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WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett: „FORSYTHE / VAN MANEN / KYLIÁN“. Premiere

Drei alte Moderne und ihre feingeistigen Kunstprodukte

15.04.2019 | Ballett/Tanz

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Jakob Feyverlik, Maria Yakovleva. Foto: Ashley Taylor/ Staatsballett

Ballettpremiere in der Wiener Staatsoper: „FORSYTHE / VAN MANEN / KYLIÁN“, 14.4.2019: – drei alte Moderne und ihre feingeistigen Kunstprodukte

Als „Artifact Suite“ ist das erste Stück des neuen Ballettabends bezeichnet: ‚Werkzeug-Suite‘ übersetzt. Oder aus dem Englischen eine Spur nobler ausgedrückt: ‚Kunstprodukt‘. Als Körper-Arbeitsgeräte stehen die über fünf Dutzend TänzerInnen auf der dekorationslosen dunklen Bühne, vollführen in zeitlich sehr unterschiedlichen Sequenzen auf faszinierend präzise Art (oder: gedrillt) einen ungemein einfallsreich ausgedachten Bewegungsfluss. Anonyme  Gestalten, anfangs und teils auch später wie Stelen aufgereiht. Seelenlose Staturen – auch wenn zuerst eine Violin-Chaconne von Johann Sebastian Bach diese choreographischen Symmetrien und Figurationen untermalt, im Verlauf der vierzigminütigen tänzerischen Prozedur dann das eingespielte präparierte Klavier der Eva Crossman-Hecht rhythmisch lebendig wechselnden Sound dazu liefert.  

Der New Yorker William Forsythe, Jahrgang 1949, hat seine abendfüllende Piece „Artifact“ 1984 für das Frankfurt Ballett konstruiert, später dann allerdings auf eine in ihrer Wirkung durchaus intensiv ansprechende „Artifact Suite“ zugeschnitten. Heute, über drei Jahrzehnte danach, könnte man diese überlang geratene Etüde wohl auch als ein Paradebeispiel der vormals so oft postulierten Postmoderne bezeichnen. Und auch die beiden anderen Choreographen des Abends, Hans van Manen und Jirí Kylián, zählen zu den richtungsweisenden Kreativen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Stücke von allen diesen drei von neoklassischer Ballettkultur geprägten Tanzpionieren der Moderne – reife Herren, alte Meister nun – sind wiederholt im Repertoire des Wiener Opernballetts zu sehen gewesen. 

Hans van Manen, Jahrgang 1932, ist als künstlerischer Leiter des Nederlands Dans Theaters prägend für ein an frischen Gedanken reiches zeitgenössische Tanztheater in Holland gewesen. Mehr und mehr hat er mit den Jahren zu subtilen kleineren Kreationen gefunden. 1982 etwa zu Erik Saties Klavierstücken „Trois Gnossiennes“: Zart, feinfühlig aufeinander eingehend von Maria Yakovleva und Jakob Feyferlik nachempfunden, ruhig geführt von Pianistin Lauren Lisovich mit auf der Bühne herumgeschobenem Klavier. Oder „Solo“ (1997), wieder auf ein eingespieltes Bach-Violinsolo: Drei gut gelaunte, sich lebendig in Szene setzende Solisten (Denys Cherevycko, Richard Szabó und Géraud Wielick) präsentieren sich in virtuosen Soli, vereinen sich ganz kurz zum Abschied.

Der heute 72jährige Prager Jirí Kylián, als Tänzer geprägt vom Stuttgarter Ballett und hierauf als Choreograph prägend für das Nederlands Dans Theater, kreierte für dieses 1979 seine „Psalmensymphonie“ (hier: CD-Einspielung des Opernorchesters). Igor Strawinkis dreiteiliger Chorsymphonie stimmungsmäßig in der Aussage folgend – etwa Verzweiflung / Gott erhört das Flehen / Gotteslob. Doch der stets sehr klar und überlegt organisierte Bewegungsfluss von acht Paaren mit sich wechselnden Reihungen macht sich selbstständig, setzt sich über die diffizilen Inspirationen der Musik hinweg, lässt ebenfalls an postmodernen Manierismus denken. Demnach, zum gegebenen Erfolg des Abends: Modern zwar, doch nichts Neues im Haus. Und nicht neu auch, so gar nicht überraschend: Eine hundertprozentig stimmige Leistung aller Mitglieder des Wiener Staatsballetts, der Solisten wie des Corps.

Meinhard Rüdenauer

 

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