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WIEN / Staatsoper: TOSCA von Giacomo Puccini

11.02.2020 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

 

Martina Serafin in der Titelpartie. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: TOSCA von Giacomo Puccini

616. Aufführung in dieser Inszenierung

10. Feber 2020

Von Manfred A. Schmid

Eine Tosca-Aufführung, die von der Meldung vom Tod der großen Mirella Freni überschattet wird, hat es nicht leicht. Besonders dann nicht, wenn man schon am Nachmittag eine Aufnahme von „Vissi d’arte“ – mit  d e r  Freni als Interpretin – gehört hat und Direktor Meyer am Abend dann vor den Vorhang tritt und das Publikum auffordert, stehend eine Minute lang dieser Ausnahmekünstlerin zu gedenken, die an der Wiener Staatsoper 96 Mal aufgetreten ist. Die „Tosca“ hat Freni für Schallplatte aufgenommen, auf einer Bühne hat sie sie nie gesungen.

Auch wenn man sich vornimmt, die Messlatte nicht allzu zu hoch zu legen: Die Leistung von Martina Serafin als Tosca entspricht nicht den in diese Rolle gesetzten Erwartungen. Sie spielt zwar hinreißend und nützt die Bühne in der längst zur Legende gewordenen Wallmann-Inszenierung gut aus. Fein gestaltet sie die Verwandlung der kapriziösen, eifersüchtigen Diva, die im Scarpia-Akt über sich hinauswächst und zu einer großen opferbereiten, mutigen Liebenden wird. Stimmlich aber bleiben Wünsche offen. Vor allem Serafins Spitzentöne klingen ungewohnt scharf, und Ihre Interpretation der Arie „Vissi d’arte“, bei der man normalerweise mit Beifallsstürmen zu rechnen hat, wird auch nur freundlich beklatscht.

Aleksandrs Antonenko gehört zu jenen Sängern, denen – so bekommt man es zu lesen – international ein guter Ruf vorauseilt, dem aber, nach meiner bisherigen Erfahrung, nach jedem Auftritt hier in Wien ein eher nur mittelmäßiger Ruf nacheilt. Er ist gesanglich ein Kraftlackel, stemmt seinen Tenor mit gehörigem – hörbarem – Kraftaufwand in die Höhe. Schmelz ist hier nicht zu vernehmen. Dementsprechend ist auch seine krönende Schlussarie „Lucevan le stelle“ meilenweit von einem ein Da-capo erzwingenden Applaus – wie zuletzt bei Grigolo und Beczala zu erleben – entfernt. Aber man ahnt schon am Beginn der Vorstellung, dass diesmal die Sterne wohl nicht leuchten werden. Antonenko kämpft schon im ersten Akt mit Stimmproblemen, immer wieder misslingt ihm die Tongebung, droht er abzustürzen. Der lettische Tenor wird zwar nicht als indisponiert angesagt, aber seine Performance lässt kaum daran zweifeln. So enttäuschend hat man ihn doch nicht in Erinnerung. Dass er darstellerisch wenig zu bieten hat und eher schwerfällig daherkommt, ist allerdings keine Neuigkeit.

Aleksandrs Antonenko als Cavaradossi. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

 

Damit ist die Mängelliste dieses Tosca-Abends aber noch lange nicht erschöpft. Jogmin Park bestätigt als Cesare Angelotti leider erneut den in seinen letzten Auftritten gewonnenen Eindruck, dass er sich gesanglich offenbar schon seit einiger Zeit in einer Krise befindet. Der vielgerühmte samtige Glanz seines Basses ist kaum mehr zu vernehmen. Seine Stimme flackert wie eine unruhige Flamme, verursacht durch ein merkwürdiges Dauertremolo, das auch die Phrasierung und Artikulation empfindlich beeinträchtigt. All das versucht er mit einer überzogenen Darstellung zu kompensieren. Mit dem Resultat, dass sein Angelotti wir ein aufgescheuchtes Nervenbündel robbend durch die Kirche irrlichtert. Gewiss, dieser arme Mann ist auf der Flucht und wird von den Häschern Scarpias erbarmungslos gejagt. Aber Angelotti ist auch ein ehemaliger Konsul, dem man durchaus einen Rest an Haltung zumuten könnte.

Zeljko Lucic, physisch von beeindruckender Statur, ist als Baron Scarpia stimmlich kein kraftstrotzender Despot, sondern ein lauernder, sein Opfer umkreisender, auf seine Chance wartender Taktiker. Sein eleganter Bariton geht in den Klangwogen des mächtigen „Te Deum“ ziemlich unter. Im 2. Akt aber spielt er seine latent drohende Gefährlichkeit effektvoll aus. Eine achtbare Leistung. Dennoch: Obwohl er als sinistrer Polizeichef international auf den Bühnen von Berlin bis New York eingesetzt wird, scheint seine Stimme für „leichtere“ Rollen wie Rigoletto, Boccangra oder Germont wohl doch besser geeignet zu sein.

In weiteren Rollen zu sehen und zu hören sind Alexandru Moisiuc als wendiger Mesner sowie Benedikt Kobel und Hans Peter Kammerer als rollendeckende Besetzungen für Scarpias böse Buben Spoletta/Sciarrone. Eigens hervorzuheben die silbrige Hirten-Stimme von MaryamTahon aus der Opernschule.

Beinahe uneingeschränktes Lob gebührt dem Orchester unter der Leitung von Marco Armiliato, der als Spezialist für das italienische Fach, aber auch darüber hinaus, stets eine sichere Bank ist. Zu Recht wurde er jüngst zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt. Armiliatos Dirigat legt offen, dass in Puccinis Musik, trotz der an die Grenze zur filmmusikalischen Effekthascherei reichenden Klangmalerei, die eine Atmosphäre latenter Gefährlichkeit heraufbeschwört, auch eine Menge psychologischer Ausdeutungen seelischer Befindlichkeiten steckt. Diese findet sich oft nicht  in den Gesangslinien, sondern ist dem Orchester anvertraut. Eine kleine Einschränkung gilt es allerdings anzumerken:  Das sprichwörtliche Haar in der Suppe ist diesmal die aus dem Off kommende Chormusik im 2. Akt, die aus dem Hof durch das Fenster in das feudale Arbeitszimmer Scarpias herein dringt. In der Vergangenheit des Öfteren als viel zu laut und störend empfunden, klang sie diesmal eine Spur zu verhalten, um in ihrer Funktion als kontrastreiche Parallelaktion zu den finsteren Machenschaften Scarpias wahrgenommen zu werden.

Insgesamt eine recht inhomogene Veranstaltung: Die Sterne waren diesmal nicht gnädig und haben kaum geleuchtet.

 

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