22.9. Solistenkonzert FLORIAN BOESCH, Bassbariton, MALCOLM MARTINEAU, Klavier
Franz Schubert, Winterreise, D 911

Es geschah zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres, dass der vielbeschäftigte niederösterreichische Bass Günther Groissböck seinen geplanten Auftritt bei einem Solistenkonzert der Wiener Staatsoper absagen musste, und es ist Florian Boesch, derzeit in der Endphase der Blaubart-Proben an der Wiener Staatsoper, zu danken, dass er kurzfristig gemeinsam mit einem der wohl besten Liedbegleiter der Gegenwart, dem Schotten Malcolm Martineau, den Abend übernommen und ein eigenes Programm gestaltet hat.
So stellt sich Boesch mit einem der Meisterstücke der Liedkunst, Schuberts Winterreise (nach Gedichten von Wilhelm Müller), dem Prüfstein für jeden erstklassigen Liedsänger dem Staatsopernpublikum vor.
Ganz generell ist die intime Gattung des Kunstliedes, begleitet von einem – im Vergleich zu einem üblicherweise dort auftretenden großen Orchester – zarten Klavier, in Aufführungsstätten von der Dimension einer Wiener Staatsoper nicht besonders gut aufgehoben, geht doch die Privatheit dergestalt leicht verloren. Auch ist die Ausdruckspalette begrenzter, entschwinden leise Phrasen allzu leicht im großen Zuschauerrund.
Die Winterreise ist dazu ein besonderes Pflaster, ein melancholisch todessehnsüchtiger Weg der Einsamkeit, der grundsätzlich Raum für eine große Bandbreite von Interpretationsmöglichkeiten bietet, letztlich allerdings den Protagonisten ganz allein mit sich, der Natur und seinen Erinnerungen belässt. Einzig im letzten Lied bekommt er einen Begleiter – wer auch immer Der Leiermann sein mag: Er selbst, seine eigene Erinnerung, der Tod.
Nun feierte der österreichische Bassbariton Florian Boesch, zudem Professor an der mdw, seine großen Erfolgen als Oratoriensänger und weniger auf die Opernbühne, und so gestaltet sich die musikalische Darbietung im gegebenen Setting als zwiespältig:
Die ersten Lieder heben noch kraftvoll an, auch verdeutlicht Boesch die seiner Interpretation zu Grunde liegenden massiven inneren Konflikte des Reisenden auf geradezu beklemmende Weise, sieht man bis zum Lindenbaum fast einen Psychopathen die Stationen (s)einer Liebe durchmachen, vereinigt er sich bei diesem, dem wohl berühmtesten Lied des Zyklus, ganz mit der Natur und tritt in Diskus mit der besungenen Pflanze. Das im Werk generell angelegte Zwiegespräch mit der Natur ist ein großer Topos bei Boesch, der sich durch den ganzen Abend zieht.
Vieles von dem, was nun nach dem Lindenbaum kommt, ist sehr zurückgenommen, weist zahllose gehauchte Passagen auf (auch dort, wo sie nicht unbedingt angelegt sind wie beispielsweise beim Frühlingstraum), resignierend das Irrlicht, todessehnsüchtig Der greise Kopf, sehr verhalten Der Wegweiser, bevor sich Boeschs Reisender bei Mut doch noch einmal aufbäumt und die Nebensonnen und den Leiermann als letzte innere Emigration interpretiert.
Insgesamt vermag die Stimme nicht vollends auszudrücken, was die Gesten zeigen, bleibt der doch vielfach angestrengt wirkende Gesang hinter der persönlichkeitsstarken (quasi-)szenischen Gestaltung des Künstlers zurück. Fast ist es beizeiten so, als würde Malcolm Martineau die Führungsrolle bei der Liedinterpretation übernehmen, dessen pianistische Fähigkeiten sämtliche Amplituden der von Schubert so einzigartig komponierten Gefühlsregungen des einsamen Reisenden dem Publikum kongenial zu Gehör bringen.
Sabine Längle

