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WIEN /Staatsoper/ Staatsballett: LE CORSAIRE — Wahre Liebe bei Schiffs-Untergang mit Happy-End –

29.03.2016 | Ballett/Tanz

WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett, 28.3.2016  nachm. „LE CORSAIRE“ – Wahre Liebe bei Schiffs-Untergang mit Happy-End –

 Liudmila Konovalovas Rollen-Debut als Médora – kostbar und von absoluter technischer Brillanz!

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Liudmila Konovalova, Robert Gabdullin. Copyright: Ashley Taylor/ Wiener Staatsballett

 Ballett-Chef Manuel Legris hat das märchenhafte Abenteuer aus dem 19 Jh., frei nach dem Sujet des Lord Byron als Choreograph entstaubt und etwas entwirrt: „O Lord!“ Was blieb – zahlreiche Anforderungen für viele größere Rollen und eine riesige Herausforderung für das Corps des Wiener Staatsballetts, bis hin zum jugendlichen Nachwuchs. Gezeigt wird – nach wie vor – seit Marius Petipa – Bravour, Bravour auf exotischen Schauplätzen in opulenten Kostümen, d.h.: Piraten, Entführungen, Pascha, Harem, Sklavinnen, Schätze etc. Dazu buntscheckige Musiken vor allem von Adam, aber auch von Pugni, Drigo etc. – ein Fleckerl-Teppich samt Delibes´-Ohrwurm des Walzers aus „Sylvia“….

 Die Freibeuter-Geschichte von Conrad bietet außer der legendär spektakulären männlichen Titelrolle zwei Hauptrollen für herausragende Ballerinen. Eine der Tänzerinnen war in der historischen Fassung sogar mehr Schauspielerin als Tänzerin (laut Ballett-Historikerin Dr. Andrea Amort), das hat sich jedoch für Gulnare grundlegend geändert!

Der Grand Pas de deux von Médora und dem Helden Conrad ist eine immer wieder bestaunte „Zirkus-Nummer“. (Ich greife hier voraus, wenn ich behaupte, Liudmila Konovalova war darin nicht nur grandios, sondern „extraordinaire“). Jetzt lassen sich derartige Effekte im Normalfall auch außerhalb einer Gala erleben, eingebettet ist nun das ganze Stück in prächtiger detailreicher Ausstattung von Luisa Spinatelli. Deren Entwürfe waren ursprünglich für die Scala di Milano bestimmt und konnten dort nicht verwirklicht worden, von Light-Designerin Marion Hewlitt wurden sie nun ins rechte „Licht“ gesetzt.

Erst in der 4. Aufführung der Vorstellungs-Serie hatte die Konovalova erstmals die Gelegenheit die Rolle der Médora zu gestalten und die Moskowiterin konnte damit alle stupenden Facetten einer vor allem geradezu kostbaren Rollen-Gestaltung einbringen. Seit ihrem Debut in Wien 2010 hat sie sich – bereits damals eine hervorragende Technikerin – stark weiterentwickelt und optimierte ihre Technik sowohl als auch vor allem Stil und Gestaltungskraft, sie tanzt mit federnder Spannung  und speziell sozusagen mit finesse de l`Èsprit, wie man es im ballett-verrückten Frankreich bezeichnet! 

Für den nachmittäglichen Ostermontag-Termin war das Haus bereits zuvor ausverkauft, Ballett-Liebhaber und Kenner wussten den Tag und speziell dieses Debut zu schätzen. Der krankheitsbedingte Ausfall von Vladimir Shishov brachte Konovalova wiederum mit Robert Gabdullin zusammen, genauso wie in der Premiere, als sie die Gulnare tanzte. Gabdullin hat sich seit damals merkbar gesteigert, trotz dem Stress des Einspringens, war er ihr ein verlässlicher Partner.

Kiyoka Hashimoto, heuer seit ihrem Debut als Médora am 23.3. zur Ersten Solotänzerin ernannt, tanzte in dieser Aufführung die Gulnare. Sie ist wirklich eine tadellose Technikerin, mir fehlte dennoch Ausstrahlung und Rollengestaltung sowie das gewisse Etwas….    

Gegenüber der eleganten Premieren-Besetzung des Lanquedem mit Kirill Kourlaev, ist Mihail Sosnovschi mehr erdiger, zwar ebenso kraftvoll persönlichkeitsstark, doch deutlich gestischer in der Pantomime, was ihn auszeichnet. Alice Firenze gerät die Zulméa mit jedem Mal mitreißender und vitaler im Ausdruck. Ihr Birbanto Richard Szabo (RD) ist lebhaft, ausdrucksstark und zeigt tadellose Sprünge, doch den mediterran facettenreichen Davide Dato kann er in dieser Rolle trotzdem nicht ganz vergessen machen. Die drei Odalisken am Talente-Sprungbrett waren diesmal Eszter Ledán, Natascha Mair, Anita Manolova. Alle drei präsentierten sich in ihren Soli wirklich ausgezeichnet.

So entzückend der rosafarbene „Le Jardin animée“ anzuschauen ist – als zitierte Hommage an das „ballet blanc“ – so ist er doch ein recht retardierendes Moment im 3. Akt. Da fällt trotz der bezaubernden Musik von Delibes die Spannung ab.  

(Kurz zuvor, in Nr. 33 der Szenenabfolge, gibt es für Lanquedem /Mihail Sosnovschi, eine flinke Variation in 2/4 von Adolphe Adam und diese hört sich musikalisch kurios an! Lautmalerisch mit klingenden Hämmerchen ist das Stück ganz nah an Josef Strauß´ „Feuerfest“-Polka op. 269 und diese wurde einst beauftragt und gewidmet der bekannten Alt-Wiener Tresor-Firma Wertheim,  1869 zum 20.000 Tresor). – Es erübrigt sich nicht die Frage – wer hat sich von wem inspirieren lassen?

Und damit sind wir mitten in der musikalischen Untermalung der Seeräuber-Story durch das Wiener Staatsopern-Orchester. So hatte der russische Gast am Pult Valery Ovsianikov, regelmäßiger Dirigent am Mariinsky Theater sowie international unterwegs, die Damen und Herren im Graben bei der Premiere noch etwas unziemlich zu knalliger Lautstärke aufgeheizt. Mittlerweile haben sich die „philharmonischen“ Gemüter beruhigt, es weht ein „Wiener Lüfterl“ und herrscht eine Delikatesse, fast wie beim Neujahrskonzert. Da brummelt es von der 6er-Kontrabässe-Riege wie von russischen Bärchen, da sitzen wieder wohlbekannte Solisten standesgemäß an den ersten Pulten, es jubelt die Konzertmeisterin Albena Danailova subtil auf ihrer Meistergeige, und man/frau ist mit dem neuen Ballett-Maestro in bestem Einvernehmen, wenn er tänzerisches Flair herausholt in Richtung „Walzerkönig & Co“ aus dem ganzen Partituren-Flickwerk der vielen Mit-Autoren aus nah und fern.  

160 Jahre nach der UA in Paris hat Manuel Legris als Choreograph – Wien und der Ballett-Welt – ein feines Geschenk gemacht – und es kann sich sehen lassen! Tänzerinnen und Tänzer haben darin die beste Möglichkeit in hervorragender Form ihr profundes Können präsentieren. – An diesem Ostermontag feierte das enthusiastische Publikum außerdem noch das ganz besondere Debut der wunderbaren Liudmilla Konovalova…!

                                                                        Norbert A. Weinberger   

 

 

 

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