Wien/ Staatsoper
18.4.2026 „Tosca“, Staatsoper

Foto: Klaus Billand
Während das Opernpublikum am ersten lauen Frühlingsabend des Jahres zur „Tosca“ strömte, trotteten an der Staatsoper die Teilnehmer des „Vienna 5K“ vorbei: ein Fünf-Kilometer-Lauf entlang der Ring-Straße, im Rahmenprogramm des Vienna City Marathons gelistet.
Diese Marathon-Wochenenden machen aus Wien jedes Jahr eine Stadt der verschwitzten T-Shirts und modischen Laufschuhe – aber Oper wird glücklicher Weise trotzdem gespielt. Und wer sich zur Anreise in die Staatsoper den U-Bahn-Linien anvertraute, konnte den durch diese sportliche Bewegungseuphorie entstandenen Verkehrsbehinderungen geschickt ausweichen.
Vor der Staatsoper beruhigte der Blick aufs Abendplakat: Anna Netrebko wird singen. Dabei waren die paar Demonstranten der „Anti-Anna-Netrebko-Liga“ gar nicht aufmarschiert. Bei der ersten „Tosca“-Vorstellung hatten sie noch pflichtbewusst ihre Schilder hoch gehalten. Im Haus ging es dann sportlich zu Fuß bis zum Balkon hinauf. Schließlich ist regelmäßige Bewegung essentiell für die Gesundheit, wie sogar die „KI“ von Google weiß…
…Und wo bleibt Tosca? Die Rezension in der Tageszeitung „Die Presse“ zur ersten Vorstellung (Druckausgabe vom 14. April 2026) hat getitelt: „Tosca als opulentes Netrebko-Konzert“ – und wollte damit möglicherweise andeuten, dass fesselndes „Musiktheater“ an diesem Abend zu kurz gekommen ist.
Für diese dritte Vorstellung lässt sich das nicht mehr so ausdrücklich sagen, auch wenn Anna Netrebkos Tosca ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und einen Hang zur leicht pathetisch unterlegten „Pose“ besitzt (die andererseits einer Diva zugestanden werden muss). Denn eine Diva wird natürlich ihre Stärken hervorkehren, in diesem Fall dem Publikum zum Beispiel ausreichend die Möglichkeit bieten, sich an der samtigen, abgedunkelten Glut ihres breiten Soprans zu laben (und stimmlich hat die Sängerin an diesem Abend einen sehr ausgewogenen und überzeugenden Eindruck hinterlassen).
Doch zu einer opfergemäßen „Selbstentäußerung“ ließ sich Anna Netrebkos Tosca auch dieses Mal nicht hinreißen. In ihrer Gefühlslage ist diese Tosca im Schmerz vielleicht zu „stabil“. Das „Vissi d’arte“ begann die Sängerin stehend zu singen, sank erst gegen Ende auf die Knie. Die schwere Süße von Netrebkos Sopran verlieh ihrem Vortrag wieder jenen weiter oben zitierten „Konzertanstrich“ und schwelgte in üppigem Sentiment, bei dem es schwer fiel, den nervösen Herzschlag einer von Scarpia in die Enge getriebenen Frau zu fühlen.
http://www.operinwien.at/werkverz/puccini/a41tosca.htm
Dominik Troger/ www.operinwien.at

