Wien/Staatsoper: SIEGFRIED: Leuchtende Liebe, lachender Tod
Die Wiener Wagner-Festwochen erreichen mit Siegfried ihr nächstes Level
Mit Siegfried haben die Wiener Wagner-Festwochen ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Dabei ist es nicht nur die Qualität der Besetzung, die diesen Abend zu einer Sternstunde
macht. Es ist die seltene Konstellation, in der alles zusammenfindet: ein inspiriertes Dirigat, ein glänzend disponiertes Orchester und eine Bühne voller Künstler, die nicht nur auf
höchstem Niveau singen und spielen, sondern sichtbar Freude daran haben.
Allen voran steht Andreas Schager. Es ist inzwischen fast müßig geworden, seine Leistungen im Wagner-Fach zu loben, weil man Gefahr läuft, sich zu wiederholen. Doch was er als Siegfried leistet, bleibt schlicht atemberaubend. Kein anderer Tenor verkörpert diese jugendliche Kraft derzeit so selbstverständlich und überzeugend. Schon im ersten Akt springt, rennt und hämmert er durch Mimes Schmiede, als gäbe es keine physikalischen Grenzen. Allein vom Zuschauen bekommt man Muskelkater. Die Schmiedeszene gerät zu einem Kraftakt von beinahe sportlicher Dimension, und dennoch bleibt die Stimme jederzeit frei, strahlend und unangestrengt. Die Höhen sitzen, die Kraftreserven scheinen unerschöpflich.
Noch beeindruckender ist, dass Schager die Rolle inzwischen mit einer Souveränität ausfüllt, die ihm Raum für spielerische Details lässt. Wenn er den in einen Wurm verwandelten Riesen Fafner zum ersten Mal erblickt und spontan ein verblüfftes „Boah“ in die Szene wirft, wenn er mit Mimik, Gestik oder kleinen Reaktionen auf seine Umgebung kommentierend eingreift, entsteht jene Natürlichkeit, die den oft unterschätzten Humor dieses Werkes freilegt. Siegfried ist schließlich die komödiantischste Oper der Tetralogie. Dass dabei gelacht werden darf, ist kein Verrat an Wagner, sondern entspricht dem Geist des Stücks. Und wenn der Protagonist dabei selbst sichtbar Vergnügen hat, überträgt sich diese Freude unmittelbar auf das Publikum.
Der erste Akt gehört allerdings nicht Schager allein. Gerhard Siegel gestaltet Mime erneut als wahre Paraderolle. Ähnlich wie sein legendärer Herodes verbindet er vokale Präzision mit einer bis ins Detail ausgearbeiteten Charakterzeichnung. Jede Phrase sitzt, jede Geste hat Bedeutung. Sein Auge zuckt wirklich. Siegel gelingt das Kunststück, Mime zugleich lächerlich, gefährlich, bemitleidenswert und berechnend erscheinen zu lassen.
Das Triumvirat des ersten Aktes komplettiert Michael Volle als Wanderer. Was soll man über einen Sänger schreiben, der sich längst als Maßstab etabliert hat? Für mich bleibt Volle die Autorität seiner Generation im Wagner-Fach. So wie er als Sachs in den Meistersingern eine nahezu konkurrenzlose Stellung einnimmt, besitzt auch sein Wotan eine außergewöhnliche Präsenz. Die Stimme verbindet Macht mit Menschlichkeit, Größe und Stärke mit Verletzlichkeit. Man hört nicht nur einen Gott, der seine Herrschaft an die nächste Generation verliert, sondern einen Mann, der um die Grenzen seines eigenen Wirkens weiß.
Anderthalb Stunden dauert dieser erste Akt – und diese rund 90 Minuten fliegen nur so dahin. Manches Fußballspiel hat sich da für mich schon deutlich länger angefühlt. Im zweiten Akt fügt sich Georg Nigl als Alberich nahtlos in das hohe Niveau des Abends ein. Für sein Rollendebüt an der Wiener Staatsoper beeindruckt er sowohl darstellerisch als auch vokal. Sein Alberich besitzt Schärfe und Bitterkeit, aber auch jene innere Zerrissenheit, die die Figur weit mehr sein lässt als bloß den dämonischen Gegenspieler der Götter.
Spätestens im dritten Akt erreicht der Abend dann jene Dimension, die den Siegfied zu einem singulären Erlebnis macht. Für mich gehört dieser dritte Akt musikalisch ohnehin zu einem der schönsten Teile der gesamten Tetralogie. Die Begegnung zwischen Wotan und Erda besitzt eine geheimnisvolle Größe, die in dieser Aufführung von Michael Volle und Wiebke Lehmkuhl eindrucksvoll gestaltet wird. Doch der eigentliche Gipfel folgt mit der Erweckung Brünnhildes.
Camilla Nylund zeigt hier einmal mehr, warum sie zu den außergewöhnlichen, herausragenden Wagner-Interpretinnen unserer Zeit zählt. Ihre Brünnhilde besitzt nach wie vor Leuchtkraft, Höhe und Tragfähigkeit. Zugleich hört man immer noch die lyrischen Wurzeln dieser Stimme. Nylund singt die Partie, sie deklamiert sie nicht.
Ihre Brünnhilde ist keine „Brüllhilde“, sondern ein Mensch, der nach dem Verlust seiner Göttlichkeit Angst, Unsicherheit und Verletzlichkeit entdeckt. Gerade dadurch gewinnt die Figur berührende Glaubwürdigkeit. Die große Liebesszene wird nicht zur vokalen Kraftdemonstration, sondern zu einem emotionalen Erwachen zweier Menschen, die zum ersten Mal wirklich leben und lieben.
Auch im Graben scheint sich während dieser Festwochen von Aufführung zu Aufführung etwas entwickelt zu haben. Unter Pablo Heras-Casado wirken Orchester und Bühne mittlerweile vollkommen aufeinander abgestimmt und eingeschworen. Gerade im dritten Akt entfalten sich die unzähligen Leitmotive mit bemerkenswerter Klarheit. Die Tempi stimmen, die Dynamik atmet, die großen Steigerungen besitzen Glut und Leidenschaft, ohne jemals ins Grobe abzugleiten. Die Musik leuchtet von innen heraus.
Und genau darin liegt die besondere Qualität dieses Abends: Er wird zum echten Gesamtkunstwerk. Die Energie kommt nicht nur von der Bühne, sondern ebenso aus dem Graben. Die Sänger tragen das Orchester, das Orchester trägt die Sänger, und alles bewegt sich auf denselben Höhepunkt zu.
Andreas Schager bleibt dabei das pulsierende energetische Zentrum. Trotz seiner enormen Erfahrung wirkt er auf der Bühne immer noch wie ein Kind, das sich unbändig darüber freut, genau das tun zu dürfen, was es am meisten liebt. Diese Begeisterung ist echt, ansteckend und vielleicht das größte Geschenk, das ein Künstler seinem Publikum machen kann.
Der Jubel am Ende war entsprechend überwältigend. Nicht enden wollender Applaus, stehende Ovationen und bereits bei den Zwischenvorhängen mehrfach wiederholte Beifallsstürme – etwas, das selbst an der Wiener Staatsoper selten passiert. Diesmal war es vollkommen verdient.
Leuchtende Liebe, lachender Tod: Die Wiener Wagner-Festwochen haben mit Siegfried tatsächlich das nächste Level erreicht. Eine Aufführung voller Energie, Humor, Leidenschaft
und musikalischer Schönheit. Eine Sternstunde.

