur noch, von der Rampe hinab gleiten in die finale Auflösung ihres Selbst und ihres Seins. Als in die Zeiten und deren Erinnerung eingeschriebene Auslöschung. Und wer hat’s erfunden (Zurück auf Start!): Wir. „Still Not Still“ ist emotionale Bestandsaufnahme, kein Appell. Es ist der in komplexe, düstere Bilder verpackte, bedrückende Hinweis auf fortgesetzte, sich perpetuierende Ignoranz und Verantwortungslosigkeit. Es ist aber auch eine ironische Brechung jedweder bedeutungsgeladenen Identitätspolitik. Und damit dunkel-köstlich.

Ligia Lewis mit „Still Not Still“ am 15.01.2026 im Tanzquartier Wien.

 

Rando Hannemann

 

 

 

 

 

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