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WIEN / Staatsoper: Solistinnenkonzert mit LISE DAVIDSEN

Ein breiter, bunter, begeisternder Bogen von Skandinavien über Italien bis nach Wien

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James Baillieu, Klavier, Lise Davidsen, Sopran. Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: Solistenstenkonzert mit LISE DAVIDSEN

28. September 2023

Von Manfred A. Schmid

Nach glanzvollen Auftritten als Sieglinde in Walküre, als Ellen Orford in Peter Grimes sowie in der Titelrolle von Ariadne auf Naxos, präsentiert sich die norwegische Sopranistin dem erwartungsvollen Wiener Publikum nun auch in einem breitgefächerten Solistinnenkonzert. Das Programm mit Liedern und Arien, das am Schluss auch noch Exkursionen ins Operetten- und Musicalgenre einschließt, bringt die gestalterische Vielfalt von Lise Davidsen eindrucksvoll zum Strahlen. Begleitet vom exzellenten Pianisten James Baillieu eröffnet sie den Abend mit einer Reverenz vor ihrem Landsmann Edvard Grieg.  Drei Lieder, in norwegischer Originalsprache dargeboten, entführen in die skandinavische Seelenwelt, handeln von gefährlichen Liebesbeziehungen und von elterlicher Zuneigung. Griegs dramatisch aufgeladenes Lied „Dromme“ (Träume) ist dann eine gute Überleitung zum nächsten Programmpunkt, in dem Davidsen in der Arie „Sola, perduta, abandonnnata“ aus Puccinis Manon Lescaut bereits voll in die Opernwelt eintaucht.  Wie auch im darauffolgenden „Morrò – ma proma on grazia“ aus Verdis Un ballo in maschera geht es um erschütternde, herzzerreißende Klagen von Frauen, die von Davidsen auch im höchsten Register mit bewundernswerter Leichtigkeit und imponierender Ausdruckskraft gestaltet werden. Dass sie auch in der Tiefe reiches Stimmmaterial anzubieten hat, kommt besonders in „Morró“ klar zum Ausdruck. Ergreifend dann das zarte, schicksalsergebene „Ave Maria“ der Desdemona aus Otello.

Mit vier Liedern von Jean Sibelius gibt es dann wieder ein skandinavisches Zwischenspiel, gegenüber Grieg noch dunkler und schwermütiger gestimmt und von Davidsen mit enormer Intensität und schattiger Farbigkeit auf Schwedisch vorgetragen. „Var det en dröm?“  (War das ein Traum? Und „Svarta rosor“ (Schwarze Rosen) prägen sich tief ein und wird man nicht so rasch vergessen.

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Lise Davidsen

Mit Richard Wagners „Dich, teure Halle“ aus Tannhäuser beschließt Davidsen den ersten Teil, bevor es in die Pause geht. Ein besonders wichtiges Stück, sozusagen ihre Vistenkarte, wie sie, die den einzelnen Blöcken ihres Programms gerne ein paar einleitende Worte voranstellt, dem Publikum erklärt. Mit dieser Arie sei sie bei zwei internationalen Wettbewerben, darunter auch Operalia, siegreich angetreten. Da aber auf der Bühne der kürzlich verstorbene Stephen Gould „ihr erster Tannhäuser“ gewesen sei, widmet sie diesen Programmpunkt dem zutiefst betrauerten und schwer vermissten Sänger. Das für sie auch die Staatsoper diese „teure Halle“ sei, wurde selbstverständlich auch erwähnt. Dass das die überaus sympathische, mit strahlender Bühnenpräsenz und Charme ausgestattete Sängerin vor wenigen Wochen bei ihrem Soloabend an der MET (mit einem weitgehend identische Programm) auch schon gesagt haben dürfte, kann wohl angenommen werden.

Etwas ruhevoller, aber dennoch eindringlich beginnt der zweite Teil mit einer – in Zeiten wie diesen leider höchst aktuellen -Bitte um Frieden: „Pace, pace, mio Dio!“ aus Verdis La forza del destino. Darauf folgen vier Lieder von Franz Schubert, ein Komponist, den man nicht unbedingt bei einem Konzertauftritt dieser Sängerin erwartet hätte. Eine durchaus gelungene Überraschung. Dass ihr dramatische, aufwühlende Stücke wie das rastlose, von innerer Unruhe und quälender Ungewissheit geprägte „Gretchen am Spinnrade“ und der geradezu opernhaft packend gestaltete „Erlkönig“ liegen könnten, war wohl anzunehmen, doch auch das inbrünstige Bekenntnis „Du holde Kunst“ und die berührend dargebotene „Litanei auf das Fest Allerseelen“ gelingen ihr vorzüglich. Und gerade bei Schubert kann auch James Baillieu, Davidsens famoser Partner am Klavier (Steinway), das zuvor bei den Grieg-Liedern einen unsauber gestimmten tiefen Ton offenbart hat, sein Einfühlungsvermögen und seine meisterhafte Kompetenz als Liedbegleiter unter Beweis stellen.

Schließlich wird es mit Leonores „Abscheulicher! … Komm, Hoffnung“ aus Beethovens Fidelio nochmals höchst dramatisch, bis dann der Abend mit dem beschwingten Csárdás „Heia, heia, in den Bergen“ aus Kálmáns Csárdásfürstin, bei dem das Publikum auf Davidsens Zeichen hin zum Mitklatschen eingeladen ist und gerne mitmacht, und dem schwungvoll dargebotenen Bekenntnis „I Could Have Danced All Night“ aus Frederick Loewes My Fair Lady einen fröhlich-mitreißenden Ausklang findet.

Begeisterter Applaus und Zugaben, darunter ein betörend schönes „Vissi d’arte“. Man kann nur hoffen, die Sängerin bald wieder auf der Bühne der Staatsoper zu sehen und zu hören.

 

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