18.2. 2026 Solistenkonzert ANNA NETREBKO
Die Frau, die (fast) alles kann.

Die Primadonna assoluta lädt zum Solistenkonzert: Sie gibt dabei nicht etwa einen Arien- und/oder Liederabend, sie inszeniert sich als Gesamtkunstwerk inmitten ihrer Entourage und unterhält dabei blendend: Ihr zur Seite, ihr langjähriger Klavierpartner Pavel Nebolsin, der zumeist als (nahezu) gleichwertiger Begleiter agiert, der junge Violonist Kurt Mitterfellner und ihre sehr geschätzte Bühnenpartnerin, Mezzosopranistin Elena Maximova. In einem abwechslungsreich zusammengestellten Programm zeigt sie, dass sie als vielbegehrte Abigaille und Turandot auch noch ein kleines romantisches Mädchen auf der Suche nach dem großen Glück geblieben ist.
Anna Netrebko startet bühnentauglich als Adriana Lecouvreur und legt mit „Io son l’umile ancella“ gleich einen großen Auftritt mit Cape und Maske hin, lässt sich an einem bereit gestellten Rokokotischchen nieder und spielt die Bühnendiva.
Es folgt ein wenig vom russischen Liedgut – mit Tschaikowski, der auch im zweiten Teil des Abends eine bedeutende Rolle spielt, hat sie insgesamt ihre stärksten Momente: Alles, was dieser Komponist an Leid, Dramatik, Emotion in seine Musik gelegt hat, ist in ihrer Stimme angelegt und wird zum Ausdruck gebracht. Es ist vor allem die Düsterkeit, das Unentrinnbare, das nachklingt.
Für Strauss’ „Ständchen“ fehlt hingegen das Liedhafte, sie legt die Interpretation mit zu viel Diven-Power an, Morgen gelingt besser, und mit der dem Wiener Publikum vorenthaltenen Ariadne auf Naxos findet sie zu einem der Höhepunkte des Abends: Wieder ist es bei „Es gibt ein Reich“ das Düstere, das Todessehnsüchtige, das ihre Stimme, die in den richtigen Momenten zu großer Dramatik zu finden, aber auch fast geflüstert zu klingen vermag, konkurrenzlos ausdrücken kann.
Mit „Depuis le jour“ aus Charpentiers Louise tut sie sich keinen Gefallen, das Jungmädchenhafte, Flirrende, Zarte, das dieser französische Komponist seiner Titelheldin in die Kehle gelegt hat, ist nicht hörbar.
Dem folgt Léo Delibes Blumenduett aus Lakmé, ein wahrer auch abseits der großen Bühnen bekannter Straßenfeger, bei dem Elena Maximova ihren ersten Auftritt hat, das die beiden Damen mit großem Charme und viel Innigkeit gestalten.
Sie setzen nach der Pause mit dem Duett Lisa/Polina aus Pique Dame fort: Auch hier ein kongeniales Miteinander zweier dunkler saftiger Stimmen. Darauf folgt der bereits erwähnte Tschaikowski-Part, um sodann zu einem in dieser Qualität nicht erwarteten weiteren Höhepunkt des Abends, nämlich der Szene und Arie der Giulietta aus Bellinis I Capuleti e i Montecchi „Eccomi in lieta vesta… Oh! quante volte“ , zu finden. Mit welcher Delikatesse Netrebko diese Kavatine des Belcanto-Giganten aus Catania meistert, wie schnell das junge verliebte Mädchen in Verona vor den Augen der Zuseher ersteht, war von größter Klasse.
Für die dann gegebene lebenshungrige, aber doch lyrische Nedda hingegen fehlt es wieder an der Leichtigkeit der Stimme, „Stridono lassù“ aus Leoncavallos I Pagliacci ließ zwar Freiheitsdurst, nicht aber Zartheit hören.
Pavel Nebolsins Zwischenspiele sind weit mehr als bloße kleine Abwechslungen: Astor Piazzollas Arrangement von Libertango, aber auch der Pas de deux aus Tschaikovskis Nussknacker zeigen kraft- und seelenvolle Momente, auch Kurt Mitterfellner kommt mit süßen Geigenklängen nicht nur in der Divenbegleitung zu solistischen Ehren, sondern auch unter anderem mit Tschaikovskis Valse sentimentale.
Die Damen erscheinen zuletzt venezianisch maskiert als Niklausse/Giulietta für die Barcarolle – in Stimme und Darstellung ersteht die Lagunenstadt und der dort stattfindende üble Betrug am „pauvre Hoffmann“.
Einen entzückenden Überraschungsmoment bietet die erste Zugabe „Aprite presto aprite“ aus dem 2. Akt der Nozze di Figaro, in dem das russische Diven-Dreamteam plötzlich die kecke mädchen- und bubenhafte Almaviva-Entourage gibt, natürlich nicht ohne den Sprung aus dem Fenster zu simulieren.
Mit Ernesto de Curtis’ Gassenhauer „Non ti scordar di me“, arrangiert für das gesamte Quartett, wird der Abend mit viel Temperament beendet: Keine Sorge, wir vergessen euch nicht!
Sabine Längle

