WIEN/ Tanzquartier Wien: Alex Franz Zehetbauer mit „bonappétitsixsixsix“
Bereits den dritten, wiederum von spezifischen Eigenheiten geprägten Aufführungsort bespielte der in Wien lebende gebürtige New Yorker Alex Franz Zehetbauer mit seiner Performance „bonappétitsixsixsix“, in der er in die Rolle des Narren schlüpft, um Symbole und zu solchem Gewordenes zu entkleiden und ihren Kern zu untersuchen. Und das mit seiner eh schon oft demonstrierten Experimentierfreude mit Schall, Geräusch, Ton, Rhythmus, Gesang und Ausdrucksmöglichkeiten.
Ende März diesen Jahres an zwei Terminen in der Halle G des Wiener Museumsquartiers sowie Mitte Juni im PART International Art Residency Austria in Wien gezeigt, wurden für diese Performance nun von dessen grünen Hausherren die Türen des Bezirksamtes Mariahilf/Neubau geöffnet. Einschließlich des in Repräsentationsräumen üblichen Arrangements von Fahnen Österreichs und der EU. Diese werden zur ersten Zielscheibe des studierten Theatermachers, Performancekünstlers und Singer-Songwriters Zehetbauer.

Alex Franz Zehetbauer: „bonappétitsixsixsix“ (c) Marcella Ruiz-Cruz
Aus dem Hinterhalt schiebt er eine vergleichsweise kleine blaue Fahne ins Blickfeld des frontal platzierten Publikums und ersetzt schließlich eine der zwei rot-weiß-roten durch diese. Die österreichisch-europäischen Werte und deren zunehmende Unterwanderung durch rechtsgerichtete Parteien und Ideologien werden zum ersten einer Reihe von starken Bildern.
Mit „Eure Majestät“ spricht er viele Male viele Einzelne im Publikum an und adressiert damit gleichzeitig dessen zahlreiche Verweise auf „die da oben“ und deren Verantwortung für die Kriege und Krisen dieses Landes und dieser Welt. Denn: Es ist der Souverän, der da sechsfach aufgereiht mit gebündelter Macht und Kompetenz vor ihm sitzt. Jedoch bei seiner Rolle als Hofnarr, dem mit vielen und doch beschränkten Freiheiten versehenen Beobachter, Analysten und Kritiker von Politik im Zentrum der Macht, hier auch physisch, bleibt es nicht.
Der Künstler Zehetbauer im Gewand des Harlekins, eines Menschen also mit zugeschriebenen „kognitiven Besonderheiten“, begibt er sich in den Kulturbetrieb, die Unterhaltungsindustrie und deren Ziel, die Masse. Und bricht mit Liedern der Selbstbeschau in die ihn umgebende Welt. Präkariat, Hunger, Einsamkeit und Verlust sind seine Themen, repräsentierend eine sozioökonomisch benachteiligte Unterschicht. Die Melancholie im glockenklaren Timbre seiner Stimme, die poetischen Texte seiner mit der Leier begleiteten Lieder und die Kraft seiner Stimme, die aus den Tiefen eines empathischen Herzens klingt, konterkarieren die Heiterkeit, der sich das Publikum nur allzu gern hingibt.

Alex Franz Zehetbauer: „bonappétitsixsixsix“ (c) Jonáš Verešpej
Der in zirzensischen Kontexten tätige Messerwerfer, dessen ihn begleitende „Augenweide“ auf rotierender Scheibe für ihn ein knapp zu verfehlendes Ziel und für uns eine Projektionsfläche für unsere Angst, vom Unbill des Lebens getroffen zu werden, darstellt, bewirft in diesem Stück die Wand, vor der ein Freiwilliger aus dem Publikum zittert, mit (künstlicher) Scheiße. Auch zwei Zuschauer haben ihre Freude beim Schleudern dieser vielen glibbrig-klebrigen Klumpen.
Und so belustigt der Narr sein Publikum, das doch eigentlich die Zielscheibe seines bitteren Spottes ist. „Brot und Spiele“ hieß es schon bei den Römern. Satt werden auch die Armen noch bei uns, manche gerade so. Die Spiele, mit denen das Volk bei Laune und im Dämmerschlaf gehalten werden soll, opfern mögliches Niveau Sensationslust und massentauglicher Armseligkeit. Und dem für jeden Kulturbetrieb notwendigen Konsumenten wird seine (Mit-) Verantwortung für das, was ihm Medien und (Film-) Theater präsentieren, zugewiesen.
Zwei Hydrophone in den Mundwinkeln. Ein drittes dann, live eingeführt, im Anus. Faszinierend, welche Klänge aus dem Innern seines Körpers auf die Boxen gelangen, perkussiv, mit Streicheln, Gesang und Sprache erzeugt. Mit „Money, Money“ schreit Obsession aus dem Dunkel seines Rektums, wütend, aggressiv, verzweifelt, anklagend. Die Metaphorik ist bedrückend. Wie stark nämlich äußere Einflüsse in uns resonieren, was wir als Endprodukt psychischer Verdauungsprozesse ausscheiden und was da in unserem Inneren an Trieben und Antrieben köchelt, führt uns Zehetbauer mit seiner handwerklich köstlichen, inhaltlich bedrückenden Anal-Akustik-Show vor.

Alex Franz Zehetbauer: „bonappétitsixsixsix“ (c) Marcella Ruiz-Cruz
Der Narr berichtet uns von seiner Zähmung. Die Klarheit seines Blickes, die Schärfe seiner Analyse, die Kreativität seiner Bildsprache und die Unverfrorenheit seiner Äußerungen präsentiert er uns als einen Vierbeiner, an Zügeln geführt und am Schwanz gehalten von uns, repräsentiert von zwei Zuschauerinnen. Ein weiterer Volksvertreter klopft einen langsamen Rhythmus mit einer bald zerbrechenden Flache auf seinem Hintern. Erheitert ob des skurrilen Quartetts auf der Bühne zeigt sich das Volk.
Es scheint jedoch nicht zu spüren, dass die Einengung des in der Öffentlichkeit geduldeten Spektrums an Meinungen und Seinsweisen Resultat einer von eben diesem Volk ausgehenden Intoleranz gegenüber anders Denkenden und Seienden ist. Zehetbauer zeigt uns an Ketten gelegte demokratische Grundwerte, mithin den Weg in die Diktatur. „Wer kontrolliert wen?“ Und schließt damit den Kreis zum Anfang. Zur blauen Standarte.
Die vermeintlich „besonderen Bedürfnisse“ (heutzutage müsste man ihn dieser Art beschreiben) der historischen Figur des Narren schützen ihn vor Respekt und Wertschätzung. Den gerade und paradoxerweise dadurch erhaltenen größeren Grad an Freiheit nutzt er für mehr oder weniger gescheite Kommentare. Er wählt, wen er wie, wann und womit verunsichert, spiegelt oder einfach nur verarscht, alles auf dem Fundament seiner universalen, zementierten Ohnmacht.

Alex Franz Zehetbauer: „bonappétitsixsixsix“ (c) Marcella Ruiz-Cruz
Und doch: Das Stück erzählt von Selbstermächtigung und ist Nachweis einer – wenn auch limitierten – Handlungsmacht. Erbitterung liegt unter aller Derbheit, schonungslose Nabelschau färbt jedes fröhliche Gelächter. Nichts und niemand sei vor ihm sicher, so ist im Programmzettel zu lesen. Und in der Tat ehrt der Künstler Alex Franz Zehetbauer mit diesem 50-minütigen Solo-Stück seinen Berufsstand, indem er sein Handwerk und diverse Stilmittel nutzt zur Kreation von höchst subversiven, klugen Bildern, deren gesellschaftspolitische, individuelle und psychologische Brisanz die Täuschungen der Gegenwart durchdringen. Großartig!
Alex Franz Zehetbauer mit „bonappétitsixsixsix“ am 22.10.2026 im Tanzquartier Wien. Spielort: Bezirksamt Mariahilf/Neubau.
Rando Hannemann

