12.4. und 15.4. 2026 : TOSCA
Wenn die „BO“ zur ersten Aufführung wird

Die Rezension deckt die beiden ersten Aufführungen der aktuellen Serie ab, die insbesondere hinsichtlich des Dirigates keine bloß marginalen Unterschiede aufwiesen:
So waren Orchester, Chor, Solisten, Publikum und vor allem Dirigent bei der ersten Vorstellung der aktuellen Serie mit einer Situation konfrontiert, die nicht unbedingt dazu angetan war, der ungestörten Musiktheaterinterpretation zuträglich zu sein: Offensichtlich hatte es keine Bühnenorchesterproben gegeben und das bei einem Dirigenten, der sich zwar international seinen Ruf im italienischen Fach in den letzten Jahrzehnten erworben hat, aber 30 Jahre an der Wiener Staatsoper nicht zu Gast war: Daniel Oren, Israeli des Jahrgangs 1955, mittlerweile zum Musikdirektor des renommierten Festivals der Arena von Verona avanciert, war es, der in der ersten Aufführung nicht den richtigen Ton finden konnte: Vieles war geschleppt, spannungsarm, zu getragen, nicht immer synchron, schlicht den Hörgewohnheiten des Wiener Tosca-Publikums nicht entsprechend: Zu Beginn des 3. Aktes und beim Schlussapplaus wurde er daher – vereinzelt – mit Buh-Rufen bedacht. Die zweite Aufführung ganz anders: Auch hier auf der eher langsamen, getrageneren Seite, der Sopranistin die Möglichkeit gebend, ihren langen Atem zu zeigen, aber nie dabei das große Ganze aus dem Taktstock verlierend. – Eine völlig andere Stimmung, viel Applaus, viel Zustimmung.
Ein derartiger Sprung in den kalten Orchestergraben kann nur dann gut gehen, wenn ein Dirigent zur Verfügung steht, der das Orchester so gut kennt, dass er sich blind mit diesem versteht. Dies war offensichtlich nicht der Fall.
Nun zu den Protagonisten: Da ist einmal Christopher Maltman, der derzeit erfolgreich seinen Weg von Mozart zu Wagner findet, als Wotan am Royal Opera House Covent Garden reüssiert. Auf diesem Weg darf neben den großen Verdi-Baritonrollen auch der Scarpia nicht fehlen, für den er darstellerische Intelligenz, aber auch üppige gesangliche Mittel mitbringt: Schon sein erster Auftritt in Sant’ Andrea della Valle verheißt nichts Gutes für die Voltairianer, lässt er mit kraftvollem Organ das barocke Kirchenrund erzittern und übertönt problemlos den Chor, nicht ohne davor mit einschmeichelnden Worten der Diva eine gehörige Portion Eifersucht eingepflanzt zu haben. Der zweite Akt ist stimmlich tadellos – wenn auch in der ersten Aufführung von Hustenattacken durchzogen – lässt er ein eher herbes, aber doch sehr kerniges Timbre hören. Vielleicht fehlt es in der Darstellung (noch) ein wenig an schurkenhaftem Charme.
Ivan Gyngazov, Russe des Jahrgangs 1987, also mit knapp 40 am Höhepunkt des tenoralen Saftes, ist Cavaradossi, eine Rolle, die ein unerschöpfliches Repertoire an Gestaltungsmöglichkeiten bietet, und die in den letzten Jahrzehnten geradezu die Kernrolle der besten der besten war: Pavarotti, Domingo, Dvorský, Aragall, später Shicoff und Alagna und natürlich Kaufmann und Beczała waren es, die nicht nur mit ihrer Erinnerung an die blitzenden Sterne die Herzen des Wiener Publikums eroberten. In die Riege dieser Großmeister, in die sich zuletzt Jonathan Tetelman durchaus vielversprechend eingereiht hatte, ist schwer aufzusteigen: Gyngazov verfügt über eine tragfähige Höhe, „La vita mi costasse“ und die „Vittoria“-Rufe gelingen problemlos, in der Mittellage wird die Stimme eng und etwas unfrei, ein Timbre ohne viele Facetten, die Darstellung wirkt hölzern, wenn er sich auch in eben jener letzten Arie und den „Dolci mani“ um gesangliche Expressivität bemüht. Insgesamt ansprechend, aber nicht mehr.
Bleibt die Diva in der Divenrolle: Anna Netrebko, die wohl einzige Opernsängerin, die über die Grenzen der Klassik-Community hinaus berühmt ist, kann die „berühmte Sängerin“ endlich vor Publikum in Wien interpretieren: Sie ist nach wie vor kein wirklich dramatischer Sopran, ihre Stimme ist am besten beim „mittleren“ Verdi aufgehoben, ihre beiden Leonoras gehör(t)en zum hervorragendsten, was in den letzten Jahren auf den Opernbühnen der Welt zu Gehör gebracht wurde. Natürlich „kann“ sie Tosca, verbreitert die Stimme in der teilweise sehr prononcierten Tiefe, lässt viel Attacke in den Höhen hören, hat ihre stärksten Momente aber dort, wo sie ihre Piani und ihre Phrasierung einsetzen kann, gestaltet also ein exquisites „Vissi d’arte“. Darstellerisch bleiben keine Wünsche offen: Liebende, Eifersüchtige, Mörderin und natürlich Diva. Alles in allem kann dies aber nicht über die eine oder andere Unschärfe insbesondere in den dramatischen Momenten der Schlussszene hinwegtäuschen.
Wir warten mit Spannung auf ihre erste Wiener Amelia: Diese Rolle muss und müsste ihr gehören.
Sabine Längle

