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WIEN/ Staatsoper/Staatsballett: THOSS / WHEELDON / ROBBINS – Delikates Menue in drei Gängen. Premiere

30.10.2015 | Ballett/Tanz

29.10.2015: „THOSS / WHEELDON / ROBBINS“ – Ballettpremiere in der Wiener Staatsoper: DELIKATES  MENUE  IN  DREI  GÄNGEN

Mit den Namen „THOSS / WHEELDON / ROBBINS“ ist der Programmzettel des neuen Ballettabends überschrieben. Verwirrend? So soll es nicht sein. Es sind die Namen der drei Choreographen, welche hier auf der Schiene Neoklassik – Moderne mit jeweils einer durchaus gewichtigen Tanzkreation vorgestellt werden. Keine Novitäten, keine eigenen Schöpfungen für das Ensemble, doch es sind Stücke, deren Qualitäten von den verschiedensten internationalen Kompanien wiederholt bestätigt wurden. 

Kurz vorausgeschickt: Es  ist ein sehr delikates Menue in drei Gängen, welches von den Tänzern des Wiener Staatsballetts dem Publikum nun serviert wird.

Über die inszenatorische Genialität des Jerome Robbins (1918  – 1998; „West Side Story“, „Fiddler on the Roof“ und so viel mehr an sprudelnden choreographischen Delikatessen) muss wohl nichts gesagt werden. M

it Christopher Wheeldon, dem 1973 geborenen Briten, macht das Wiener Ballettpublikum nun erstmals Bekanntschaft. Und Wheeldon zählt bereits zu den großen Choreographen unserer Tage. Seine für das Londoner Royal Ballet erarbeiteten abendfüllenden Ausstattungsballette „Alice´s Adventures in Wonderland“ und „The Winter´s Tale“ sowie zuletzt Gershwins „An American in Paris“ am Broadway sind echte Hits geworden. Und als ein 

führender  Kopf des zeitgenössischen deutschen Tanztheaters ist der Leipziger Stephan Thoss, Jahrgang 1965, vorzustellen. Nun, sein expressiv–skurriles „Blaubarts Geheimnis“ ist hier ja schon bekannt. Vor drei Jahren wurde es vom Wiener Staatsballett für eine Aufführungsserie in der Volksoper einstudiert, und dessen zweiter Teil, ein kompakte Erzählung an sich, ist nun in die Staatsoper übernommen worden.

Also, die drei Gänge nun der Reihe nach aufgetischt, schmackhaft und gut gewürzt: „BLAUBARTS GEHEIMNIS“

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Blaubarts Geheimnis“: Kirill Kourlaev, Alice Firenze. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 als Horsd´oeuvre könnte auch ein Endspiel sein. Ist es aber nicht, da für Stephan Thoss Blaubart hier ein Getriebener ist, der seine Vergangenheit zu bewältigen sucht und mit Judith schließlich zusammenzufinden vermag. Laufend verschieben sich die Wände in einem dunklen Kuriositätenkabinett, in welchem Judith (Alice Firenze) von Blaubart ( Kirill Kourlaev) von Raum zu Raum geführt wird, und dabei mit Blaubarts Mutter ( Rebecca Horner) und dessen Alter Ego (Andrey Kaydanovsykiy) sowie mit quirligen  Zombies – hm, mit undurchschaubaren gespensterhaften Doubles, Visionen, Seelen, sie alle extrem expressiv mit grotesker Körpersprache herumturnend – konfrontiert wird. 

Der angenehm gleichförmig wabernde Schmeichel-Sound von Philipp Glass dazu kann den interessierten Beobachter wohl auch leicht einnicken lassen, doch Thoss hat sein Geheimnis schon sehr, sehr dicht gearbeitet, und mit seiner auf virtuose Tanzgymnastik und ständigen Bewegun

gsfluss ausgerichteten Phantasie erlaubt er den Tänzern, immer wieder mit hunderterlei verblüffenden Positionen eindringliche Wirkungen zu erzielen.

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Fool’s Paradise“. Ioanna Avraam und Eno Peci. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

„FOOL´S PARADISE“ folgt nun als die erste Hauptspeise. Christopher Wheeldon bietet hier fein sublimierenden erotischen Tanz zum Genießen. Trotz verführerischer Bodysuits kein Frischfleisch: Die Duftigkeit dieser Körperschau scheint zu einem Trip in eine ätherische nächtliche Traumwelt verleiten zu wollen. Zu Musik von Joby Talbot, Wheeldons Haus- & Hofkomponisten, mal sprunghaft schräg, mal witzig, mal sentimental repetierend, dabei immer wieder in guten alten Harmonien schwelgend, schweben hier mehrere Paare – etwa Olga Esina und Roman Lazik, Ioanna Avraam und Eno Peci – leicht und locker, doch mit perfekt maßgeschneidertem choreographischen Zuschnitt in einem harmonischen Narrenparadies (echt englisch: so eine Art diffuser Glücksillusionen) herum und geben sich ihren Zuneigungen und Obsessionen hin. Ohne eine spezielle Story zu erzählen, doch magisch elfische Schönheit ausstrahlend. 

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The four Saisons“- Davide Dato. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

„THE FOUR SEASONS“ folgen nun als zuckriges Dessert – oder doch als zweite wohlschmeckende Hauptspeise? Solches ganz sicher für Liebhaber des klassischen Balletts, welche modernen Tanzstücken weniger abzugewinnen verstehen. Jerome Robbins studierte seine Version von Giuseppe Verdis ausladender „Jahreszeiten“-Ballettmusik aus seiner „Sizilianischen Vesper“ 1979 mit dem New York City Ballet ein. Völlig der klassisch-akademischen Balletttradition folgend. Doch aufgepasst: Ist dieses spritzige Divertissement nun ein Parodie auf das typisch zaristische Ballett oder bloß nur ein alter Hut? Beides wohl, dabei doch mit sehr, sehr viel feinem Humor, beschwingter Komödiantik und sicherer Musikalität gestaltet.

In der Girlanden-Vedute des auf kitschig persiflierenden Ausstatters Santo Loquasto begrüßt uns Gott Janus mit hohlem Pathos. Doch schon geht es schnell, unterhaltsam und virtuos weiter.

Winter: Kalt ist es. Joanna Avraam und die Ballerinen rund um sie müssen frieren, doch zwei Zephire (Dumitru Taran, Géraud Wielick) wissen schon, wie die Mädels aufzuwärmen sind.

Frühling: Reinste Anmut strahlt Maria Yakovleva, begleitet von Mihail Sosnovschi, bei ihrem neckisch aufblühenden Frühlingserwachen aus.

Sommer: Ketevan Papava und Robert Gabdullin senden, sich sanft zu orientalisch gefärbten Klängen wiegend, charmante Grüße und Küsse aus dem offensichtlich wohlig heißen Osten.

Herbst: Ja, und zum fulminanten Ausklang geht es besonders hoch her. Liudmila Konovalova und Denys Cherevycko führen virtuos das Ensemble an, und Davide Dato darf als knabenhafter Faun, als ein wahrer Springinsfeld, auftrumpfen.

Sagen wir lieber: Die ganze Kompanie versteht es in diesem dreiteiligen Tanzmenü, aufmerksam geführt von Dirigent Alexander Ingram, voll auftzurumpfen. Sehr gute Stücke, sehr gut getanzt.  THOSS / WHEELDON / ROBBINS sind aber nun einmal auch gute Namen.

Meinhard Rüdenauer 

 

 

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