Wiener Staatsoper, 9.4. 2026: WOZZECK

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So sieht Armut nicht aus
„Wir arme Leut’“ – eines der zentralen Topoi von Büchners/Bergs Wozzeck: Bei Simon Stone in die Wiener Gegenwart versetzt: So findet sich zwar ein ambulanter Teil der Bevölkerung an der U3-Endstation Simmering zur Nächtigung ein, aber das darüber hinaus gehende Setting (Bühne: Bob Cousins, Kostüme: Alice Babidge & Fauve Ryckebusch) hat mit prekären Verhältnissen wenig zu tun: So verfügen Wozzeck und Marie über eine nette Mehrzimmerwohnung, in der eine große Badewanne und eine eigene Waschmaschine nicht fehlen dürfen. Auch die Schlafstatt, die sich in Wozzecks Phantasie mit seiner kopulierenden Lebensgefährtin und dem Tambourmajor vervielfacht, gemahnt nicht an eine ärmliche Behausung, das Kind ist adrett gekleidet und Marie dürfte schon mehrfach wohlhabende Gönner gefunden haben angesichts der modischen Stiefel, dem eleganten Kleid und dem aus Satin gefertigten Morgenmantel, die sie trägt. Wozzeck wirkt in Outfit und Auftreten auch eher wie ein gut situierter Mann aus dem mittleren Beamtentum. Eine gequälte, von allen ausgenützte und missbrauchte Kreatur ist er nicht. Stone schafft es allerdings grundsätzlich, Personen miteinander in Beziehung zu setzen. Ein Atout, das nicht alle von der derzeitigen Staatsopernintendanz engagierten Regisseure mitbringen. So entspinnt sich jedenfalls dort, wo Sänger als überzeugende Darsteller agieren, ein durchaus beklemmendes Kammerspiel.
In musikalischer Hinsicht lassen Franz Welser-Möst und das famos aufspielende Orchester der Wiener Staatsoper keine Wünsche offen, da rauscht und flirrt es durch die Partitur, da finden prononcierte Solostellen ebenso ihren Platz wie die große Dramatik, die sich beispielsweise in der Wirtshausszene auftut. Besonders eindrückliche, fast schmerzende Klänge produzieren die Violinen, und bei aller Liebe zum Detail und allem Ausfeilen gehen der Duktus und das große Ganze nie verloren, ohne allerdings jemals allzu plakativ zu werden: Eine eindrückliche Leistung, bei der wieder einmal gezeigt wird, das die Zweite Wiener Schule eine jener Musikgattungen ist, bei der das Orchester über das Besondere hinaus Besonderes zu leisten vermag.
In sängerischer Hinsicht wird dieses orchestral vorgegebene besondere Niveau nicht gehalten: Johannes Martin Kränzle hat immer wieder mit seinen Interpretationen Aufsehen erregt, sein Wozzeck bleibt hingegen allzu blass in stimmlicher und allzu persönlichkeitsschwach in darstellerischer Hinsicht. Bis zum Schluss ist nicht klar, welche Facette des Berg’schen Antihelden er zeigen will: Seltsam teilnahmslos lässt er die zynischen Angriffe von Doktor und Hauptmann über sich ergehen, ein allfällig noch vorhandenes sexuelles Interesse an Marie wird auch nicht gezeigt, verarmt wirkt er ebensowenig, der Eifersuchtsmord scheint eher aus dem Zufall denn aus Verzweiflung geboren, einzig der herauf dräuende Wahnsinn wird zumindest teilweise überzeugend dargestellt.
Dies gilt auch für die Marie der Marlis Petersen, bei der man sich ihrer für diese Rolle vergleichsweise wenig dramatischen Stimme bewusst jedenfalls eine fulminante Darstellung erwarten konnte: Mit ordentlich frisierten Haaren immer schick gekleidet ist zwar Verführungskunst, aber nicht Gefühlstiefe oder gar Verzweiflung aus Mittellosigkeit zu spüren. Ebensowenig überzeugt die Gebetsszene, alles wirkt flach und seltsam unbeseelt, eine ins Simmering der Gegenwart verirrte kokette Manon, nicht das Vollblutweib, das sich kraftvoll aus Qual heraus ein besseres Leben zu erkämpfen trachtet.
So war es wieder einmal an Jörg Schneider als Hauptmann, die beste Leistung des Abends zu liefern: Ein prägnanter Darsteller mit prägnanter Stimme, böse, abgründig, zynisch, sadistisch in Wort und Darstellung. Dmitry Belosselskiy als Doktor kann an dieses Niveau nicht anschließen, bleibt zumeist wortundeutlich, der Stimme fehlt es an prononcierter Tiefe, auch Dmitry Golovnin hat man in anderen Rollen schon eindrucksvoller erlebt als als Tambourmajor. Das Mannsbild, das Marie beschreibt, ist wohl nur in ihrer Phantasie ein „Baum, der auf seinen Füßen steht wie ein Löw’“. Rollendeckend Daniel Jenz als Andres, anders als Marie kraftvoll weiblich Monika Bohinec als Margret.
An die Premierenbesetzung mit Christian Gerhaher und Anja Kampe reichen die Hauptdarsteller ebensowenig heran wie an Daniel Schmutzhard und Annette Dasch jüngst in Graz.
Sabine Längle

