WIEN/ Tanzquartier Wien: Karin Pauer mit „ghosts & monsters“
Das Tanzquartier Wien eröffnet seine Spielzeit 2026/27 mit der Uraufführung der Arbeit „ghosts & monsters“ der Wiener Performerin und Choreografin Karin Pauer, die sich hierfür mit exzellenten Fachkräften verschiedener Gewerke umgab. Die mit „a leaking encyclopedia of the now“ untertitelte Performance verlässt die ausgetretenen Pfade dystopischer Visionen, indem sie den Blick hebt über die Tellerränder festgefahrener Wahrnehmungen und Vorstellungen von der Welt, unserer Position in und zu ihr und unserer Handlungsmacht.
Die beiden inspiratorischen Quellen, das Gedicht „Alphabet“ der dänischen Dichterin Inger Christensen, und die Gedanken der amerikanischen Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing verschränkt Karin Pauer zu einer zweistündigen Reise durch Fakten und (Mit-) Gefühltes. Das 1981 entstandene Poem listet in alphabetischer Reihenfolge Begriffe, organisiert in Form einer Fibonacci-Folge, in der die nächste Zahl die Summe der zwei jeweils vorangehenden darstellt. Diese Folge ist mathematisches Abbild von weit verbreiteten natürlichen Strukturen.

Karin Pauer: „ghosts & monsters“ (c) Karolina Miernik
Anna Tsing, geboren 1952 und Professorin für Anthropologie an der Universität von Californien, Santa Cruz, widmet sich in ihrem Werk neben Globalisierung, feministischer Theorie, dem Anthropozän, Kapitalismus und der Prekarität vor allem auch multispezifischer Ethnografie, dem Zusammenleben und der Verflechtungen von Menschen und Nicht-Menschlichem also. Gemäß dem als Arbeitsgrundlage für dieses Stück formulierten „Benennen und Wahrnehmen“ schaffen Pauer und ihr Team starke Bilder.
Das Bühnenbild von Eva Engelbert strukturiert die Szene in zwei Hälften, geteilt durch einen mittig installierten „Laufsteg“, der das Publikum sowie die Bühne in zwei voneinander getrennte Räume separiert. Der Tanz der fünf Performenden (Hugo Le Brigand, Ixchel Mendoza Hernández, Stella Covi, Alberto Cissello sowie Karin Pauer selbst) beginnt in zwei Gruppen getrennt beiderseits der „Barriere“ zwischen ihnen, die, Symbol wiederum, aus dem dritten Bereich für das Publikum, der Tribüne, entspringt.
Dieses die Performance einleitende Bild der Trennung, wurzelnd in und verursacht und verantwortet durch uns und prägend unsere Wahrnehmung von allem, von uns selbst und der uns umgebenden Welt somit, beschreibt das psychologische, philosophische, ideologische, gesellschaftspolitische, ökonomische und ökologische Fundament unseres Seins. Es ist der Beginn einer Folge von visuellen, sprachlichen und musikalischen, allesamt mehrdimensionalen Abbildern.
Die jeder Bewertung enthobene Objektivität der Listung von Begriffen und die schonungslose Analyse der Wirklichkeit werden in diesem Stück verschmolzen zu einer Bestandsaufnahme, die fast unmerklich in die Darstellung des unweigerlich Notwendigen, der Aktion mündet. Das, was leidet, schwindet und zerfällt, nährt das, was kommen und wachsen will. Offenheit und Kreativität machen aus Bruchstücken und Relikten einstiger Bauwerke und Überzeugungen Bausteine für Neues, Anderes.

Karin Pauer: „ghosts & monsters“ (c) Karolina Miernik
Die „Geister“, der erste von zwei Kern-Aspekten des Buches „Arts of Living on a Damaged Planet“ von Anna Tsing, Heather Swanson, Elaine Gan und Nils Bubandt, stehen für die materiellen und immateriellen Hinterlassenschaften des Anthropozäns (oder, wie Karin Pauer anmerkt, des Kapitalozäns (dieser Begriff berücksichtigt den sehr ungleich verteilten menschlichen Einfluss auf den Planeten)) in Umwelt und menschlichen Körpern und Seelen. Als „Monster“ hingegen werden die durch menschliche Aktivitäten erzeugten Veränderungen und Neuheiten beschrieben. Beide werden wie schleichende Prozesse in Slow Motion zu Bewegung.
Die universale Vereinzelung des Menschen und seine Empathielosigkeit gegenüber allem Existierenden, die Zersplitterung der Gesellschaft, das Elend der gequälten Natur, der zerstörerische Herrschafts-Dünkel des Menschen und die Kapitalisierung von allem und jedem sind Themen der tänzerisch-performativen, musikalischen und szenografischen Bilder, unterstützt durch das die Wahrnehmung steuernde Lichtdesign von Sveta Schwin. Rozi Mákó generiert live die akustische Kulisse. Sie lässt Herzen pochen, Bässe wummern und Rhythmen treiben, feinfühlig das Bühnengeschehen steuernd: spiegelnd, anfeuernd oder besänftigend.
Karin Pauer und ihr Team stellen ihr jeweiliges Handwerk konsequent in den Dienst der Kunst, der Kreation nämlich von Bildern. Und das gelingt ihnen eindrucksvoll. Das Stück als Ganzes ist eine Ratio und Emotio miteinander versöhnende Metapher, das Fundament bildend für eine Fülle von vielschichtigen Gleichnissen und Prozessen.

Karin Pauer: „ghosts & monsters“ (c) Karolina Miernik
Die Arbeit beschreibt sie und fordert gleichzeitig dazu auf: Die Überwindung von vielerlei verstetigten Prozessen und betonierten Werte- und Glaubenssystemen, so zum Beispiel der Spaltung der Gesellschaft in immer mehr und kleinere Entitäten, der zunehmenden Entfremdung von sich selbst, dem Mitmenschen und allen natürlichen Wesen und Elementen und des fortgesetzten und vor allem unendlichen ökonomischen Wachstums. Zentral aber ist die Überwindung des menschlichen Hegemonialstrebens.
Am Ende tanzen sie die selben Gesten und Schritte wie eingangs, nur nicht mehr getrennt. Die Lager vereint, die globalen Aufgaben und persönliche Interessen als gemeinsame erkannt, zeigen sie die Neu-Organisation der Gesellschaft auf einer höheren Bewusstseinsstufe. Sie sind bereit für die Hingabe an das Existierende, zu Demut und zur Aufgabe des menschlichen, von Gier und psychischen Defiziten getriebenen Dranges, zu beherrschen.
Wir sind alle eins! Diese Überzeugung, einmal und auf breiter Basis verinnerlicht, würde die ideologischen Fundamente unseres Lebens (politisch, gesellschaftlich, ökonomisch, ökologisch, sozial und individuell) ad absurdum und zu einem fried- und respektvollen, empathischen, fürsorglichen Miteinander auch mit allen anders Denkenden, mit allem anders Seienden und mit der Existenz und allem sie Einschließenden führen.

Karin Pauer: „ghosts & monsters“ (c) Karolina Miernik
Auf diesem neuen Fundament Neues, Ungewohntes zu errichten, das mit Kontinuitäten bricht, ohne Gewesenes zu ignorieren, zeichnet diese Arbeit als Vision an die Wände, auf denen bislang die immer gleichen Schatten miteinander spielten, solche, die voneinander nicht lassen konnten, weil sie glaubten, einander zu brauchen.
„ghosts & monsters“ fordert auf, unsere Gewissheiten zu hinterfragen, insbesondere die von unserer Ohnmacht. Weder dystopisch noch utopisch führt es in ganzheitliche Perspektive und Spiritualität, über Bewusstwerdung und Selbstermächtigung in die Aktion. Davon erzählt das Stück mit großer Sensibilität und in starken, poetischen Bildern, klug analysiert und konzipiert, handwerklich und künstlerisch großartig umgesetzt.
Karin Pauer mit „ghosts & monsters“ am 08.10.2026 im Tanzquartier Wien.
Rando Hannemann

