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WIEN/ Tanzquartier: Ulduz Ahmadzadeh / ATASH عطش Contemporary Dance Company mit „No Gods Land“

31.10.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ Tanzquartier Wien: Ulduz Ahmadzadeh / ATASH عطش Contemporary Dance Company mit „No Gods Land“

 Es ist nur ein Spiel! Mit ihrem neuen Tanzstück „No Gods Land“, das in der Halle G des Wiener Museumsquartieres jetzt seine Uraufführung erlebte, beschreitet die iranisch-stämmige Wienerin Ulduz Ahmadzadeh neue Wege, die sie herausführen aus der Jahre andauernden Beschäftigung mit west- und zentralasiatischem, in langen, teils bereits verloschenen Traditionen gewachsenem Tanzwissen. Hinein in das Herz einer bedrohten Gesellschaft.

 Eine Matrix von zehn mal zehn langstengligen Weizen-Halmen, per Magnet auf Metall-Teller gestellt (Künstlerische Ko-Leitung und Szenografie: Till Jasper Krappmann), bildet das Feld, das zu erkunden sich zwei Tänzerinnen (Desi Bonato und Naline Ferraz) und zwei Tänzer (Joshua Akubo Gabriel und Jihun Choi) aus dem quadratisch angeordneten Publikum, aus vier Perspektiven heraus also, begeben. Und, wie die Namen bereits erkennen lassen, schaut jeder der vier mit anderen Augen.

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Ulduz Ahmadzadeh: „No Gods Land“ (c) Raphael Mittendorfer

 Es ist wie ein Friedhof, auf dem europäische Gesellschafts- und philosophische Konzepte, Ideen und Ideale begraben liegen, den eine Italienerin, eine Brasilianerin, ein Nigerianer und ein Südkoreaner betreten, stellvertretend für vier Kontinente, viel mehr Kulturen und noch mehr Illusionen. Es ist ebenso ein Feld, das die Gesellschaft bislang nährte, mit klar strukturierten, offensichtlichen Regeln, die Sicherheit gaben. Ein Rahmen aus an Leinen aufgehängten Tellern signalisiert den Vieren die Grenze, besser wohl ihre Ausgrenzung. Und er verheißt Wohlstand und Geborgenheit im Innern.

 Aus der individuellen Erkundung wird Begegnung. Und bald schon beginnen sie, das Feld umzugestalten in Räume und Territorien nach ihren Vorstellungen. Sie brechen die Ordnung auf, testen ihre Freiheiten in neuen Konstellationen und zeigen, was sie mitbringen. Jeder und jede ist von ganz eigenem Charakter, geformt durch individuelle Lebenswege und -umstände, kulturelle Prägungen und, nicht zuletzt und Gott sei Dank, durch ihren Tanz.

 Die eine kommt mit kämpferischer Attitüde, die andere mit erfrischender Naivität. Der Afrikaner bringt Geerdetes, der Koreaner sanftes Sowohl-als-auch. Bald schon wird aus neugierigem Erforschen des Feldes und des Anderen ein konfrontatives Gegeneinander. Jeder versucht die Führung zu übernehmen, die Regeln festzulegen, die Macht an sich zu reißen. Jeder scheitert damit. Die Ordnung zerfällt immer mehr. Aggression und Gewalt beherrschen ihre kleine Zwangsgemeinschaft. Und am Ende kommt sogar jemand zu Tode.

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Ulduz Ahmadzadeh: „No Gods Land“ (c) Raphael Mittendorfer

 Getrieben wird das Geschehen vom Sound des ebenfalls iranisch-stämmigen Komponisten und Sounddesigners Pouya Ehsaei, der mit häufig wechselnden Klang-Charakteristika das Stück in „Szenen eines Untergangs“ gliedert. Sein elektronischer Sound und der Tanz der vier steigern sich in eine emotional packende Apokalypse, begleitet von einem phantastischen, wie die Bühne sehr aufwändig gestalteten Lichtdesign von Benjamin Maier. Die Kostüme von Lina Eberle umschmeicheln luftig-fantasievoll die Körper.

 Die zunehmende Instabilität der der Bühnen-Gesellschaft wird befeuert durch die Unfähigkeit der Akteure, trotz ihrer Unterschiede ihre gemeinsamen und nur gemeinsam zu bewältigenden Aufgaben zu erkennen. So wird aus einem anfänglich respektvollen Mit- und Nebeneinander (sie schaffen schützende Räume für Einzelne) ein offenes Gegeneinander, das im Kampf um die Vormacht die verbindenden Themen übersieht.

 Goldene Teller drehen sie immer wieder wie Brummkreisel. Wenn sie fallen, zerfällt Bestehendes, das ständig hinterfragt wird, verdunsten Gewissheiten, die kurz nur Halt geben können im ständigen Wandel. Und wie im richtigen Leben erodiert mit ihnen jeder Glaube, jedes Fundament und damit alle Sicherheit. Was produziert diese Verunsicherung? Angst. Und die Aggression. Und die Gewalt. Im Kleinen wie im Großen. Unten wie oben. Somit erscheint das Stück wie ein Spiegelbild von individuellen Interessen, Trieben und Begierden, von Politik, lokalen Gesellschaften und globalen Menschheitsthemen in einem.

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Ulduz Ahmadzadeh: „No Gods Land“ (c) Raphael Mittendorfer

 Die Fahnen des Liberalismus aber, mit denen weithin sichtbar gewedelt wird, sind verlorene Söhne verlogener Götter. Ihr Freiheits-Versprechen ist trügerischer Schein. Denn jede Ordnung herrscht mit Restriktionen. Freiheit existiert nur innerhalb der von diesen gesetzten Grenzen. Wer diese weiten will und sprengen, sieht sich konfrontiert mit Machtinteressen und Gewalt. Ob Individuen, Kulturen oder Ökonomien, viel zu viele sind getrieben vom Wettbewerb, der das Eigene über das Ganze stellt. Darwinsche Prinzipien, fortgelebt in der menschlichen Zivilisation, deren Primitivität dem Stück seinen dystopischen Stempel aufdrückt.

 Migration, der Kampf um knappe und schwindende Ressourcen, post- und neokoloniale Strukturen, Kriege und Krisen, Klimakatastrophe und die im Gang befindliche Neuordnung der Welt prägen die Gegenwart und lassen angesichts von immer unverhohlener ausgelebten ökonomischen und Macht-Interessen die Zukunft in düsteren Farben erscheinen. Wettbewerb statt Kooperation, Konfrontation statt Vereinigung. Der Siegeswille manifestiert sich in Regularien, deren einstige gemeinsame Basis zersplittert. Wie die Gesellschaft, die Menschheit, die Welt.

 Und so geschieht, wovon Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Der Panther“ berichtet, abgedruckt im begleitenden Programmzettel. Reichtum, Kraft und Schönheit werden als zu Folklore geschrumpfte, gezähmte, verkommene Kulturen auf den Altaren fremder, entfremdeter und entfremdender Ordnungen geopfert. Deren oft unsichtbare Strukturen und in ihren wesentlichen Teilen verdeckte Regeln kontrollieren uns. Das Poem ist eine Allegorie auf die Grundbefindlichkeit, aus der heraus dieses Stück entstand.

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 Ulduz Ahmadzadeh: „No Gods Land“ (c) Raphael Mittendorfer

 Hochkarätige, vielfältig gebildete und aktive, expressive Tänzerinnen und Tänzer mit ausgeprägt eigenem Bewegungsmaterial, Sound und Licht der Extraklasse, eine gemeinschaftlich erarbeitete Choreografie und, wie diese, schlüssige Dramaturgie (hierfür unterstützte Imani Rameses) machen „No Gods Land“ zu einem herausragenden Tanzstück von final hoher Intensität und anfangs nicht erwartbarer emotionaler Wirkung, das als dritter Teil einer Trilogie (mit „VASHT“ und „ZĀĀR“, beide erstaufgeführt 2025 respektive 2024 im Tanzquartier Wien) der Welt ihren kulturellen Niedergang bescheinigt. Fazit: Jeder will gewinnen, aber alle verlieren. Das System Wettbewerb hat am Ende alle gebrochen.

 Die vier tanzen die Anfälligkeit für Störungen, die das fein austarierte und so fragile Gleichgewicht nachhaltig ins Wanken und das System schließlich zum Einsturz bringen. Ob Volkswirtschaften oder Religionsgemeinschaften, ob Staaten oder Ideologien, ob gesellschaftliche oder individuelle Identitäten, alle leben von der Einengung der Perspektiven und der Bekämpfung dessen, was jenseits des eigenen Korridors existiert.

 Die resultierende Gewalt, sichtbar in allen Bereichen und zu allen Zeiten, prägt das Sein des Menschen. Bezeichnend, dass der Asiate, der vordem die drei anderen aus einer gemeinschaftlichen Erstarrung befreit hatte, diesen dreien schließlich zum Opfer fällt.

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Ulduz Ahmadzadeh: „No Gods Land“ (c) Raphael Mittendorfer

 Es ist die Seele des Menschen, die das Team von Selbsttäuschung und wohlmeinenden Zuschreibungen befreit. Nackt nun erscheint sie verstört und verstörend, unfähig, der Größe, die ihr gemeinhin unterstellt wird, auch nur in Anflügen zu entsprechen. Was bleibt, sind Egozentrik und Xenophobie. Doch damit kann der Mensch die Probleme der Gegenwart und Zukunft nicht lösen. Ein trauriger Befund, den die vier Tänzerinnen und Tänzer da ausstellen.

 Dass final so gar keine Hoffnung bleibt, verdankt dieses Stück dem Pessimismus und Skeptizismus seiner Schöpfer. Andere, wie Karin Pauer zum Beispiel in ihrer jüngst uraufgeführten Arbeit „ghosts & monsters“, finden in der Konkursmasse einer Gesellschaft das Baumaterial für einen Neubeginn. Das Schöpferteam von „No Gods Land“ hat seinen Glauben verloren. Diese Gottlosigkeit erschüttert. Braucht es also neben neuen Tafeln mit neuen Werten auch neue Götter?

 Ulduz Ahmadzadeh / ATASH عطش Contemporary Dance Company mit „No Gods Land“ am 29.10.2026 im Tanzquartier Wien.

 

Rando Hannemann

 

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