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WIEN / TAG: WINNIE & ADI

25.08.2014 | Theater

winnie&adi14_by Lilli Crina Rosca 1~1 Foto: Lilli Crina Rosca

WIEN / TAG / OchsMark Productions:
WINNIE & ADI von Ludwig Peter Ochs
Premiere: 25. August 2014 

Die neue Spielzeit der Wiener Theater klopft frühzeitig an, wenn auch mit keiner Premiere eines „regulären“ Hauses, sondern einem Projekt, das aus der Eigeninitiative eines Autors resultiert, der sich dann auch als Produzent eines „Stücks“ im Theater TAG eingemietet hat.

Dabei verweist der Titel des Unternehmens, „Winnie und Adi“, mitsamt dem Untertitel „Wir sind wieder da“ eigentlich in die falsche Richtung. Will man Winston Churchill und Adolf Hitler tatsächlich so verkürzt mit „Kosenamen“ anreden und unterstellen, die Herren seien „wieder da“ (bitte, danke, nein), klingt das geradezu lustig – und das ist es bestimmt nicht.

Was Autor Ludwig Peter Ochs auf die Bühne bringt, ist ein hartes Stück Geschichte in Originalzitaten zweier Männer, die viel schrieben und viele Reden hielten, eine Parallel-Schaltung der Persönlichkeiten von Churchill und Hitler, die viele interessante Aspekte hat – aber „Unterhaltungstheater“ ist es nicht. Eher anspruchsvoller Schulfunk, und wäre da nicht „Hubsi“, wär’s auch kaum ein Theaterabend, sondern gerade ein Hörspiel.

Wie dem auch sei: Von den Voraussetzungen her haben Sir Winston Churchill (1874-1965) und Adolf Hitler (1889-1945) nichts gemeinsam, britischer Hochadel hier, oberösterreichisches Kleinbürgertum da, aber der Autor – der hier offenbar eine lebenslange Faszination für beide Figuren abgearbeitet hat – bringt manche Ähnlichkeiten schnell auf den Punkt. Und sei es nur, dass Hitler von seinem Vater Prügel erhielt und Churchill sich erinnert, dass in der irischen Schule, in die er ging, geprügelt wurde, bis das Blut spritzte. So verschieden ging man in verschiedenen Gesellschaftsschichten im 19. Jahrhundert mit den Kindern gar nicht um…

Bis zur Pause ist es erstaunlich, wie viele Parallelen der Autor aufdeckt. Für Hitler war der Erste Weltkrieg eine Erlösung, hier konnte er seinem Leben eine Art „Sinn“ geben – aber auch Churchill gibt in seinen Briefen an Gattin Lady Clementine zu, vom Soldatenhandwerk, ja, vom Krieg durchaus fasziniert zu sein. In der Folge werden beide Männer Politiker, und die denken ja nun wohl in denselben Bahnen. Tatsache ist, dass Churchill, der logischerweise jegliches Verständnis für Patriotismus hatte, Hitlers deutschen Patriotismus nicht verdammen wollte, ja, einem Mann, der sein am Boden liegendes Vaterland wieder in die Höhe geführt hat, anfangs seinen Respekt nicht versagen konnte – natürlich bevor dieser zum Massenmörder wurde.

Dabei vergisst der Autor keinesfalls auf Hitlers wütenden Antisemitismus (schon 1922 träumte er davor, in München am Marienplatz Galgen zu errichten und alle Juden aufzuhängen!!!), aber obwohl Churchills Urteil über Juden durchaus ausgewogen war – von einem machtstrebenden Weltjudentum war auch er überzeugt…

Der Ton ändert sich nach der Pause – die Besessenheit, mit der Hitler den Krieg wollte und durchzog, kommt erschreckend heraus, aber da musste Churchill sich, als sein persönlichkeitsstärkster Gegner, zu gleicher Emphase und Gnadenlosigkeit hochschwingen (obwohl der Autor etwa die Coventry-Episode unterschlägt). „Blut, Schweiß und Tränen“, wie wir gerne verkürzt zitieren (er sagte „Blood, toil, tears, and sweat“), musste er den Engländern auferlegen, den Untergang so eisern und ohne Rücksicht auf Verluste in Rechnung stellen wie Hitler es tat. Doch am Ende ist er es, der das „Victory“-Zeichen in den Zuschauerraum senden kann… das ist Geschichte, und sie hat entschieden.

In etwas über zwei Stunden Spielzeit, wo die Zitate mit einem Minimum an Kommentar verbunden werden (und unendlich viele Löcher in der Entwicklung klaffen, die man sich mit dem eigenen Wissen auffüllen muss), ist all das nur in schwerer Verkürzung darzustellen – aber wenn man weiß, wie wenig heute im allgemeinen noch über diese Zeit gewusst wird, hat der Nachhilfeunterricht natürlich Sinn.

Da die beiden Herren nie in Dialog treten können (tatsächlich sind sie sich nie begegnet – haben einander aber lustvoll nach allen Regeln der Kunst beschimpft), muss jeder von ihnen auf seiner Bühnenhälfte seine Texte abliefern. Dass vom theatralischen Standpunkt Hitler „siegt“, liegt an dem Mann, der den Abend möglich macht – daran, dass Hubsi Kramar Hitler als Figur nun schon seit Jahrzehnten zu seinem ständigen Begleiter gemacht hat, dessen Persönlichkeit in Sprache und Gestik bemerkenswert verinnerlichte und hier den einzig richtigen Entschluss fasste: Hitler nicht, wie er es sonst meist getan hat, als Parodie, Groteske oder Popanz hinzustellen, sondern als ernsthaften Mann, der, bevor ihn Wahn, dann Größenwahn und am Ende völliger Realitätsverlust erreichten, der Welt mit Überzeugungskraft entgegentrat. Gar nicht so sehr das Monster (das Hannah Arendt ja auch in Eichmann nicht fand und sich dafür vehement beschimpfen lassen musste), sondern der Fanatiker, der mit nicht geringen Rednerkünsten seine fatalen Überzeugungen „verkaufen“ konnte. Da gibt es wenig zu lachen, höchstens bei Stellen, wo der „Führer“ angesichts seines Hündchens und der Idee, „in Pension“ zu gehen, sentimental wurde…

Churchill ist uns weit weniger vertraut, was man auf YouTube hören kann, weist ihn als Nuschler und nicht gerade großen Redner aus, und das Filmmaterial, das man hierzulande kennt, gibt ihn nicht sehr eindrucksvoll wieder. C.C. Weinberger, der Churchill spielt, hätte es also leichter, weil er keinem Vorbild gleichen muss, das wir kennen, aber aus dicklichem Watscheln schält sich keine Persönlichkeit von jenem welthistorischen Impakt, die Hitler gegenüber stehen müsste. Da konnte Kramar als Regisseur – der sich um so viel „Lebendigkeit“ zumindest in der Bewegung bemühte, wie nur möglich – nicht viel tun.

Aber im Grunde geht es ja nur um den Text – und um des Autors interessante, geschickt-manipulativ hingestellte Behauptung, dass Machtmenschen, ob „gut“, ob „böse“, viel gemeinsam haben. Auch das zählt zu den Geheimnissen der Geschichte. Viel Beifall.

Renate Wagner  

 

 

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