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WIEN / Staatsoper: WERTHER von Jules Massenet

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Clémentine Margain (Charlotte), Werther (Juan Diego Flórez). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: WERTHER von Jules Massenet

69. Aufführung in dieser Inszenierung

18. Jänner 2022

Von Manfred A. Schmid

Wann immer Juan Diego Fórez „Una lagrima furtiva“ aus Gaetano Donizettis Elisir d’amore singt, ist ein Dacapo garantiert. Das gilt auch für seinen Tonio in Donizettis La fille du régiment und für viele weitere seiner geschätzten Auftritte, vor allem auch in Rossini-Opern. Dass der aus Peru stammende und mit seiner Familie in Wien lebende Publikumsliebling nicht nur als einer der weltbesten Belcanto Tenöre gilt – vermutlich sogar als d e r weltbeste, sondern auch als Mozart-Tenor einen ausgezeichneten Ruf hat, ist unbestritten. Jetzt singt er – in der Titelpartie von Massenets Werther – mit feinster Modulierung, gefühlsbetont und mit aufgewühlter innerer Beteiligung, „Pourquoi me réveiller“. Der Beifall ist stark, es gibt auch Bravo-Rufe, aber für ein Dacapo reicht es nicht. Die seit einiger Zeit vorangetriebene Erschließung neuer Tenorfächer im italienischen (Verdi) und französischen Repertoire, für einen fast fünfzigjährigen Sänger ein verständliches Anliegen, gelingt nicht so anstandslos wie erhofft. Auch Florez‘ Wiener Debüt als Faust in der schwierigen Castorff-Regie wurde mehrheitlich als ehrenhaft, aber nicht überwältigend eingestuft. Im Falle von Werther kommt hinzu, dass die Charlotte mit einer Sängerin besetzt ist, die über eine volle, starke, leicht dunkel gefärbte Stimme verfügt, mit der sie auch als Carmen auftrumpfen kann, was die Mezzosopranistin auch in Wien schon bewiesen hat.

Clémentine Margaine avanciert damit zum stimmlichen Zentrum des Opernabends und behält dank ihrer imponierenden Präsenz, eindeutig die Oberhand. Ihre gefühlvoll vorgetragene Tränenarie „Air de larmes“, ein melancholischer langsamer Walzer, vefehlt seine Wirkung nicht. Obwohl Giacomo Sagripanti, der musikalische Leiter, umsichtig ans Werk geht und bestrebt ist, Florez nicht mit den aufrauschenden Klängen aus dem Orchestergraben zuzudecken, ist der Eindruck nicht wegzuwischen, dass dessen Tenor für diese Rolle in diesem Haus nicht groß genug ist. Ob hier eine Steigerung möglich sein wird, bleibt abzuwarten.

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`Étienne Dupuis (Albert) und Juan Diego Flórez (Werther).

Der in Wien in letzter Zeit schon in mehreren Bariton-Rollen erprobte Étienne Dupuis präsentiert den Albert als trockenen, biederen Bräutigam, in dessen Inneren bösartige, sadistische Triebe schlummern. Diese werden virulent, wenn er Charlotte dazu zwingt, die von Werther von ihm erbetenen Pistolen dem Boten selbst zu überreichen, und finden ihren Höhepunkt in der Art, wie er Charlotte behandelt, wenn sie nach Werthers Tod vor seinen Füßen ohnmächtig zu Boden sinkt: Er stößt sie mit einem Fußtritt weit von sich weg.

Stimmlich etwas kühl wirkt Ensemblemitglied Slávka Zámecnikova als Sophie. Darstellerisch aber ist die Sopranistin ausgezeichnet und verleiht ihrer Rolle die erwartete lebens- und liebeshungrige Einstellung eines Teenagers.

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Slávka Zámecnikova (Sophie).

Der stets verlässliche Hans Peter Kammerer ist ein jovialer Amtmann, Ensemblemitglied Andrea Giovannini und Michael Arivony aus dem Opernstudio kommen zu zufriedenstellend absolvierten Auftritten als Schmidt und Johann.

Der Kinderchor belebt übermütig den ersten Akt und begleitet dramaturgisch effektvoll Werthers Selbstmord mit frohgestimmten „noel, noel“-Rufen aus dem Off. Das Orchester unter der Leitung von Giacomo Sagripanti arbeitet die instrumentalen Feinheiten der oppulent orchestrierten Partitur fein heraus: Celli und Harfe charakterisieren die melancholische, leicht entflammbare Wesensart Werthers, Holzbläser die hölzernen Albert mit komplexem Innenleben, und ein Solosaxofon lotet die verwirrte Gefühlslandschaft der zwischen Pflicht und Liebe schwankenden Charlotte aus.

Ein insgesamt erfreulicher Opernabend, der entsprechend gefeiert wird.

19.1.2022

 

 

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