Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett: „LE SACRE“ und „LE PAVILLON D´ARMIDE“ – LEGENDE NIJINSKY UND DER UNAUFHALTSAME UNTERGANG. Premiere

19.02.2017 | Ballett/Tanz

19.2.2017: Ballettpremiere – „LE SACRE“ und „LE PAVILLON D´ARMIDE“ – LEGENDE NIJINSKY UND DER UNAUFHALTSAME UNTERGANG 

Pavillon_2140293_Yakovleva x
Maria Yakovleva. Copyright: Wiener Staatsballett/ Ashley Taylor

Der Bogen dieses anspruchsvollen zweiteiligen Ballettabends spannt sich über ein Jahrhundert bis in das Jahr 1909. Als Serge Diaghilews Kompanie „Ballets Russes“ erstmals in Paris gastierte und mit „Le Pavillon d´Armide“ in der Choreographie von Michail Fokin einen überwältigenden Einstandserfolg feiern konnte. Die Tänzerlegende von Vaslaw Nijinsky hatte damals ihren Anfang genommen. Und John Neumeier aus Milwaukee, Jahrgang 1942, der bereits als Junger seiner Seelenverwandtschaft zu Nijinsky nachgegangen ist, hat in späteren Jahren mehrere Kreationen zum Thema Nijinsky und dessen tragischem Leben geschaffen. Neumeier ist der große Gefühlsdenker unter den Choreographen während der Aufbruchsstimmung der europäischen Ballettszene in den 60er, 70er Jahren gewesen. Als höchst kreativer Chef des Hamburger Balletts sind ihm der Reihe nach von klarem Intellekt wie von absoluter Musikalität gesteuerte stets ästhetisch erarbeitete Kreationen geglückt. Einige dieser Erfolgsstücke sind auch in die Wiener Staatsoper übernommen worden, und nun ist ein weiterer eindrucksvoller Abend hinzugekommen.

Heute: Vom Wiener Staatsballett erneut zu einer Einstudierung eines Abends in die Staatsoper eingeladen, hat Neumeier das Konstrukt einer Kombination zweier Nijinky betreffender Werke gewagt. Seiner choreographischen Version aus dem Jahr 1972 von Igor Strawinskis „Le sacre de printemps“ – 1913 in der Choreographie von Nijinsky uraufgeführt und als einer der größten Skandalabend in die Musikgeschichte eingegangen – hat er seine 2009 für das Hamburger Ballett geschaffenes Nijinsky-Paraphrase „Le Pavillon d’Armide“ vorangestellt. Die spätromantisch aufrauschende Musik von Nikolai Tscherepnin erzählt von einer traumhaften Vision in einem nächtlichen Garten mit Jagdpavillon, in welchem einem jungen und liebenden vorbeiziehenden Visconte die Zauberin Armida mit ihrem grotesken Gefolge (Nijinsky: damals deren Lieblingssklave) ein Fest der Liebe und ein Bacchanal erleben lässt, im Morgengrauen jedoch im Nichts verschwindet. In seiner völlig eigenständigen Fassung aber führt Neumeier das Publikum in eines dieser Sanatorien, in welchen Nijinsky, von Nervenzusammenbrüchen getrieben und an Schizophrenie erkrankt, interniert gewesen ist. Erscheinungen seiner von ihm früher dargestellten Figuren drängen sich dem Leidenden auf. Teils in Bedrückung, teils in erinnernder Beglückung. Der Geist der Rose, der Faun, der Sklave oder Petruschka erscheinen ihm in farbigen Imaginationen, wechseln ab, führen ihre tradierten historischen Tänze vor. Doch wieder, immer wieder: Dem seelisch Zerrissenen ist es nicht möglich, seinem verhängnisvollen Geschick zu entfliehen.

Ihrer Tragik, hilflos in einer wogenden Menschenmasse eingepferchte Individuen zu sein, kann sich auch die große Schar der TänzerInnen im brutalen Sog von „Le Sacre“ nicht entziehen. Nackt – also in fleischfarbenen knappen Trikots – lässt Neumeier sie völlig ruhig, gleichsam mit unterdrückten Gefühlen, nach und nach auf die Bühne schreiten. Ohne Musik. Sensibilität ist noch zu spüren, doch jegliche Persönlichkeit ist ihnen bereits genommen. Von der Kraft des mitreissenden Rhythmus der Musik gehetzt, ergeben sich ständig neu formierende Gruppierungen. Maschinenmenschen bereits: Gewalt ausgesetzte oder mit drohendem Gestus oder nach Flucht Ausschau haltende Kreaturen. Zu ahnen ist: Es wird eine Opferung geben müssen. Ein Leichnam liegt bereits am Boden. Sie alle könnten das nächste Opfer sein. Doch aus der gesichtslosen Masse herausgelöst ist es schließlich ein Mädchen, welches sich, ganz allein im Dunkel gelassen, in einem langen atemberaubenden Solo zu Tode tanzt.    

Rebecca Horner ist am Premierenabend dieses Opfer gewesen, und bravourös meisterte sie ihre von Neumeier geforderte totale Selbsthingabe. Und bravourös konnte sich Mihail Sosnovschi in die Rolle des psychisch erkrankten Nijinsky einleben. Somit: Das ganze Ensemble präsentierte sich in beiden Stücken erneut perfekt einstudiert von seiner virtuosen Seite. Mit Roman Lazik (Arzt), Nina Poláková (Nijinskys Frau Romola), sowie mit Maria Yakovleva, Nina Tonoli, Denys Cherevycko in der Traumsequenz im Park der Nervenklinik.

Für nicht wenige der in Nijinksy Lebensweg kaum eingeweihten Premierenbesucher stellte sich allerdings auch ein größeres Fragezeichen: Für sie hat sich hier eine überzeugend klar erzählte Geschichte wohl nicht ergeben. Der Wucht von „Le Sacre“ bis hin zum unaufhaltsamen Untergang konnte sich jedoch kaum jemand entziehen. Ioanna Avraam, Alice Firenze, Eszter Ledán, Francesco Costa, Eno Peci und Masayu Kimoto sind dabei die weiteren getriebenen Protagonisten gewesen. Und, dies ganz sicher, Dirigent Michael Boder hat das Orchester bei Strawinski auf Hochspannung getrimmt. 

Meinhard Rüdenauer 

 

Diese Seite drucken