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WIEN/ Tanzquartier: FLORENTINA HOLZINGER TANZ

05.10.2019 | Ballett/Tanz

Tanzquartier Wien:  Florentina Holzinger Tanz – 3.10.2019

WIEN/ Florentina Holzinger mit „Tanz“ im Tanzquartier Wien

Den dritten Teil ihrer Trilogie über den menschlichen Körper und dessen Erziehung nennt die österreichische Choreografin Florentina Holzinger schlicht „Tanz“. Aber, und man darf sich inzwischen auf sie verlassen, so harmlos wie ihr Titel ist diese gut zweistündige Arbeit natürlich nicht. Zwischen Spitzentanz und Trash, mit viel nacktem Fleisch, Blut und ironischer Distanz schießt Holzinger aus allen Rohren aufs klassisch-romantische Ballett.


Florentina Holzinger Tanz c Eva Wuerdinger

Eine reißt sich sitzend die Eingeweide aus dem Leib, während sieben weitere Performerinnen um sie herum stehen, monoton summend. Und dann treten sie an die Barren zum klassischen Ballett-Training, geleitet von der nackten Tanzlehrerin Beatrice Cordua, die, mittlerweile an die 80 und lange Zeit Primaballerina unter John Neumeier in Hamburg, wo sie bereits 1972 dessen „Le Sacre“ nackt tanzte, hier als fachkundig-lüsterner Allround-Coach brilliert.

So beginnt die in zwei Akte a la „La Sylphide“ und mehrere szenische Trainingseinheiten/Lektionen gegliederte Performance. Die Studentinnen lernen neben dem Strecken der Füße auch, wie man masturbiert. Der Drill der klassischen Ballett-Ausbildung mündet in ein blutiges Spektakel, das ob seiner ironischen und Trash-Elemente zu einem die Zuschauerschaft wahrlich fordernden Theater wird.


Florentina Holzinger Tanz c Eva Wuerdinger

Energie will sie sehen und übernatürliche Kraft. Doch der Hexenritt auf dem Staubsaugerrohr bleibt trotz aller Bemühungen ein erdgebundener. Wir sehen immer mehr Haut und immer mehr echtes (!) Blut, das großzügig verspritzt die Spitzenschuhe tränkt und Körper färbt. Die Geilheit der Trainerin bricht durch, sie fantasiert von der Faust im Arsch und ist so heiß auf die vielen ausgestreckten Beine. „Pleasure and korruption“. Und einer Asiatin werden ihre individuellen und fremdkulturellen Prägungen per regredierendem Zauberkunststück gründlich ausgetrieben, ihre Identität wird im Hexenkessel eingekocht.

„Leicht sein“ sollen sie, und drei hängen sich an ihren Haaren auf. In luftige Höhen gehoben übt eine das „Entrechat“ (das schnelle alternierende Kreuzen der gestreckten Beine). Der Traum vom Fliegen wird wahr. Und es schmerzt mehr als die Kopfhaut …


Florentina Holzinger Tanz c Eva Wuerdinger

Die Trainerin gebiert blutend eine Ratte, auf schwebenden Motorrädern turnen sie und rasen auf der Stelle, A-Capella-Gesang vom Feinsten, an Haken im eigenen Fleisch wird eine Tänzerin in die Höhe gezogen und tanzt, Spitzentanz in Pas-de-deux und Gruppe, kriegerische Schießerei und das Tier in uns, abgehackte Gliedmaßen und Porno-Live-Cam auf den Monitoren, Zauberkunststücke, Publikumsbeteiligung zur Macht des Geldes, „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die Fülle an Details, die Bandbreite der Mittel, deren Kraft und das 10-köpfige weibliche Kollektiv beeindrucken. Und nebenher werden Gedanken an den Skandal um Ausbildungs-Methoden am Staatsballett Wien wachgerufen.

Das klassische, romantische Ballett ist in seiner Gesamtheit Abbild überkommender sozialer und gesellschaftlicher Strukturen. Dessen Werte und Ideale, nicht nur in der Kunst längst überrollt, nimmt Florentina Holzinger mit „Tanz“ ins Visier. Pars pro toto. Sie ist keine von ihrer Ausbildung tief traumatisierte ehemalige Ballett-Studentin. Sie lässt hier nicht einfach nur ihrer jeglicher Bedeutungsschwere enthobenen Freude am Spielerischen, am Trash, am Extremen und an der Lust am Schockieren freien Lauf. Sie stellt den Perfektions- und Schönheitskult des romantischen Balletts, die Gleichmacherei, die patriarchalen Strukturen und deren kompensatorische Folgeerscheinungen bloß. Pars pro toto. So also gerät „Tanz“ zu einer kunst-, sozial- und gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit Gewohntem. Im Sehen, Denken und Fühlen.


Florentina Holzinger Tanz c Eva Wuerdinger

Die provokante Form und die radikale Klarheit im Inhalt, das konfrontative Aufbrechen von Normierungen, das Spiel mit Schmerz und Empathie fangen den Zuschauenden ein. Mit der Welt-Uraufführung von „Tanz“ präsentiert Florentina Holzinger nach „Recovery“ und „Apollon Musagète“ (auch hier performten ausschließlich Frauen) ihre bislang stärkste Arbeit, nicht nur dieser Triade. Das Publikum feierte „Tanz“ stehend, zu Recht.

Aufführungen am 03.-05., 11. und 12. Oktober 2019 in Halle G.

Rando Hannemann

 

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