Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: TOSCA. Dritte Vorstellung am 5.10.

Wiener Staatsoper, TOSCA. Vorstellung am 5.10.2026

tosca

Immer gegen Monatsende gibt es unter opernaffinen Menschen kleine Internet- Konferenzen: Für welche Produktionen an der Wiener Staatsoper, für die der Verkauf  jeweils am 1. des Monats für den Zeitraum zwei Monate später startet, sollen daher auch um 10h online die Bemühungen um vor allem günstige Tickets starten. Für den  Saisonbeginn 2026 startete der Verkauf aber schon ungewohnt früh am 27. April, vor allem die Freunde von Puccini in Verbindung mit großen Namen –   für die drei Vorstellungen mit Jonathan Tetelman als Cavaradossi galt es, schnell zu sein. Und wirklich, wie immer bei TOSCA , waren die Abende ganz schnell ausverkauft. Das Publikum der ersten Vorstellung wurde zwar durch den Auftritt des Direktors geschockt, der die beiden Hauptdarsteller,   Ambrogio Maestri als Scarpia und auch den Startenor als stimmlich stark beeinträchtigt ankündigen mußte. Bei einem der wichtigsten Tenöre seiner Generation scheinen aber Wunderkräfte gewirkt haben und seine Darbietung begeisterte uneingeschränkt. Am 2. Oktober schaffte er es aber nicht mehr auf die Bühne und  Saimir Pirgu, albanisch-italienischer Tenor , sang seinen ersten Mario an der Wiener Staatsoper, mit dem er 2024 in Tirana debütierte. Er erhielt viel Applaus aber kaum Beachtung in den Medien, nur auf Facebook informierte er stolz seine Fangemeinde.

Am Montag, 5. Oktober, für diese Jahr die letzte Aufführung des Jahres, warfen daher viele einen besorgten Blick auf die Internetseite der Wiener Staatsoper. Aber zur allgemeinen Freude, beide Protagonisten waren für den Abend angekündigt. Die Vorstellung wie immer ausverkauft, auch die Stehplätze.

Umso erschrockener das kundige Publikum, als doch ein Herr im grauen Anzug zu Beginn vor den Vorhang trat , nie ein gutes Zeichen. Aber er hatte gute Nachrichten. Alle, die auf den Plakaten angekündigt sind, werden singen, nur Herr Tetelman bitte noch um etwas Nachsicht.

Die wurde ihm im dritten Akt auch gewährt, bis dahin stärkten ihn Riesenapplaus und Bravi-Rufe nach jeder seiner Szenen, sein zweites Vittoria im 2. Akt schien trotz aller erlittenen Marter überhaupt nicht enden wollend. Dafür leuchteten die Sterne dann nicht mehr ganz so strahlend, was vielleicht auch an einer sehr gebeugten Stellung, auf Knien hinter einer kleinen Mauer lag. Mit einer ungewöhnlichen Körperhaltung bei ihrer großen Arie Vissi d‘arte , vissi d‘amore überraschte auch die schwedische Sopranistin Malin Byström , die  noch? nicht zu den großen TOSCA Sängerinnen ihrer Zeit zählt. Von Begehren getrieben und  Widerstand nicht duldend, ringt der tyrannische Wüstling  heftig mit ihr und sie landet – sicher beabsichtigt-  nicht wie sonst auf der Chaiselongue, sondern auf dem Bühnenboden mit weit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegend  und startet so für das Publikum eigentlich  überraschen den Gesang. Sicher schwierig,  aber kein großer Auftritt. Herr Maestri sitzt dabei ungerührt und sichtbar kauend vor seinem Teller. So hat Margarete Wallmann die Szene wohl nicht inszeniert, Dafür scheint der italienischen Bariton schon in vielen ihrer Inszenierungen aufgetreten zu sein. Er zerrt – zwar tödlich getroffen, wie im Regiebuch wiederholt am Gewand der Täterin. Für die ursprüngliche Inszenierung beschreibt es die Regisseurin  1976 (folgender maßen.

“ Meine Inszenierung von TOSCA ist in Wien , zwanzig Jahre später, immer noch populär . Aber nach dem Abgang von Karajan und von mir,  ist in dieser Aufführung nichts mehr intakt geblieben. Das ist das undankbare an meinem Beruf :  man bleibt immer verantwortlich für eine Inszenierung , während (  auch in Folge wechselnder Künstler)  alle  Einfälle, die Bewegungsabläufe, die Intensität der Interpretation mit der Zeit schwinden. Nehmen wir ein Beispiel:

In dem Augenblick, als Tosca  Scarpia ermorden muß, versteckt sie das Messer in ihrem langen Schleier aus grünem Tüll.  Scarpia, beim Versuch, ihr die Klinge zu entwinden, die ihn durchbohrt,  verfängt sich in ihm . Er bricht zusammen und  verwickelt sich in dem Stoff : der Schleier, wie eine giftige grüne Schlange ringelt sich um seinen schwarzen Frack.  Als Tosca fliehen will,  versucht sie vergeblich,  ihren Schal  wieder zu bekommen, die erstarrten Händen des Toten halten ihn fest.  Sie zieht fest , der Arm hebt sich wie in einer letzten finsteren Drohung, und fällt zurück, ohne  das verräterische Gewand loszulassen. Das ist der Beweis, der den Schergen  ermöglicht, sofort die Identität des Mörders festzustellen.  Diese Schergen, wie große schwarze Vögel, eine albtraumartige   kafkaeske  Zwangsvorstellung, nisten  auf dem Weg  im Rundgang der Engelsburg , sie brauchen nur mehr auf ihre Beute warten.  Von all dem, nichts mehr.: Im Allgemeinen, in solchen Fällen,  verfällt das Schauspiel in den Schlendrian der Routine, der ärgste Feind der Kunst. Für mich,  professionell aus Berufung, ist das sehr schmerzlich :  bin ich nicht manchmal wie eine arme Mutter, gezwungen, ihre Kinder zu verlassen, und die  zu ihrer Vermehrung – zulassen muß, dass man ihnen Arme und Beine  abschlägt.

(Betrachtungen  von Margarethe Wallmannn zu ihrer  Wiener Inszenierung von TOSCA  in der Autobiografie  1976 “ Sous le ciel de l’opera“ ( Unter dem Opernhimmel) ,  Neuauflage Edition du Félin  Paris 2004)

Aber trotz aller Bekümmernis der später international so erfolgreichen Künstlerin, auch die 673. Vorstellung erhielt nach weitere 50 Jahre großen Applaus. Mindestens die Hälfte der begeistert Klatschenden waren Touristen, die meisten hatten diese Oper noch nie in diesem Haus gesehen. Ein Ehepaar aus New York war begeistert über die „Intimität des Zuschauerraums“ im Vergleich zur MET, die ohnehin bald Bankrott machen wird, es fehlen die Donatoren ! Ein Herr aus Polen, eigentlich wegen der Beethoven-Konzerte von Igor Levit nach Wien gekommen , war froh über den zeitlichen Zusammenhang und den freien Montag im Musikverein. Eltern mit ihrem noch recht jungen Nachwuchs waren allesamt begeistert. Ein russischer Musikstudent freute sich über jede „altmodische“ Oper. Freuen können sich auch die Schatzmeister der Staatsoper, des Wien Tourismus und des heimischen Finanzministeriums. Sie alle sollten jeden 2. Mai einen riesengroßen Blumenstrauß für das Grab von Margarete Wallmann auf dem Friedhof von Monaco schicken, und natürlich auch nach  Mailand für Nicola Benois. Ein so gewaltiges Szenenbild  für jeden der drei Akte zu schaffen, in  relativ kurzen Pausen umbaubar, ist nicht nur eine künstlerische sondern auch eine handwerkliche Meisterleistung des damaligen Chefbühnenbildners der Mailander Scala.

In Verbindung mit dem Regievermächtnis der Berliner Tänzerin, die bei Inszenierungen an den Bühnen von  Salzburg und in Wien ihre Karriere startete, wirkte auf das  Publikum nach der eher enttäuschenden ersten Premiere der Saison zwei Tage zuvor an diesem Montag wieder der Zauber Oper.

Ulrike Messer-Krol

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken