Wiener Staatsoper am 30.9.2026: TOSCA

Ein Maler allein macht noch keinen Psychokrimi

Jonathan Tetelman . Foto: Wikipedia
Alles begann mit einer Ansage: Eingangs der Vorstellung trat der Intendant vor den Vorhang, um dem Publikum launig-charmant mitzuteilen, dass sich der Tenor der Aufführung, Jonathan Tetelman, bereits früh morgens wegen Indisposition entschuldigt habe. Als man gerade auf der Suche nach Ersatz gewesen sei, habe sich auch der Scarpia, Ambrogio Maestri, krank gemeldet. Angeblich wüte die C-Seuche wieder in der Stadt. Die beiden hätten allerdings alles getan, um fit zu werden, deswegen würden sie auftreten, man bitte um Nachsicht.
Schade wäre es gewesen, wenn der derzeit unter den Jungtenören hochgehandelte chilenische US-Amerikaner seinen Cavaradossi nicht zum besten gegeben hätte, schließlich war eine erkleckliche Anzahl kulturbegeisterter Wienerinnen ausgeschwärmt, um seiner ansichtig- und (-)hörig zu werden.
Er kam, sah und sang gleich eine fulminante „Recondita armonia“, ein Auftaktstück, das von seinen Tenorkollegen oft hörbar gern zur Verlängerung des Einsingens verwendet wird. Nicht allerdings bei Tetelman: Seine Strahlkraft überzeugt von der ersten Minute an, mit Leidenschaft stellt er sich zunächst vor die Staffelei und dann an die Rampe, um seiner Verehrung der Diva gegenüber mit heldischer Attacke zum Ausdruck zu verhelfen. Diese Attacke bleibt den ganzen ersten Akt erhalten, auch „La vita mi costasse“ funktioniert problemlos. Beim Duett mit seiner eifersüchtigen Geliebten kniet er sogar vor ihr, um seine Hingebung noch weiter zu verdeutlichen. Ebenso gelingt das „vittoria“ famos. Im dritten Akt nimmt er sich – ganz in sich gekehrt, den Tod wohl erwartend – zurück und bringt die Sterne elegisch zum Leuchten, um dann etwas resigniert, dem hoffnungsvollen Drängen seiner Geliebten zumindest teilweise nachzugeben und eine gemeinsame Zukunft an einem anderen, besseren Ort zu skizzieren. Ein derartig fulminanter Seitenaltarbildmaler hätte sich eine ebenso glutvolle Diva verdient:
An seiner Seite ist es Malin Byström, in der derzeitigen Intendanz mit vielen wichtigen Rollen bedacht, die nun die Gelegenheit bekommen hat, ihre Tosca zum besten zu geben. Sie ist zweifelsohne eine äußerst elegante, blendend aussehende Erscheinung. Bis dato war nur ihre Salome gänzlich geglückt, bei den anderen Rollen musste man Abstriche beim dramatischen Impetus, der Intonationssicherheit und der Vielfarbigkeit des Timbres machen. Ebenso verhält es sich mit ihrer Tosca: Zu schwach, zu wenig voluminös kommt ihre „berühmte Sängerin“ daher, die Höhen forciert, die tiefe Lage schwer hörbar. Einzig dem „Vissi d’arte“ kann sie etwas Innigkeit beigeben. Ihr Spiel gemahnt nicht an eine divenhafte temperamentvolle, von allen verehrte Römerin des vorvorigen Jahrhunderts, wahre Leidenschaft kommt nicht auf, weder in den Szenen mit ihrem feurigen Geliebten noch in der fatalen Konfrontation mit Baron Scarpia.
Dies mag allerdings auch daran liegen, dass eben jener Vitellio Scarpia von einem Darsteller verkörpert wird, der große Meriten als „der“ Falstaff seiner Generation, als schlauer Gianni Schicchi und allenthalben im Belcantofach (dabei vornehmlich in den Bufforollen wie Don Pasquale, Dulcamara) hat, dem es allerdings an eleganter durchtriebener Bösartigkeit ebenso wie – bei weniger hintergründiger Rollenauffassung – an machtgeilem Machotum fehlt, zu harmlos ist sein Polizeichef, zu liebenswert-liebenswürdig die Ausstrahlung des äußerst sympathischen Ambrogio Maestri. Die Tyrannenherrschaft, die sich der Baron errichtet haben muss, ist in diesen Palazzo Farnese nicht eingezogen.
Da geht von Dan Paul Dumitrescus Mesner schon mehr Hinterfotzigkeit aus. Mit schöner Stimme zeigt übrigens Leonardo Neiva als Angelotti auf, der Wurzel des theatralen Übels an jedem Tosca-Abend.
Mit viel Schwung, Energie und Verve agiert Giampaolo Bisanti, höchst erfolgreicher musikalischer Leiter des bedeutenden Opernhauses in Liège, der das, was zwei der drei Protagonisten an Spannung fehlen lassen, zumindest aus dem Orchester holt. Berückend das die Sterne ankündigende Cello.
Sabine Längle

