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WIEN/ Staatsoper/Staatsballett: TÄNZE BILDER SINFONIEN. Begeistert aufgenommene Ballettpremiere zum Saisonende

27.06.2021 | Ballett/Tanz

26.06.2021: „TÄNZE BILDER SINFONIEN“. Begeistert aufgenommene Ballettpremiere zum Saisonende

Nach „Mahler, live“ Anfang Dezember – der  Premiere, die nur für das Fernsehen aufgezeichnet und ausgestrahlt wurde, gab es nun endlich knapp vor Ende der Spielzeit noch eine Ballettpremiere vor Publikum. Mit George Balanchine, Alexei Ratmansky und Martin Schläpfer sind drei bedeutende Choreografen des zeitgenössischen Ballets mit Piecen vertreten in sehr unterschiedlicher stilistischer tänzerischer Umsetzung der gemeinsamen klassischen Basis. Die drei Komponisten sind durch ihre russischen bzw. sowjetischen Wurzeln miteinander verbunden.

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„Symphony in three Movements“. Foto: Ashley Taylor

Den Beginn des Abends macht als österreichische Erstaufführung „Symphony in three Movements“ in der Choreografie von George Balanchine zur gleichnamigen Komposition von Igor Strawinski. Balanchine, der als Georgi Melitonowitsch Balantschiwadse 1904 im zaristischen Russland geboren wurde und seine Ballettausbildung in St. Petersburg erhielt, lernte er bei einem Auslandsgastspiel 1924 Serge Diaghilev kennen und wurde an dessen Ballett Russe engagiert – zunächst als Tänzer, später als Choreograf. Balanchine arbeitete mit dieser Compagnie bis zu deren Auflösung 1929 und gründete schließlich gemeinsam mit Lincoln Kirstein das New York City Ballet. Als Choreograf wurde Balanchine berühmt durch seinen ästhetischen, klaren Stil, in dem er das klassische Ballett zur Neoklassik formte. Auch Igor Strawinski stammte aus dem zaristischen Russland und auch ihn führte sein Lebensweg in den Westen – über Frankreich schließlich in die USA, wo er 1971 starb. Als Balanchine ein Jahr nach Strawinskis Tod eine Vorstellung zu seinen Ehren organisierte, schuf er dafür die  Choreografie zur „Symphony in three Movements“.  Vor dem für viele Balanchine-Werke typischen blauen Hintergrund  wird auch hier in schlichten Trikots getanzt, die durch ihre Puristik den Fokus auf den Tanz lenken sollen; allerdings im Scheinwerferlicht nichts figürlich verzeihen. Hier tanzen drei Hauptpaare, fünf weitere Paare sowie ein Corps de ballet mit 16 Mädchen (Einstudierung: Ben Huys). Präzise Formationen, klare Linien, komplexe Schrittkombinationen und temporeiche Umsetzung charakterisieren dieses Stück und fordern damit die Tänzer intensiv. Kiyoka Hashimoto und Davide Dato, Liudmila Konovalova und Masayu Kimoto sowie Maria Yakovleva und Géraud Wielick setzen hier souverän ihre Akzente im Neoklassik-Stil. 

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Alexei Ratmansky: Pictures At An Exhibition: Claudine Schoch, Marcos Menha. Foto: Ashley Taylor

„Pictures at an Exhibition“ ist das erste Werk, das vom Wiener Staatsballett aus dem Œuvre von Alexei Ratmansky getanzt wird. In Leningrad geboren, an der Ballettakademie in Moskau ausgebildet, leitete er einige Jahre das Bolshoi-Ballett, bis ihn sein Weg später ebenfalls nach New York führte. Ratmansky ist sowohl für seine Rekonstruktionen klassischer Ballette bekannt als auch für seinen eigene Kreationen.  Für seine „Pictures at an Exhibition“ setzt er den1874 entstandenen  Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky tänzerisch um, den der Komponist als Erinnerung an den Maler Viktor Hartmann geschaffen hat.  

Die Einstudierung erfolgte durch Amar Ramasar: fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer wandern gleichsam durch die Bilderausstellung. Wenn auch keine eigentliche Handlung erzählt wird, so setzt der Choreograf doch den Tanz in Bezug zu den Themen der Bilder, wie u.a. in „Gnomus“ die dunkle Seite aus einer Tänzerin herausgeholt wird oder vice versa, in „Baba Jaga“ das Böse sich in einem Tänzer ausdrücken soll. Eine interessante Bühnenbildlösung ist die Umformung der Farbstudie „Quadrate mit konzentrischen Kreisen“ von Wassily Kandinsky als Projection Design von Wendall K. Harrington. Die geometrischen Formen setzen sich in den Kostümen von Adeline André für das Ensemble fort: während die Damen kurze Hängekleidchen mit Tüllüberkleid anhaben, tragen die Herren ebensolche Oberteile zu hellen Hosen. Exquisit und frisch präsentieren sich Ketevan Papava und Francesco Costa, Claudine Schoch und Marcos Menha, Ioanna Avraam und Arne Vandervelde, Nina Poláková und Lourenço Ferreira sowie Maria Yakovleva und Roman Lazik.  Am Flügel brillierte die junge rumänische Pianistin Alina Bercu

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Martin Schlaepfer – Sinfonie Nr 15. Roman Lazik, Ketevan Papava- Foto: Ashley Taylor

Den Abschluss dieses Ballettabends bildet die Uraufführung von Martin Schläpfers „Sinfonie Nr.15“ zur Symphonie Nr 15 in A-Dur von Dmitri Schostakowitsch. 1906 in St. Petersburg geboren und 1975 in Moskau gestorben, ist das Leben von Schostakowitsch und vor allem sein künstlerisches Schaffen in der Stalinzeit geprägt von Furcht vor dem Regime. Seine letzte Symphonie kann man gleichsam als sein Requiem verstehen, wenn er es auch drei Jahre vor seinem Tod komponiert hat. Der erste Satz verführt zum trügerischen Schein einer Unbeschwertheit, die sich jedoch in der Folge als musikalische Aufarbeitung eines Lebens voller Höhen und Tiefen manifestiert. Zitate eigener wie auch Werke anderer Komponisten  sind ebenso enthalten – so u.a.  aus Rossinis „WilhelmTell“ oder aus Wagners „Walküre“ sowie „Tristan und Isolde“.  Martin Schläpfer hat sich in seinem Zugang zur Sinfonie viel mit dem Komponisten beschäftigt und seine persönliche Quintessenz – auch unter dem Eindruck der Pandemie stehend – hier verarbeitet. Wie auch in anderen Choreografien von Schläpfer sind hier ebenfalls viele kleine Details enthalten, die manchen vielleicht in ihrer Fülle erst beim mehrfachen Erleben auffallen werden, da auch die großen, sich durch das Werk ziehenden Linien gefangen nehmen. So treten z.B. zum Zitat aus „Wilhelm Tell“ Männer für einen kurzen Augenblick mit einem roten Apfel auf dem Kopf auf; an anderer Stelle mag ein auf der Bühne abgestellter Koffer versinnbildlichen, was man als Mensch in seinem Leben alles mit sich mittträgt, auf unerwartete Flucht vorbereitet ist oder es kann auch ein Anklingen an die letzte Reise sein, die man letztlich ohne Gepäck antritt. Der Mensch mit all seinem Empfinden steht hier im Mittelpunkt einer sich aus dem klassischen Ballett entwickelten Tanzsprache, die durch ungewöhnliche Hebungen auffällt; benutzt werden bei den Mädchen sowohl Spitzenschuhe als auch Schläppchen. Martin Schläpfer bezieht wie zuvor bei Mahlers 4. Sinfonie das gesamte Ensemble seines Wiener Staatsballetts ein, alle sind gleichrangig eingesetzt, Tänzerinnen und Tänzer in gleichem Maße. Bühne und Kostüme stammen von Thomas Ziegler, für das Licht zeichnet Robert Eisenstein verantwortlich. 

Robert Reimer gab mit dieser Ballettpremiere sein Debut als Dirigent an der Wiener Staatsoper. Er leitete das Orchester mit viel Verve und Umsicht und schuf so zum feinen tänzerischen Erleben auch die entsprechende edle musikalische Interpretation.

Das Publikum zeigte sich begeistert vom Gesehenen – es gab viel Applaus für alle Künstler dieses Abends.

Ira Werbowsky

PS: Schade, dass es keine Gelegenheit gab, die scheidenden Tänzerinnen und Tänzer beim letzten Auftritt auf der Bühne noch einmal zu würdigen. So seien sie auf diesem Weg genannt: Nina Poláková verlässt das Wr. Staatsballett und wird in der kommenden Spielzeit Ballettchefin am Slowakischen Nationaltheater in Bratislava. Sie tanzte in Wien ein reiches vielfältiges Repertoire und tanzte jetzt mit ihrem Mitwirken in „Pictures at an exhibition“ und „Sinfonie Nr. 15“ hier zum letzten Mal: 2005 wurde sie ins Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper engagiert, drei Jahre später avancierte sie zur Halbsolistin, 2010 zur Solotänzeirn und im darauffolgenden Jahr zur Ersten Solistin. Auch der Erste Solotänzer Robert Gabdullin verlässt die Wiener Compagnie – er ist u.a. noch als heldenhaft-strahlender Conrad aus „Le Corsaire“ in bester Erinnerung. Halbsolistin Maria Tolstunova und die Coprs de ballet-Tänzerinnen Erika Kováčová und Anna Shepelyeva sind ab Herbst ebenso nicht mehr dabei wie aus der Volksoper Suzanne Kertész und Marie-Sarah Drugowitsch.   

 

 

 

 

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