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WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett: „LUKÁCS / LIDBERG / DUATO“, – Tanzfantasien im Dämmerlicht. Premiere

06.03.2020 | Ballett/Tanz

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Nikisha Fogo und Masayu Kimoto. Foto: Ashley Taylor/ Staatsballett

Staatsoper: Premiere des Wiener Staatballetts

„LUKÁCS / LIDBERG / DUATO“, 4.3.2020 – Tanzfantasien im Dämmerlicht

Er hat seine Reize, dieser Abend mit drei Kreationen von Choreographen der mittleren Generation. Drei Tanzfantasien, alle im Dämmerlicht, welche von den überwiegend solistisch geführten Tänzern deren volles Können fordern. „LUKÁCS / LIDBERG / DUATO“ ist der Abend nach den Namen der Choreographen betitelt. Die Qualität der drei Piecen stimmt, doch die Stücke bleiben in ihren Aussagen für einen nicht so ganz eingestimmten, eher neutralen, nach gängiger Darstellung suchenden Betrachter wohl etwas zu verschwommen.      

Auf einen Spannungsaufbau, optisch wie musikalisch, hat András Lukács in seinen „Movements to Stravinsky“ so gut wie ganz verzichtet. Zuvor schon in der Volksoper gezeigt, nun ins Haus am Ring übernommen, gibt sich Lukács – seit 2005 Halbsolist im Wiener Ensemble und designierter  künstlerischer Chef des Györi Balett – einer Beschwörung in Schwarz-Weiß gehaltener reiner tänzerischen Harmonie hin. Schön anzusehende Körperornamentik, mit ästhetischen Bewegungsfolgen und nobel gedachten Formationen in schummriger Stimmung. Doch die Emotionen der zwölf TänzerInnen bleiben in diesem eigenartig zusammengefügten Strawinsky-Pasticcio (bestimmend: Sätze aus „Pulcinella“ und visuell Anklänge an die Commedia dell’Arte) leicht unterkühlt, und auch die dezent dargebotene Elegance führt zu keinem Aufwallen der Gefühle.

Originell ist die Idee zu „Between Dogs and Wolves“, eine Wiener Auftragsarbeit für Pontus Lidberg, einem 42jährigen Schweden mit Multimedia-Profession. Ebenfalls schwarzweiß gehalten: Neun Ballerinen in gleißend hellen Tutus exerzieren in einem dunkel weiten Raum, in dessen Hintergrund eine breite Glaswand den Blick in eine Schneelandschaft lenkt. Märchenhafte Videoprojektionen, ein Schattenspiel: Wölfe, durchaus gefällige, streifen draußen locker herum, lugen herein, und neugierig reagieren die Mädchen. Doch es sind Burschen, aus dem Dunkeln kommend, die sich auf die Ballerinen stürzen, diese zu bezwingen suchen. Der Mensch hündisch in seiner Begier. Ein turbulentes Hin und Her, ein nicht allzu übersichtliches, entwickelt sich zwischen den Wölfen und Hunden, und auch die zuerst gejagten Mädchen mutieren zu Jägerinnen. Solch ein Phantasieren könnte eher ein amüsant pointierendes Vexierspielchen ergeben, doch die unterlegt Musik rückt die kleine Story leicht ins Tragische: Lidberg folgt den Stimmungen von Dmitri Schostakowitschs für Kammerorchester  arrangiertem 10. Streichquartetts. Diese kontrastreiche wie empfindungsintensive Musik sensibilisiert, führt aber nur gelegentlich zu den dazu richtig passenden Tanzschritten.

„White Darkness“ wirkt als das überzeugendste Stück des Abends. Allerdings, als Vorgabe zum Verständnis wohl nötig: Nacho Duato, Jahrgang 1957 und als Chef durch die verschiedensten Kompanien wandelnder Spanier, hat diesen oft gespielten Einakter 2001 als Requiem auf den Tod seiner früh an Rauschgift verstorbenen Schwester kreiert. Zu verhalten moderat untermalenden Klängen von Karl Jenkins führen Madison Young und Jakob Feyferlik als anfassbare Protagonisten und vier weitere Paare ein in vielen Details choreographisch ausgefeiltes Sterbedramolett vor.

Alle drei Werke verlangen die virtuose Beherrschung des zur Zeit aktuellen Tanzstiles. Kein Problem für die Mitglieder des Wiener Staatsballetts. Erste Solisten, meist nicht in den Mittelpunkt gerückt, mischen sich hier kaum unterscheidbar mit ihren Kollegen des Corps de ballet. Alice Firenze, Iliana ChivarovaNikisha Fogo, Natascha Mair und Masayu Kimoto führen das zwölfköpfige Ensemble in „Movements to Stravinsky“ an. Im impulsiven Wechsel von Wolfsrudel und Hundemeute lassen sich die Typen kaum unterscheiden. Faycal Karoui ist der seriöse Dirigent dieses seriösen Abends, dem es in den fahlen Dämmerungen doch ein kleinwenig an Glanz mangelt.

Meinhard Rüdenauer

 

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