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WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett: VAN MANEN / EKMAN / KYLIÁN

14.05.2015 | Ballett/Tanz
13. V.2015: „VAN MANEN / EKMAN / KYLIÁN“-– erfindungsreiche Schausteller im Wandel der Zeit

 
Ein leerer Orchestergraben. Total leer. Keine Musiker, keine Pulte. Ein wenig, ein bisschen nur, leert sich auch im Laufe des dreiteiligen Ballettprogramms der Zuschauerraum. Nicht so schlimm. Und gar nicht schlimm, ganz im Gegenteil, sind die feinen Darbietungen der Tänzer des Wiener Staatsballetts im frisch einstudierten „VAN MANEN / EKMAN / KYLIÁN“-Abend einzuschätzen. In Tanzstücken von drei Choreographen, welche besonders eng mit der in den späteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts boomenden Tanzszene der Niederlande verbunden sind.
 
Ballettmusik ohne Orchester, von CDs abgespielt? Solches ist bei oft gastierenden Ensembles durchaus üblich, in unserem Fall unter anderem gegeben, da Hans van Manen für seine „Adagio Hammerklavier“-Choreographie ausschließlich die langsame, aber schon extrem zäh sich dahinschleppende Einspielung von Beethovens Hammerklaviersonate durch Christoph Eschenbach verlangt. Nun, „Adagio Hammerklavier“ zählt bereits zu den Museumsstücken des modernen Tanzes, und auch Jirí Kyliáns „Bella Figura“ hat sich seinen fixen Platz in der Ballettgeschichte gesichert. Doch zeitlich der Reihe nach:
 
1973 – „Adagio Hammerklavier“: Hans van Manen, Jahrgang 1932, einer der Granden der damals von avantgardistischen Ideen geprägten niederländischen Moderne, demonstriert mit drei Paaren, mit nobler Sensibilität und geschmackvoll kalkuliertem Bewegungsfluss ein dezentes Einfühlen in die in seelische Tiefen führende und nach Verinnerlichung suchende Ausdruckskraft klassischer Musik vor.
 
1995 – „Bella Figura“: Der 1947 in Prag geboren Jirí Kylián kann sich in der im Wandel der Jahre nun aufgebrochenen und liberaleren Denkungsweisen einer offeneren Sexualität, einer akzeptierten Homoerotik, einer körperlichen Schaustellung mit halbnackten Boys und bloßen Frauenbrüsten völlig hingeben. Dabei bleibt er ein besonders eleganter, immens erfindungsreicher und stets auf Harmonie achtender Emanzipationsspezialist in Sache tänzerischer Verführungskraft, erotischer wie psychisch sublimierter. Jirí Kylián ist dies in diesem von barocken Musikpiecen, Vivaldi & Co., getragenem Eros-Poem mit bizarrem Anstrich besonders eindrucksvoll geglückt.
 
2010 – „Cacti“: Der 31jährige Alexander Ekman profitiert von den Geniestreichen und den so feinfühlig ausgedachten Tanzkreationen seiner Vorgänger. Ein Könner ist er jedenfalls. Aber was nun machen, was nun aussagen bei dieser Unzahl an durchaus respektablen Produktionen im großen Angebot des zeitgenössischen Tanzgeschehens? Wie umgehen mit diesen von der Musik teilweise schon völlig losgelösten gängigen Körpersprache–Manierismen? Ein Spompernadeln-Stückerl bietet Ekman mit seiner auf happy getrimmten Tänzerschar an. Kreuz und quer und spielfreudig wird gewippt, gestikuliert, getrommelt, werden Podeste verrückt, werden immer wieder neue Gags und originelle Figurationen in ständiger Mutation angepeilt. Kakteen-Attrappen werden herein getragen, unverständlich gesprochene Texte ertönen aus den Lautsprechen. Eine Persiflage auf den heutigen Kunstbetrieb könnte es vielleicht sein, wirkt aber wie Nonsens. Dazu stimmt noch ein philharmonisches Streichquartett über die Bühne spazierend und dabei improvisierend Schuberts „Tod und das Mädchen“ an. Eine stachelig-spitze „Cacti“-Dornenlandschaft ist es sicher nicht, wohl eher ein ausgelassenes und recht amüsantes Spektakel, welches aber an diesem Repertoire-Abend das Publikum nicht wirklich zu befreiendem Lachen verführen konnte.
 
Insgesamt wird vom Wiener Staatsballett ein zeitgemäßes Tanzprogramm geboten, nicht ein kreativ eigenständig erarbeitetes, doch ein aus den niederländischen Choreographen-Händen gut übernommenes. Als Besetzung präsentierten sich die Tänzer des Premierenabends, nur Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto durften als ein alternatives „Cacti“-Solopaar ironischen Charme versprühen. Bitte, keine Paarmännchen, sondern ein ganz normales und höchst sympathisches Ehepaar in Wien.

Meinhard Rüdenauer

 

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