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WIEN/Staatsoper: TANNHÄUSER – “O heil’ger Liebe ew’ge Macht!. Premiere

“O heil’ger Liebe ew’ge Macht!”
Lydia Steier gelingt in ihrem Hausdebüt an der Wiener Staatsoper mit der Inszenierung von Richard Wagners “Tannhäuser” ein kleines, extrem beglückendes Theaterwunder. 23.5. 2925

Dabei erzählt Steier die Geschichte Tannhäusers nicht nur als die eines zwischen den verschiedenen Welten und Liebeskonzepten hin- und hergerissenen Mannes und Künstlers, sondern zitiert parallel verschiedene Theaterepochen und verbeugt sich mit Referenzen und
Anspielungen vor mindestens zwei aktuellen Regietheaterzauberern.
Wagner selbst meinte bis zum Schluss, dass er der Welt seinen Tannhäuser schuldig geblieben sei, trotz oder wegen verschiedener dramaturgischer Anpassungen und musikalischer Weiterentwicklungen. In Wien wird eine Mischung aus der Dresdener und der Pariser Fassung gegeben. Das Bachanal spielt in einem schrillen, glitzernden, queeren Kabarett-Theater der 20er Jahre, bei dem Tannhäuser auf einer sich drehenden Portalbühne als Sänger auftritt und wohl als eine der Hauptattraktionen des orgiastischen Spektakels gilt, bei dem Mitwirkende und Zuschauende nicht getrennt voneinander sind und eine berauschte und beglückte Einheit bilden. Die Hölle der Laster als Paradies der Lüste.
Tannhäuser wird nur übertroffen durch die auf einem glitzernden Halbmond hereinschwebende Frau Venus, dem glamourösen Star des Ensembles, die mit ihrem engen, glitzernden Paillettenkostüm und ihrem leuchtend roten Federbusch direkt einer Revue Barry Koskys entsprungen zu sein scheint: Venus ist eine Frau, die weiß, was sie will. Mehr Glitter und Glanz, mehr Konfetti und Lametta gehen nicht.

So woke und queer ging es – außerhalb einer Kosky-Inszenierung – in einer Wagner-Inszenierung zuletzt auf dem grünen Hügel in Bayreuth zu, in der legendären Jahrhundertinszenierung des “Tannhäuser” von Tobias Kratzer. Als Reminiszenz an und Verbeugung vor dieser Inszenierung fährt dann auch im Zwischenspiel des 1. Aufzugs ein Clown mit roten Haaren auf einer Miniatur-Ausgabe des grauen Bayreuther Citroën HY auf die Bühne, in dem Tannhäuser gemeinsam mit seiner queeren Wahlfamilie für eine Revolution der Lüste und der Liebe gekämpft und dabei die Gegend um die Wartburg unsicher gemacht hat. Und dabei auch nicht vor einem Polizistenmord zurückgeschreckt ist, was für Tannhäuser der Anlass war, Venus zu verlassen und sich aus der nicht nur linken, queeren und sozialrevolutionären, sondern eben auch kriminellen und gewalttägigen Aktivistengruppe zurückzuziehen. Für ihn wurde mit dem fahrlässigen Mord an dem Polizisten eine Grenze überschritten, trotz bunter Regenbogenfahnen und queerer Wahlverwandschaften.
Ähnlich bunte, woke und queere Szenen spielen sich im Venusberg ab, der hier dann als eine Art moderner Lasterhöhle an eine rauschende Show der wilden 20er Jahre erinnert.
Das bunte Treiben wird dem immer noch mit schwarzer Smokinghose, weißem Hemd und schwarzer Weste gekleideten Avantgarde-Künstler dann zu bunt. Er wirkt in diesem Ambiente wie ein Fremdkörper, und so wundert es nicht, dass er sich mehr nach dem Grün der Auen und dem Gesang der Nachtigallen sehnt und er sein Heil in der Flucht und in Maria suchen möchte. Während dieses Trennungsgesprächs verwandelt sich Venus von der betörenden Liebesgöttin zur verlassenen und trauernden sowie zur rasenden und verfluchenden Frau.

The show cannot go on. Wie durch einen Zeittunnel landet Tannhäuser, begleitet von einem barocken Zwischenspiel mit in der Luft hängendem und singendem Hirten, umrahmt von grünen Wald-Tableaus, in den 30er Jahren, wo es politisch und künstlerisch um einiges strenger und reglementierter zugeht. Tannhäuser gerät dann auch beinahe in eine Schlägerei mit einer Jagdgesellschaft um Landgraf Hermann. Nur Wolframs Erinnerung an Elisabeth sorgt für Frieden und einen Meinungsumschwung: Tannhäuser kehrt zurück in die feine Gesellschaft, deren Garderobe er immer noch trägt. Hier findet dann im zweiten Aufzug wie in der Ariadne auf der Bühne im Hause eines wohlhabenden Mannes die Aufführung eines mittelalterlichen Minnewettgesangs im historischen Kostüm statt, dessen Thema ausgerechnet der Erkundung des wahren Wesens der Liebe gilt.

Landgraf Hermann, Gastgeber und Conférencier der theatralischen Lustbarkeit, scheint die Aufführung schon viele Male zuvor gesehen zu haben, zumindest kennt er jede Stelle aus- und inwendig und souffliert gestenreich den auftretenden Solisten. Theater im Theater Buchstäblich aus der Rolle fällt dabei nur Tannhäuser, der sich nicht an den vorgesehenen Ablauf hält, sich seines mittelalterlichen Kostüms entledigt und geplagt von flashbacks die Göttin der Liebe besingt, die samt Entourage in seinem Kopf, dem Wahnsinn nah, herumspukt. Nur Elisabeth, die anders als der Rest der Gesellschaft nicht abgeneigt ist, aus dem Brunnen der Liebe in vollen Zügen zu trinken, erkennt seinen zwiegespaltenen Zustand und hält trotz aller Kritik und Ablehnung der restlichen Gesellschaft zu ihm und an ihm fest.

Sie fleht für sein Leben!
Was das schwere Verbrechen ist, das Tannhäuser begangen haben soll, bleibt hier, aus dem Kontext mittelalterlicher Sitten und religiöser Strenge gelöst, allerdings unklar. Kratzer hatte immerhin in seinem “Tannhäuser” als eines der größten anzunehmenden Verbrechen einen
Polizistenmord erfunden. Das Auftreten in einem woken Variete-Theater der wilden 20er Jahre kann bei aller vermeintlichen Anrüchigkeit und Sittenwidrigkeit wohl nicht als Todsünde verstanden werden, aus der sich zur Sühne und Buße eine Pilgerreise zum Papst nach Rom motivieren ließe. Eine der wenigen Stellen, wo für mich die Erzählung der Inszenierung nicht konsistent zu sein scheint. Doch die Reise nach Rom – und damit seine nächste Rolle – wartet schon auf Tannhäuser: ein Pilger, der im bereits bereit stehenden Büßergewand in Rom beim Papst um Vergebung seiner Sünden bitten will.
Während seiner Abwesenheit findet auf der Wartburg kein Theater statt. Die Inszenierung nimmt uns mit hinter die Kulissen, in einen schwarzen, öden Raum, wo Männer lethargisch und monoton auf Monitore starren und wo sonst nicht viel passiert. Alle warten auf die Rückkehr des hoffentlich begnadigten Tannhäusers. Und auf seine Romerzählung. Doch der Papst – und mit ihm die lebensfeindliche Institution der katholischen Kirche – hat ihm die Absolution verweigert, der Gnade Heil ist dem Büßer nicht beschieden. So wie der Stab in den Händen des Papstes nie mehr sich schmücken würde mit frischem Grün, so könne aus der Hölle heißem Brand keine Erlösung erblühen. Da Tannhäuser so in dieser Welt niemals Vergebung und Erlösung finden wird, bleibt ihm nur der Weg zurück in den Venusberg. Doch am Ende geschieht dann doch noch das Unglaubliche, Elisabeth lebt, ihre Gebete wurden erhört. Hoch, über alle Welt, ist Gott, und sein Erbarmen ist kein Spott. Tannhäuser ist per deus ex machina gerettet, der Gnade Heil ist dann doch noch dem Büßer beschieden. Heinrich ist erlöst. Die schwarze Bühne nimmt Farbe an, wie der dürre Stab mit frischem Grün erblühte, so ergrünt nun auch die Bühne in barocker Pracht. Die gerade noch in einem Sarg zu Grabe getragene Elisabeth ist von den Toten auferstanden und lustwandelt im weißen Brautkleid hinunter eine große Treppe, hin zu dem endlich erlösten, ebenfalls quicklebendigen Heinrich, um gemeinsam im happy end einer lust- und liebevollen Beziehung entgegen zu sehen.

Mit ihrer fremd- wie selbstreferentiellen Inszenierung gelingt Lydia Steier in ihrem Hausdebüt an der Wiener Staatsoper ein originelles, kleines und extrem beglückendes Theaterwunder, an dem an diesem Abend auch das herausragende Ensemble sowie Chor und Orchester einen großen Anteil haben.
Clay Hilley singt in seinem Hausdebüt mit nicht nachlassender Kraft und Ausdauer die Titelpartie. Von Beginn an geht er stimmlich “all in“, er kennt keine Schonung oder Zurückhaltung, weder im überwältigenden Finale des 2. Aufzugs noch in seiner herausragenden Romerzählung. In dieser Form ein würdiger Nachfolger des unvergessenen Stephen Gould.
Malin Byström ist in ihrem Rollendebüt mit dunklem Timbre und strahlender Höhe eine auch darstellerisch beeindruckende Elisabeth. Allein für ihr beinahe stilles Gebet “Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen!”, begleitet von einem fantastischen, fast unhörbaren Orchester, lohnt sich ein Besuch der Vorstellung. Wie das Orchester hier aus dem heiklen piano ins überwältigende forte übergeht, ist atemberaubend.

Günther Groissböck als galanter Landgraf und eine Art dekadenter Conférenciere gewinnt seiner Glanzpartie auch darstellerisch einige neue Aspekte ab. Die Umstellung seiner Gesangstechnik tut ihm und seiner sonoren Stimme gut, die ich selten so frei und entspanntgehört habe.
Der für Ludovic Tézier eingesprungene Martin Gantner ist erneut ein herausragender Wolfram von Eschenbach, mit kultiviertem Wohlklang und maximaler Textverständlichkeit.
Ekaterina Gubanova kehrt in einer ihrer Paraderollen als Venus auf die Bühne zurück und knüpft sowohl gesanglich als auch darstellerisch als glamouröse Queen of love and queerness an ihre Erfolge in Bayreuth an.
Auf Bayreuther Niveau bewegen sich auch der stimmgewaltige Chor und das unter der überragenden musikalischen Leitung des scheidenden Musikdirektors Philippe Jordan bestens aufspielende Orchester der Wiener Staatsoper. Eine glanzvolle Sternstunde mit zu recht nicht enden wollenden Standing Ovations.

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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