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WIEN/ Staatsoper: SOLO-KONZERT MICHAEL SPYRES – MATHIEU PORDOY. Konkurrenzlose Stimmschönheit

28.4.2026:  Solo-Konzert MICHAEL SPYRES – MATHIEU PORDOY

Konkurrenzlose Stimmschönheit

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Michael Spyres. Copyright: Marco Borelli/Salzburger Festspiele

 

BariTenor Michael Spyres, US-Amerikaner mit Wiener Studentenbackground, Jahrgang 1979, einer der ganz Großen der derzeitigen Opernzunft, ist bei einem Solo-Konzert an der Wiener Staatsoper zu Gast: Diese Konzertreihe holt renommierte Opernsänger meist mit Pianisten vor den eisernen Vorhang, und es in deren Belieben, ob sie Opernarien oder Lieder oder einen Mix aus beidem zum besten geben oder in einer Cross-over-Session ihr breites Spektrum präsentieren.

Spyres und sein französischer Pianist Mathieu Pordoy – dieser ist dem Wiener liedkundigen Publikum vor allem als einfühlsamer Begleiter von Sabine Devieilhe in Erinnerung – haben es sich bei der Programmauswahl nicht leicht gemacht und präsentieren vor nahezu ausverkauftem Haus einen bunten Strauß von großteils romantischen Liederzyklen von Beethoven (An die ferne Geliebte), Wagner (Wesendonck-Lieder), Mahler (Lieder eines fahrenden Gesellen), R. Strauss (4 Lieder op.27) und Korngold (Unvergänglichkeit).

Die Stimme des US-Amerikaners ist von nahezu konkurrenzloser Schönheit, samtig weich und honiggleich in der Mittellage und Tiefe – in der hohen Mittellage mit der Fähigkeit gesegnet, das Volumen nach Belieben an- und abschwellen zu lassen und – kommend aus dem Tenor-Belcantofach – mit grundsätzlich gut funktionierender Höhe: Ein sängerisches Multitalent von der Regimentstochter zum Tristan über das Largo al factotum zu Operettenmelodien, und auch das Liedgut ist ihm nicht fremd. Ein wahrer Glücksfall für das Klassik-Publikum. Dazu kommt noch seine sehr sympathische Ausstrahlung.

Ist der Beethoven-Zyklus mit der vorgeschalteten Adelaide als mehr als gefällige wohltönende „Aufwärmrunde“ gedacht, entfaltet Spyres bei den Wesendonck-Liedern – er hat gerade eben mit großem Erfolg an der MET als Tristan debütiert – sämtliche Facetten seines reichen Könnens. Mit geradezu perfekter baritonaler Grundfärbung gemahnt seine Interpretation an die ganz großen Wagnersänger der Vergangenheit. Die Träne, das Unglück, die nicht stillbare Sehnsucht – all dies ist in seinem satten Timbre angelegt. Bei Im Treibhaus und Schmerzen kommen diese Eigenschaften besonders zur Geltung.

Es ist zweifelsohne eine große Herausforderung in Wien, und gerade an der Staatsoper Mahler zu singen: Hier kann Spyres ein weiteres seiner vielen Atouts ausspielen: Die Wort- und Textdeutlichkeit. Keine noch so kleine Phrase bleibt unverstanden oder ohne Bedeutung. An dieser Stelle sei auch sein akzentloses Deutsch gelobt. Das Unglück und das nur vermeintliche kurze Glück – beides ist in Spyres’ warmen Tönen.

Dass Richard Strauss ebenso in seiner Stimme liegt, hat er bereits mit seinem Bacchus bewiesen, und er wird es demnächst als Kaiser in Aix-en-Provence unter Beweis stellen, so gelingen auch die „Gassenhauer“ Ruhe, meine Seele, Cäcilie, Heimliche Aufforderung und Morgen! vorzüglich, vielleicht schleicht sich die eine oder andere Unsauberkeit in der Höhe ein, die aber dem Gesamteindruck keinen Abbruch tut.

Eine besondere Begegnung findet mit dem Liederzyklus Unvergänglichkeit von Erich Wolfgang Korngold (Text: Eleonore van der Straaten), komponiert 1933 vor seiner zunächst temporären, dann endgültigen Emigration in die USA, uraufgeführt 1937, statt, den Spyres mit besonderer Innigkeit interpretiert – Korngold ist wohl für ihn als US-Amerikaner eine Brücke zwischen diesen beiden Kontinenten: Dieser ging von Europa in die USA, Spyres von den USA – zumindest für zahlreiche Auftritte – nach Europa. All dies zeigt, dass schöne und berührende Musik und deren kongeniale Interpretation keine kontinentalen Grenzen kennt.

Mathieu Pordoy ist ein temperamentvoller, aber auch achtsamer Klavierbegleiter, mit viel Selbstbewusstsein, aber auch immer ein Diener an der Musik.

Nur ein Wunsch bleibt an diesem Abend offen: Vielleicht lernt das Staatsopernpublikum, zwischen den Liederblöcken nicht zu applaudieren.

Sabine Längle

 

 

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