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WIEN/ Staatsoper: THE KABUKI – Gastspiel des The Tokyo Ballet 

03.07.2019 | Ballett/Tanz

Wiener Staatsoper, 2.7.2019: „THE KABUKI“ – Gastspiel des The Tokyo Ballet 


Foto: Kiyonori Hasegawa

Japanische Kultur aus verschiedenen Perspektiven gesehen: Jahrhundertchoreograph Maurice Béjart (1927 bis 2007 / Ballet du XXe siècle) hat sich in seinen späteren Jahren immer wieder asiatischer Kultur und Esoterik zugewandt. 1986 schuf er für The Tokyo Ballet mit „The Kabuki“ (= eine historische japanische Theaterform) aus seiner kreativen Sicht die Nachschöpfung einer tradierten, in Japan sehr bekannten Geschichte, ‚Chushingura‘, welche in die Welt der Samurai führt: Machtkampf, gekränkte Eitelkeit, Racheschwüre, Heldenmythos, ein abgeschlagener Kopf, kurze groteske Einschübe, bisschen Erotik auf dezent ….  und schließlich der rituelle Selbstmord ( = Seppuku) aller im großen Kollektiv der siegreichen Kämpferschar.

The Tokyo Ballet, 1964 gegründet, ist gut finanziert, sieht sich als reisefreudiger Japan-Botschafter mit zahlreichen Tourneen rund um die Welt. Mit „The Kabuki“ hat die Kompanie nach vielen Jahren erneut in der Wiener Staatsoper gastiert, und sie konnte einen vollen Erfolg verbuchen. Béjarts Stilmittel hier: Weit weniger Grand jetés und Modern Dance als trippelnd aufmarschierende Krieger oder scheue Geishas, durchaus verwurzelt im Kabuki-Stil. Die kaum überschaubare Geschichte mit ihren schwer nachvollziehbaren Handlungssträngen ist in ihrer ästhetisch stilisierenden Bilderfolge optisch sehr, sehr reizvoll anzusehen, lässt allerdings trotz ihrer suggestiven Effekte für den in die vertrackte Story nicht Eingeweihten keine Spannungsbögen aufkommen. Ja, doch, erst in den ungemein eindrucksvollen, rein auf Tanz ausgerichteten Schlussbildern ‚Abschied im Schnee‘ und ‚Rache‘  – plus dem wohlgeordneten Seppuku des Samurais Yuranosoke und seines untertänigen großen kriegerischen Gefolges – kracht es beim kriegerischen Getümmel so richtig nervig auf der Bühne.

 
Foto: Kiyonori Hasegawa

Traditionelles Kabuki-Gezirpe wechselt mit markiger moderner Musik von Toshiro Mayuzumi (Wiedergabe durch Tonträger), und die Tänzer – die Männer haben hier klar die Oberhand – , elegant mit dem geforderten Pathos von Dan Tsukamoto als Yuranosuke angeführt, bestätigen ihre Extraklasse. Und somit haben all die auftrumpfenden Kampfposen wie die kaum vertrauten Metapher eines nach wie vor exotisch wirkenden Spektakels ihre angestrebten Wirkungen erzielt.  

Meinhard Rüdenauer 

 

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