WIEN/ Tanzquartier Wien: God’s Entertainment mit „Der beste Mensch von Amazon“
Das Wiener Künstler*innenkollektiv-Kollektiv God’s Entertainment bereichert seit vielen Jahren die Performance-Szene mit radikal komponierten Arbeiten über politisch und gesellschaftlich brisante Thematiken. Zwischen Theater, Tanz und Performance angesiedelt, ließ sich diese multidisziplinär strukturierte Vereinigung für ihr Stück „Der beste Mensch von Amazon“ inspirieren von in Buchform zusammengefassten Online-Rezensionen des 2019 verstorbenen Autors Kevin Killian.

God’s Entertainment: „Der beste Mensch von Amazon“ © Peter Mayr
Dessen zur (fast) gesamten Bandbreite der Amazon-Produkte verfasste Texte wurden zu Impulsgebern für eine kritische Reflexion über die Persönlichkeit des Amazon-Gründers Jeff Bezos und seine Unternehmen. 1994 begann die Erfolgsgeschichte des inzwischen weltgrößten Online-Handelsunternehmens Amazon mit nunmehr weltweit mehr als 1,5 Millionen Angestellten und einem Jahresumsatz von weit über 600 Milliarden Dollar (2024). Neben dem einstigen Kerngeschäft E-Commerce dringt Amazon auch mit Cloud-Computing und seiner Streaming-Plattform Amazon-Prime tief in private und geschäftliche Umwelten.
Wesentlich für Amazons Erfolg sind Algorithmen, die von Daten zu den Interessen der Konsumenten gefüttert werden und diese manipulieren, um zu weiterem Konsum zu verführen. Stellvertretend für die Mechanismen dieser Verführung sitzen etwa zehn Prime-Kunden auf der Bühne an einem in Stile des blauen Amazon-Prime-Logos geschwungenen Tisch und werden mit schnell gelieferten Paketen und essbarem Matsch (an-) gefüttert. Die Befriedigung, die dem Einzelnen sein Konsum und seine aus der Masse der Kunden herausgehobene Stellung verschafft, ist naturgemäß von nur kurzer Dauer. Lang anhaltend allerdings für Jeff Bezos.

God’s Entertainment: „Der beste Mensch von Amazon“ © Peter Mayr
Der, circa 40-fach als überdimensionaler Pappmaché-Schädel auf der Tribüne, die doch eigentlich unser, also des Publikums Platz ist (denn er hat uns bereits aus unsrer Mitte gedrängt), auf Puppen oder Performern, die später dann mit Leben überraschen, installiert, wird als multiple Persönlichkeit oder mindestens doch als Hans Dampf in allen Gassen vorgeführt. Seine privaten Obsessionen (Golf und Longevity, die Badewanne wird zum Jungbrunnen, während „Forever Young“ aus den Boxen schallt) und seine geschäftlichen Betätigungsfelder spielen alle irgendeine Rolle.
Alle außer Blue Origin, Bezos‘ Raumfahrt-Unternehmen, und Alexa, dem für die Wohnzimmer seiner Kundschaft designten sprachgesteuerten elektronischen Assistenten von Amazon. Die anfänglich massive Kritik unter anderem an dessen Missbrauchs-Potential verebbte, wohl auch wegen der ebenso sorglosen Nutzung vergleichbarer Produkte der Mitbewerber. Man gewöhnt sich dran. Und was mit den (ungewollten) Sprachaufzeichnungen und den Daten der Kundschaft tatsächlich passiert, bleibt im Verborgenen. Die sichtbaren Oberflächen der Amazon-Welt aber werden zu Angriffspunkten dieser Performance.
Opulent die Bühnen-Ausstattung mit riesiger Box als zentrales, das sich gegenüber sitzende Publikum zuweilen auch teilende Requisit, mit vielen kleinen Paketen, einer Badewanne voller Mineralwasser-Flaschen, einem vom Komponisten, Pianisten und hier Performenden Matthias Kranebitter programmierten und später auch live bedienten selbst spielenden Klavier und der VIP-Lounge für Prime-Kunden.

God’s Entertainment: „Der beste Mensch von Amazon“ © Peter Mayr
Ein putziger humanoider Roboter plaudert mit dem Publikum. Er tut, was man von ihm will und fühlt nichts dabei. Das Vorbild für die unter den brutalen Arbeitsbedingungen leidenden Amazon-Angestellten. Dann amüsiert ein Ballett von automatisiert fahrenden Plastik-Boxen-Türmen, Symbole für Roboter in den Hochregal-Lagern von Amazon und, beginnend, in der Paket-Zustellung, die technologischen Fortschritt treiben und menschliche Angestellte zunehmend ersetzen.
Noch aber liefern prekär Beschäftigte aus. Gebeugt ihre Rücken, erschöpft ihre Körper. Es könnten auch Kunden sein, die da Kolonnen bilden mit Paketen in der Hand. Jedenfalls mutiert sehr bald schon defektes technisches Gerät im Ergebnis des „Unboxing“ und für die Rücksendung Verpacktes zum geräuschvollen Co-Performer. Wie auch entpackte Hinterteile, bemalt und zum Stempel befördert. Na gut.
Bezos wird interviewt, es antwortet ein live gespieltes Schlagzeug mit der Wirklichkeit abgeschautem indifferentem Geblubber. Mit bitterem Humor durchforsten sie eine Fülle von Aspekten. Etwas Text läuft über die Wände der Riesen-Box, lyrisch-philosophische Betrachtungen über Amazons Geschäftspraktiken, über Innen und Außen, die Grenzen dazwischen, das Universum und Kontingenz.

God’s Entertainment: „Der beste Mensch von Amazon“ © Peter Mayr
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit, nach Echtheit der Empfindungen, nach Authentizität der Erfahrung und nach analogem, natürlichem Leben wird in ironisch-skurrilen Bildern formuliert. Witzig und traurig zugleich. Und dann: „Happy Childhood inside“ steht auf den Verpackungen von Flachbild-TV-Geräten, die als Nährboden für ein Plastik-Pflanzen-Biotop (kunstvoll gestaltet von der Floral-Künstlerin Alma Bektaš) dienen, das, gegen Ende per Golfschläger entpackt, als Inhalt des riesigen Überraschungs-Paketes sichtbar wird.
Und das Bild bleibt am Ende stehen. Abbild einer schon gegenwärtigen Zukunft, in der Prime-Video-Konsumenten und Onlineversand-Kunden ihrer ideologischen und ökonomischen Gefangenschaft weder bewusst sind noch ihr zu entfliehen vermögen. Das nämlich ist die eigentliche Lieferung.
Immer wieder neue, „personalisierte“ Angebote helfen, die Ermüdung und Frustration, die auf den kurzen Rausch folgen, zu betäuben. So werden Kauf und Medien-Konsum zur Droge, so wird der Kunde zum Junky. Bezos‘ Amazon steht ja nur als Beispiel da für die triste Zukunft der Menschheit in einem von einigen wenigen Tech-Giganten dominierten Turbo-Kapitalismus, dem der Kunde und dessen Daten als Kanonenfutter für den Krieg von Reich gegen Arm dient. Den stillen Gewinnern hilft die Politik (Bezos‘ Nähe zu Trump bezeugen ungeniert veröffentlichte (Foto-) Dokumente) mit der Bereitstellung von unterprivilegierten Teilen der Gesellschaft als Feinde des Volkes und seines bescheidenen Wohlstandes.

God’s Entertainment: „Der beste Mensch von Amazon“ © Peter Mayr
„Der beste Mensch von Amazon“ ist in drastische Bilder voller Gewalt gepackte Kapitalismus-, Amazon-, Bezos- und auch Gesellschafts-Kritik. Das offene Finale (die Performance verebbt, das Publikum beginnt verunsichert, den nicht mehr erscheinenden Performenden zu applaudieren), das die vielen Bezos‘ auf der Tribüne dem Abbild infiltrierter privater und gesellschaftspolitischer Seinsweisen gegenüberstellt, bleibt hängen als scharfe, düstere und beängstigende Analyse der Gegenwart und als erschütternde Antizipation von Ergebnissen sich rasant beschleunigender Prozesse.
God’s Entertainment mit „Der beste Mensch von Amazon“ am 23.04.2026 im Tanzquartier Wien.
Rando Hannemann

