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WIEN / Staatsoper: TOSCA

11.06.2012 | Allgemein, Oper

WIEN /Staatsoper: 
TOSCA  von Giacomo Puccini
552. Aufführung in dieser Inszenierung
11. Juni  2012 

Wir wissen es alle: In der Oper gibt es kein „Recht“ des Zuschauers auf bestimmte Besetzungen. Das Beispiel von Nikolaus Bachler, einen Teil des Eintrittspreises zurückzuzahlen, weil die Netrebko nicht gesungen hat, wird zweifellos nicht Schule machen. Der Opernbesucher ist in solchen Fällen oftmals der Gelackmeierte. Zumindest derjenige, der der Sänger wegen in die Oper geht.

Denn ehrlich – welcher echte Opernnarr kommt abends ins Haus, um Puccinis „Tosca“ zu hören und zu sehen? Die hat er in seinem Leben 30,40, 50mal oder noch viel öfter live erlebt, und wenn er wirklich von unwiderstehlicher Lust nach dem Werk an sich überfallen werden sollte, hat er ein Dutzend CDs mit Spitzeninterpreten und vielleicht noch ein paar DVDs mit auch nicht schlecht besetzten Aufführungen zu Hause.

Dieser Opernfreund, der allerdings dringend angehalten wurde, seine Karten eine Saison vor dem Ereignis per Internet zu bestellen (sonst bekommt er vielleicht keine mehr!), buchte also irgendwann vor gut einem Jahr oder mehr die „Tosca“  am 11. Juni 2012, weil die Besetzungsankündigung klar und deutlich verhieß: Sondra Radvanovsky und Marcello Giordani, zwei Spitzennamen der internationalen Szene, die man seit langer Zeit nicht mehr in Wien gehört hat. Eine „Tosca“-Besetzung von einigem Interesse also..

Wer nun am 11. Juni 2012 in die „Tosca“ kam, musste feststellen, dass beide Hauptdarsteller sich verflüchtigt hatten – die Sopranistin war gar nicht erst angereist, der Tenor nach den beiden ersten Vorstellungen erkrankt. Das ist die berühmte „höhere Gewalt“ – was lernen wir daraus? Spontan auf den Stehplatz gehen, ist jedenfalls gescheiter. Wer weiß denn, ob all die Stars, die für nächstes Jahr angekündigt sind, dann auch zu erscheinen geruhen? Natürlich kann die Operndirektion absolut nichts dafür, und man möchte nicht in der Haut des Direktors und seiner Mitarbeiter stecken.

Andererseits: Vermutlich ist es doch sagen wir mal 90 Prozent der „Tosca“-Besucher völlig egal, wer da oben auf der Bühne singt –  denn die Opernfreaks mit ihrem Besetzungswahn sind ja doch in der Minorität. Viele Leute haben ein Abonnement, viele „gehen in die Oper“, viele Touristen „wollen auch einmal in der Wiener Staatsoper gewesen sein“. Das füllt das Haus. Und die Minoritäten, die auf bestimmte Besetzungen bestehen? Haben die überhaupt ein Recht darauf?

Trotzdem – wenn ich für etwas Bestimmtes bezahle, will ich es auch haben. Wenn ich eine teure Flasche Parfum bestelle und entsprechend tief in die Tasche greife und dann kommt eine andere Marke mit der Post, kann ich sie zurückschicken und mein Geld zurückverlangen. Nirgendwo in der Wirtschaft kommt ein Verkäufer damit durch, etwas anderes zu liefern als das Bestellte – nur in der Oper kann man achselzuckend sagen: Nichts zu machen. Und der Opernbesucher in seiner Eigenschaft als Konsument ist absolut rechtlos. Die Parfumflasche schicke ich zurück, weil ich Chanel 5 will und nicht xy. Aber meine Opernkarte…. die habe ich. Egal, wer angekündigt war und wer dann singt. Verändert die Besetzung nicht auch den „Inhalt“ des Erworbenen?

Nein, da kann man sich fransig diskutieren, man kommt mit dem Thema auf keinen grünen  Zweig….

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Die guten Geister der Oper (oder des Zufalls) haben gewürfelt, und heraus kam an diesem Juni-Abend eine ausgezeichnete „Tosca“-Besetzung, die zwar in dieser Form nicht vorgesehen war, aber vor allem beim Liebespaar exzellent funktionierte. Gestolpert ist nur mehrfach der einspringende Dirigent Philippe Auguin – da gab es hörbare Missverständnisse innerhalb einer Aufführung, die von ihm ansonsten mehr lyrisch als dramatisch und im Ganzen auch sehr schön über die Runden gebracht wurde.

Die Qualität des Abends bestand nicht zuletzt darin, dass sich alle Sänger auf der Höhe ihrer Aufgaben bewegten, und das ist ja bekanntlich nicht immer der Fall. Norma Fantini ist erstens eine wirkliche und wahrhaftige italienische Diva, attraktiv, schlank und rank, ungemein präsent und bühnenbeherrschend (und dass sie optisch ein wenig an die Callas erinnert, schadet da keinesfalls). Sie sang nicht nur eine wirklich gute Tosca (ein, zwei Spitzentöne, die es an Qualität fehlen ließen, der Rest klappte im Rahmen des Rollenprofils tadellos), sie ist auch eine detailgenaue, wirklich bemerkenswerte Darstellerin. Mit  „Vissi d’arte“ singt sie sich die Seele aus dem Leib, dass man trotz der großen, theatralischen Schlussgeste wirklich ergriffen ist. Sie hat auch faszinierende Momente, wenn sie sich etwa – als sie durchaus noch meint, sich Scarpia hingeben zu müssen – hektisch Mut antrinkt, dabei das Messer auf dem Tisch sieht, spontan die Möglichkeit der Alternative begreift, es in die rechte Hand nimmt, am Rücken versteckt – und dann mit einer Wucht und Entschlossenheit zusticht, dass der Verismo-Schock voll greift. Ihren Mario hingegen liebt sie innig – da ist die Eifersucht viel weniger ausgeprägt als die überströmende Zuneigung zu ihm. Kurz, keine zickige Diva, eine liebende, leidende Frau.

Spürbar übrigens die wunderbare Chemie mit Partner Johan Botha, der Spitzenklasse-Wagner-Held, der uns wieder einmal italienisch kam. Und wahrlich, das kann er in hohem Maße auch (abgesehen davon, dass sein Wagner so wunderbar ist, weil er ihn quasi auf Cantilene  singt…) – der Mann hat keine Stilprobleme, er kann sich bei jedem Komponisten auf sein Material, seine Kraft, seine Ausdauer und seine hervorragende Technik verlassen. Dass ihm bei „La vita mi costasse“ ein Frosch in den Hals kam, wird nur angemerkt, damit es nicht heißt, man lasse es unter den Tisch fallen – der Rest war nicht nur fast makellos, sondern von jenem italienischen Glanz, den auch viele Italiener nicht bringen. Übrigens spielte er einen liebenswerten, liebenswürdigen, seiner Tosca durch tausend Bande der Zuneigung spürbar verbundenen Cavaradossi – so viel kommt darstellerisch auch oft von Kollegen nicht, die als weit bessere „Schauspieler“ gelten als Botha. Aber vielleicht hat Norma Fantini ihn mit ihrer Leidenschaftlichkeit echt mitgerissen.

Als Dritter im Bunde hielt Zeljko Lucić nicht ganz dieselbe, vibrierende Hochspannung (seltsam, wenn man bedenkt, welch intensiver Macbeth er für Muti vorigen Sommer in Salzburg war) – man hat schon Scarpias gesehen, die mehr (bzw. überhaupt) Gänsehaut erzeugt haben, während hier vor allem ordentlich gesungene Routine (mit einem gelegentlichen Hauch von Forcieren) waltete. Aber das nötige Niveau wurde gehalten.

Im ersten Akt machten zwei Herren auf sich aufmerksam: Clemens Unterreiner schien tief beglückt, dass er seinen ewigen Sciaronne endlich wieder einmal mit dem viel eindrucksvolleren Angelotti vertauschen durfte und spielte den gehetzten Flüchtling mit einem Nachdruck, als wolle er sich einen Nebenrollen-„Oscar“ erwerben. Auch modulierte er die Gesangslinie so dezidiert, wie es Lars Woldt mit seinen Mesner  tat (wo wir doch die durch und durch lockeren alten Herren à la Sramek und davor Kunz und Dönch gewohnt waren und sind): Immerhin gestaltete Woldt nicht nur den Ärger des bigotten Selbstgerechten über den lockeren Maler, sondern in der Konfrontation mit Scarpia den ängstlichen kleinen Mann, der angesichts von Macht und Gewalt zu jeder Schäbigkeit fähig ist. Eine Charakterstudie am Rande.

Wolfram Igor Derntl (ein durchdringender Spoletta), Marcus Pelz (Sciaronne) und Il Hong (Schließer) erfüllten ihre Rollen besser als das diesmal nicht übertrieben schönstimmige Opernschulen-Kind als Hirte im Hintergrund.

Im übrigen kann man sich nur wundern, wenn man die Gelegenheit hat, die Prozession des ersten Aktes genau zu sehen (Galerie Seite rechts ist da ideal, die anderen Zuschauer bekommen das vermutlich nicht annähernd so mit), welch ein exzessiver (und weitgehend sinnloser!) Riesenaufwand an Statisterie da getrieben wird! Es mag zwar billig sein, eine Oper bereits zum 552mal zu spielen (nein, nicht austauschen, was immer kommen wird, es ist vermutlich nicht besser) – aber diese Kosten am Rande müssen ganz schön zu Buch schlagen…

Viel Jubel und auch Beifall am richtigen Ort. Der Stehplatz war zwar nur schütter besetzt, aber wenigstens mit Leuten, die die „Tosca“ offensichtlich kennen.

Renate Wagner

 

 

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