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WIEN/ Staatsoper: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL. 2. Vorstellung der Premierenserie


Christian Nickel und Lisette Oropesa. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/Staatsoper:  „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“

Wenn man etwas mit Worten allein nicht mehr ausdrücken kann – da hilft nur mehr SINGEN!

16.10. 2020 – 2. Aufführung

Karl Masek

Auch die 2. Premiere der Direktion Bogdan Roščić ist eine Übernahme einer bereits bestehenden Inszenierung.  Nur, um es einmal festzuhalten: Von 10 Opernpremieren von September bis Juni (das ist vermutlich so viel wie seit Menschengedenken nicht!) sind allerdings nur 2 wirkliche Eigenproduktionen (die Erstaufführung von Henzes „Das verratene Meer“ und die Kirill-Srebrennikow-Inszenierung des „Parsifal“).  Am Ende dieser ersten Spielzeit wird zu beurteilen sein, ob diese programmatische Taktik grundvernünftig war (wenn sie das Repertoire des Hauses mit stilbildenden Inszenierungen aufgepeppt haben wird) oder nicht sonderlich mutig, wenn sich herausstellen sollte, dass da nicht nur kultige Opernevents dabei waren. In diesem Fall würde der Ruf nach einer „eigenen“ und couragiert(er) künstlerischen Handschrift des Hauses bald lauter werden. Doch geben wir dem „Neuen“ eine angemessene Schonfrist“!  

 Diesfalls  hat die Regiearbeit bereits 22 Jahre auf dem Buckel, stammt aus Stuttgart (dem Württembergischen Staatstheater). Hans Neuenfels, Regiealtmeister und ein „Fels des so genannten deutschen Regietheaters“, inszenierte dort  nach eigenen Angaben 1998 seine erste Mozart-Oper. Mit einer eigenen Dialogfassung (Ursprünglicher Text von Christoph Friedrich Bretzner, bearbeitet von Johann Gottlieb Stephanie d.J.).  Belmonte wird ja in dieser von Mozart dringend urgierten Bearbeitung mit grundlegender Textänderung  vom verloren geglaubten Sohn des Bassa Selim zum Sohn von Selims politischem Todfeind, der ihm einst die Geliebte raubte und ihn zwang, das Vaterland zu verlassen. An Belmonte soll ein Racheexempel statuiert werden. Doch der Bassa schenkt allen vier Protagonisten mit den bitteren Worten „Wen man durch Wohltun nicht für sich gewinnen kann, den soll man sich vom Hals schaffen“ die Freiheit.

Der oft erbitterte Streit um eine viel beschworene Werktreue ist beim Singspiel des 25-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart ziemlich obsolet.  Das Libretto war für Mozart ein Gebrauchstext, den er sich bereits „zeitgeistmäßig“ zurechtbasteln ließ und keineswegs „unantastbare Literatur“ (Die Zeit des kongenialen Lorenzo Da Ponte war noch nicht gekommen).  Zwischen den Varianten ‚Zurechtstutzen des Sprechtextes/Sprechtext völlig weglassen/Eigene Dialogfassung‘ entschied sich Neuenfels (wie etliche vor ihm) für Letzteres. Für den Hausgebrach des ausgehenden 20. Jhts., mit heutiger Sprache.

Eine Kult-Inszenierung wurde im Vorfeld angepriesen. Eine Lesart, die sich dem Opernstoff tiefenpsychologisch nähert.. Künstlerisches Hilfsmittel: Alle Gesangsrollen werden „verdoppelt“ und bekommen ein Alter Ego zur Seite gestellt. Jede/r hat sozusagen ein Zweites Gesicht, kämpft bei dieser Geschichte oft genug „mit sich selbst“ bzw. gegen eigene Schwächen an. Eine Geschichte, nicht nur über Fremd- , sondern auch über Selbsterfahrung. „Man ist ja nicht nur jemand anderem fremd, sondern man ist auch sich selbst fremd. Es sind Identifikationsprobleme, die der Fremde auslöst, und deswegen lässt die doppelte Besetzung auch diese Entfremdung spüren…“, so Neuenfels in einem Interview.

Die Grundgedanken Neuenfels‘ hören sich plausibel an, und er ist ja (auch in seinen Essays zu seinen Inszenierungen) ein brillanter Rhetoriker. Man liest derlei mit Vergnügen und Gewinn. Aber, wie das so oft bei intellektuell basierten Konzept-Inszenierungen ist: Vom Konzept zur Bühnenumsetzung, das kann ein steiniger Weg sein! Schon die Umsetzung in eine spezielle Bewegungs-Choreographie: Ein Doppler-Effekt birgt die Gefahr, zu einem „Synchronschwimmer-Theater“ auszuufern. Die Einleitungsszene mit Belmonte 1-Belmonte 2  („… und führe mich ans Ziel…“) ließ da Schlimmes befürchten. Natürlich, Neuenfels, der schlaue Fuchs und Theaterpraktiker, beließ es dann keinesfalls bei diesem running gag, weil diese Form der Synchronität, wenn die nicht wirklich punktgenau umgesetzt wird, leicht ins Lächerliche kippen kann. Dass Neuenfels (auch hier Theaterpraktiker!) den Sängern in seiner Dialogfassung vor den durchwegs äußerst schwierigen Arien stimmliche Ruhepausen gönnt (denn da sprechen Belmonte 2 – Christian Natter, sehr präzise -, Konstanze 2 – Emanuela von Frankenberg, sie gibt ihrer Sprechrolle scharfes Profil – und Osmin 2 – Andreas Grötzinger – er ein schlankes, sportives Gegenüber für Osmin, den Aufseher, die Texte. Blonde 2  blieb ziemlich unauffällig (Stella Roberts). Ludwig Blochberger (Pedrillo 2) sorgte für skurril-heitere Verkleidungsmomente.

Die stärkste Szene (und natürlich hat sich Neuenfels Substantielles gedacht!) spricht Konstanze 2  in Momenten tiefster Verzweiflung zu ihrem Alter Ego: SINGEN! BITTE SINGEN! Siehe Untertitel!

 Für Bassas schon etwas heruntergekommenen Palast (mit Bühne auf der Bühne) war Christian Schmidt (Bühnenbild) verantwortlich. Für das Lichtdesign sorgte Stefan Bolliger.  Die Kostüme (Bettina Merz)  waren ein Mix aus „historisierend“  (die lächerliche schweinsrosa Gewandung für die Pedrillos) und Abendkleid, aus „very british“ (Blonde 1 und 2) und Frack für den Bassa Selim – die einzige Figur, die ungedoubelt bleibt.

Zur Dialogfassung (keine Angst, zur Musik komme ich auch noch!): Hier beweist Neuenfels einigen Sinn für Selbstironie, wenn es etwa heißt: „Endlich, allein als Sänger auf der Bühne! Auf d i e s e r Bühne!“ Oder, am Beginn der Entführungsszene: „Wo ist denn die Leiter?“ – „Welche Leiter?“ – „Na, die Leiter, die wir an dieser Stelle doch immer brauchen!“ So witzig das gemeint war, so umständlich kommt da manches rüber. So mit einem Hau-Ruck-Humor und Pointen mit Anlauf, wie das klischeehaft den Norddeutschen oft zugeschrieben wird („Blonde 2“ zu „Osmin 2“: „Du kennst keine Engländerinnen: Queen Elizabeth! Miss Marple! Winston Churchill!“ Osmin, nach einer Gedankenpause: „Churchill, das ist doch keine Frau!“). Purer Klamauk beim Abtransport des abgefüllten Osmin 1 in einem Perserteppich (also doch noch etwas Orientalisches!): Pedrillo 2 zu Pedrillo 1: „Achtung! Der Orchestergraben!“

A propos Pause. Der Dirigent Antonello Manacorda betonte in Interviews, ein Dirigent müsse mit seinen Tempi, seiner musikalischen Interpretation immer mitinszenieren. Besonders auffällig war es, dass er überlange szenische Fermaten (auch mitten in Konstanzes und Belmontes Arien) 1:1 umsetzen lässt. Wer immer da den Ton angegeben haben mag: Das wirkte unmotiviert, ziemlich willkürlich und erleichterte den SängerInnen das ohnedies strapaziöse Bühnenleben keineswegs. Er begann rasant und mit farbiger Terrassen-Dynamik mit der Ouvertüre, gestaltete  akzentuiert die alla-turca –Momente (sehr gut die Huldigungschöre für den Bassa der Chor der Wiener Staatsoper, Einstudierung: Martin Schebesta). Doch etliche Tempo-Extreme (im Lauf des Abends immer mehr zu einer zögerlichen Langsamkeit tendierend) irritierten eher als zu überzeugen. Auch Manacorda bekam im Vorfeld viele Vorschusslorbeeren. Für mich blieb sein Dirigat  schlussendlich enttäuschend. Das Orchester der Wiener Staatsoper klang an diesem Abend eher mäßig inspiriert, sieht man von einigen fein gelungenen Soli ab, etwa die Kantilenen des samtigen Bassetthorns  in der Konstanze-Arie: „Traurigkeit ward mir zum Lose“.

Hier aber auch einer von einigen Momenten, in denen der listige Fallensteller Neuenfels  dem Publikum Rätsel aufgibt: Was sollte der Knabe, der während dieser Arie ein Beistell-Tischchen mit einem  Apfel drauf hereinbringt? Was sollte der Ringelreihen, den Blonde bei „Welche Wonne, welche Lust“ in einem weißen Papagena-Federkostüm mit den lieben kleinen dottergelb kostümierten Kinderlein tanzen muss? Was sollte die Alu – Puppe (?), die Belmonte während der „Baumeister“- Arie ansingen soll? Und vor allem nach dem Schlussensemble(!): Was sollte das Mörike-Gedicht ‚Denk‘ es, o Seele!‘, von Bassa Selim heruntergelesen? Das Stück ist ja aus, und wir haben alles leidlich „verstanden“. Aber vielleicht sind das Momente, wo dem alten Provokateur nix mehr eingefallen ist und er einfach noch irgendwas tun musste, damit das Aug‘ und Ohr  des Betrachters beschäftigt bleibt?

Das ist dann Regietheater mit viel Patina. Und kein Grund zur Aufregung. Das Publikum der 2. Aufführung in dieser Inszenierung  blieb gelassen.

Lisette Oropesa führte als Konstanze die Besetzung an. Sie war die Einzige, die an diesem Abend Jubel einheimste. Bei ihren Auftritten mündete das Sing-Spiel in berührende, innige  Momente. Sie meisterte alle Klippen dieser Rolle bravourös. Sie war  als Leidbereite, Standhafte, tief Verletzte (als Belmonte auch noch an ihrer Treue zweifelt) von glaubhaftem Leidenspathos. Eine anfangs flackernde Tongebung nützte sie geschickt zu einer zusätzlichen Steigerung des Ausdrucks ein. Höhepunkt: eine fulminant durchlittene Martern-Arie.


Christian Natter, Daniel Behle, Michael Laurenz, Ludwig Blochberger. Foto: Michael Pöhn

Dichtauf in der Gunst des Publikums war Daniel Behle, der feine, noble Mozartstilist, als Belmonte. Er spielte den spanischen Edelmann mit Eleganz, wie auch der Arroganz, mit der er auf die Entführung durch die Seeräuber und auf das Betragen des Osmin reagiert. Er bemühte sich nach Kräften, das Regiekonzept mit Leben zu erfüllen, war in jedem Moment pointensicher (die Auseinandersetzung mit Osmin im 1. Akt) und präzise. Stimmlich setzte sein Edeltenor schönstimmig und wortdeutlich die Akzente. Bei der Arie „Wenn der Freude Tränen fließen“ setzte er alles daran, dass die Betonung doch eher auf der Freude als auf den Tränen lag. Die oft gestrichene Baumeister“-Arie, ob ihrer besonderen Schwierigkeit und der unangenehm tiefen Lage von vielen Tenören gefürchtet, sang Behle mit müheloser Souveränität, der auch des Dirigenten Schneckentempi und überlange Generalpausen zwischen den Strophen nichts anhaben konnten.

Mit beträchtlichem Qualitätsabstand die übrigen: Regula Mühlemann blieb als Blonde erstaunlich blass, setzte eine ohrenscheinlich schöne Stimme (was CD-Aufnahmen belegen) ziemlich verhalten ein. Vielleicht eine nicht so günstige Abendform?

Michael Laurenz scheint mir stimmlich dem Pedrillo bereits entwachsen zu sein. „Frisch zum Kampfe“ meisterte er mit Anstand, auch bemühte er sich um quickes Spiel und Wortdeutlichkeit. Wie kann man aber dieses charmante Mozart-Chancon „Im Morgenland gefangen war…“ derart betulich und bieder buchstabieren?

Goran Jurić kam bei der Premiere schlecht weg und musste nach „Oh, wie will ich triumphieren“ sogar Buhrufe einstecken. Er begann mit resonanzreichem Bass, der sich um böse Töne und scharfe Diktion bemühte. Sehr wortdeutlich war er, und jedenfalls kein Bassbuffo. Im Laufe des Abends baute er ab und es gab allzu deutlich Defizite bei den Kellertiefen.

Eine Kult-Inszenierung?  Das ist hier die Frage.     

Karl Masek     

 

 

 

 

 

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