Von der Oper Tod – Mahlers Klagendes Lied und die Kindertotenlieder an der Wiener Staatsoper
(Vorstellung vom 02.10.2022)

Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn
Es sei gleich vorausgeschickt, dieser Abend gehört zu den ambivalentesten, die wir je an der Staatsoper erlebt haben. Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes, doch in diesem Falle mehr als nur besorgniserregend. Doch eines nach dem anderen:
Auf dem Spielplan standen Mahlers Opus 1, „Das klagende Lied“ und die „Kindertotenlieder“, doch nicht in einer konzertanten Aufführung wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Bogdan Roščić verkündete als erste Premiere der Saison eine große Referenz an seinen bedeutenden Vorgänger Gustav Mahler, dessen Dienstantritt sich in diesem Herbst zum 125. Mal jährt. Und Roščić verkündete noch viel mehr: Es handele sich um die Oper, die Mahler nie schrieb, obschon er zehn Jahre seines einundfünzigjährigen Lebens an der Staatsoper wirkte und hier entscheidendes für die Kunstform Oper tat, Wien sogar zur bedeutendsten Oper der damaligen Welt machte.
Hier horchen wir zwangsläufig auf. Sich aufzuschwingen eine Oper zusammenzufügen, die Mahler nie geschrieben hat, ist mindestens gewagt, vielleicht sogar ein Geniestreich. Und es mag ebenso ein Ausdruck absoluter Hybris und Selbstüberschätzung sein. Was brachte der Abend also mit sich?
Zunächst einmal ein Haus, das zu einem Drittel leer ist (besonders am Stehplatz. Mittelloge halb leer, selbst in der ersten Reihe, Parkett zu einem Drittel leer, Galerie und Balkon spärlich besetzt). Dann auch das mit Spannung erwartete Debut von Lorenzo Viotti, der dann an diesem Abend eine wunderbare Symbiose mit Mahlers Musik eingeht. Es ist spürbar, daß er sich intensiv mit Mahlers Musik auseinandergesetzt hat und eine persönliche Beziehung, ja tiefe Verbundenheit zu dieser besitzt. Entsprechend gelingt es ihm tadellos, das Staatsopernorchester durch diese imposante Musik der Wiener Jahrhundertwende zu führen. Es gleicht einem durch musikalische Klippen zu steuerndem Schiff. Denn tatsächlich: In Mahlers Opus 1 findet sich bereits alles, was Mahler auszeichnet. Eindringliche Klangzeichnungen in immenser Intensität und grober Schönheit, die in feinste ziselierte Details voller Finesse hineinragt. Viotti beweist, dass er schon jetzt zu den besten Dirigenten unserer Zeit gehört und wir in Zukunft noch einiges von ihm erwarten können. Bravo Maestro!
Der Abend könnte also wunderschön sein, allein ist das, was auf der Bühne geschieht, das absolute Gegenteil von Finesse. Zunächst sehen wir Daniel Jenz in einem weißen, kubischen Raum stehen, es folgen Chormitglieder, welche in Plastik eingeschweißte Topfpflanzen der Marke IKEA vor sich hertragen. Während diese an Seilzügen aus Stahl an die Decke gezogen werden und einige Zeit waldähnlich vor sich hin pendeln, schaufeln Daniel Jenz und Florian Boesch Erde aus einer Styroporkiste, um im Anschluss eine Dipladenia (auch IKEA?) dort „einzupflanzen“.
Hier ist nun zumindest ein winziger, inhaltlicher Bezug zum klagenden Lied zu erhaschen: Boesch wird Jenz im Streit um die Blume in einer Orgie voller vorher verpflanzter Erde erwürgen. Die Bäume werden vollends hochgezogen und durch einen herabfallenden Kabelbaum ersetzt, an welchen sich der Chor anschließt und teilweise zu erhängen versucht. Schließlich gebiert Monika Bohinec noch eine schwarze Krähe auf der Bühne (soll das provokant sein, Herr Bieito? Jede Abendausgabe der ZIB ist blutiger und abstoßender!) und der Knabenalt schreit sich die Seele aus dem Leib, anstatt zu singen (vielleicht weil er im Kostüm einen Arm weniger hat, in der Partitur steht das so jedenfalls nicht). Farbwechsel von Weiß zu Grün, schließlich mit dem letzten Schlusston des klagenden Lieds ein schlagartiger Wechsel auf Ausleuchtung in Magenta.
Hier wird also keine Reminiszenz an Mahler auf der Bühne in Szene gesetzt. In einer Mischung aus 80er Jahre Sci-Fi-Trash und einem billigen Basquiat-Abklatsch (war Regisseur Calixto Bieito zu oft in der entsprechenden Albertina-Ausstellung neben der Oper?) setzt der Spanier – nennen wir es mal so – Gestaltungen auf die Bühne, die nicht einmal an das schon niedrige Niveau von Bieitos Tristan heranreichen. Sogar die für Bieito obligatorischen Nackten fehlten diesmal auf der Bühne, wir sind fast versucht „Gott sei Dank“ zu sagen.
Und auch die Intimität der Kindertotenlieder wird völlig hinweggeschwemmt durch die primitive Aufdringlichkeit der Bilder. Hier ist nun für die letzte halbe Stunde also alles in Magenta getaucht, im Hintergrund malen Kinder lustige neonfarbene Männlein an eine mit Alufolie ausgeschlagene Wand (eben sehr, sehr frei nach Basquiat), während Monika Bohinec einzelne Kabelstücke aufsammelt, Vera-Lotte Boecker in kauernder Stellung verharrt, Daniel Jenz an von der Decke hängenden Ringen dahinvegetiert und Florian Boesch scheints ziellos über die Bühne wandert. Der Knabensopran liegt derweil unter einem Leichentuch still und bewegt sich für eine halbe Stunde nicht.
Über so viel Misslungenes und so viel Deplatziertheit müssen wir keine Worte mehr verlieren, denn es ist mehr als deutlich: Eine einfache, konzertante Aufführung mit dieser Besetzung wäre gelungen, großartig, ein Markstein für die Wiener Staatsoper, ja eine Verbeugung vor dem Genius Mahlers gewesen. Denn nicht nur Viotti legt hier ein Dirigat allererste Güte hin.
Florian Boesch liefert eine fabelhafte Partie mit seinem geschmeidigen, runden und sehr intensiven, ausdrucksstarkem Bassbariton vor. Da freut man sich auf Soloabende und viele wunderschöne Lieder am Flügel.
Vera-Lotte Boecker führt einen außerordentlich feinen, funkelnden und wohlklingenden Sopran. Sie versteht in ihren Passagen eine Magie auf die Bühne zu bringen, die derzeit selten gehört wird und die für die Komplexität eines Mahlers, aber auch eines Richard Strauss und eines Erich Wolfgang Korngolds genau passend ist. Mit Recht hat sie die Auszeichnung als Opernsängerin des Jahres erhalten: In dieser Partie und diesen Körperhaltungen nicht ins Kreischen und Schreien zu kommen muss man erstmal schaffen. Und dann noch dabei wirklich schön zu klingen – Chapeau! Brava!
Daniel Jenz singt fast schon zu wenige Passagen für seinen klaren und wohltuend präzisen Tenor und hat ebenfalls zweifelsohne eine einwandfreie Leistung hingelegt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch er singt einige Stellen im Liegen.
Und schließlich Monika Bohinec, die äußerst kurzfristig für Tanja Ariane Baumgartner eingesprungen und dabei nicht nur absolut textsicher ist, sondern auch einen eindrucksvollen Auftritt voller Energie und Kraft liefert. Bravi tutti, was für ein wunderbares Miteinander von Gesang und Musik – Würdiger kann man Mahler eigentlich kaum auf die Bühne bringen!
Eigentlich. Denn es musste ja zwingend etwas dazu „inszeniert“, mussten Steuergelder verschwendet, etwas geschaffen werden, wo nichts zu schaffen war. Eben „Mahlers nie geschriebene Oper“, eine Bezeichnung die sich nun als völlige Anmaßung herausstellte. Der offensichtliche Glaube, das Schaffen eines Komponisten besser als er selbst deuten, ja ordnen zu können, zeigt einmal mehr, daß dieser Abend des Irrtums, der Deplatziertheit und des absoluten Verfehlens, vor allen Dingen der Hybris des Herrn Roščić zu verdanken ist. Der Hybris eines Mannes, der sich nicht nur intellektuell und fachlich überlegen fühlt, sondern tatsächlich glaubt, sich über ein Werk von der Epochalität Gustav Mahlers hinwegsetzen zu können, da er allein weiß, wie man Oper neu zu gestalten hat und deshalb der neue, ja bessere Mahler, der bessere Erneuerer der Oper ist.
Und dieses natürlich auf dem Weg des Regietheaters. Und daraus macht Roščić gar keinen Hehl. Bereits in der Matinee zu „Von der Liebe Tod“ sagte dieser selbst: „Sie singen es nicht nur, sie spielen es auch, es ist ein THEATERABEND [sic!“]. Dass er nur wenige Sätze später in derselben Matinée wiederum Mahler selbst zitiert, ist dann geradezu absurd: „Hätte das Werk (das klagende Lied) damals reüssiert, hätte ich mir dieses höllische Leben im THEATER (sic!) erspart“. Theater also, Regietheater. An einem Opernhaus. Der Irrtum ist hier bereits in den Begriffen vollständig umrissen.
Doch was Komponisten schufen und erdachten spielt an der Staatsoper offensichtlich keine Rolle mehr. Denn auch an diesem Abend geht es nicht um Mahler oder die Musik. Es geht um Bogdan Roščić und seine seltsamen Vorstellungen davon, wie Oper zu sein, „erneuert“ zu werden hat. Das ist keinesfalls erfüllend, wie alle Neuproduktionen unter ihm bislang gezeigt haben. Es ist vor allen Dingen eines: Der Oper Tod!
Eric A. Leuer

