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WIEN / Staatsoper: SALOME

11.05.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
SALOME von Richard Strauss
201. Aufführung in dieser Inszenierung
11.Mai 2012

Ein Abend wie dieser muss in der Vorbereitung der wahre Alptraum für eine Operndirektion sein. Die Hauptdarstellerin kommt abhanden, weil sie anderswo (wenn auch im eigenen Haus) einspringen muss. Man findet eine Newcomerin, Turandot vom Dienst vieler Häuser (diesen Sommer auch in Verona), über die es im Internet einiges Lobende nachzulesen gibt. Gut. Dann sagt Falk Struckmann ab – man findet Markus Marquardt, der schließlich ab nächster Spielzeit Ensemblemitglied des Hauses ist. Mitglieder sind als Backup da, zum Einspringen verpflichtet, er tut es. Dass sich allerdings der Herodes so kurzfristig verabschiedet, dass er mit rosa Zettel unter der Abendbesetzung angekündigt wird – da kann man wohl froh sein, statt Thomas Moser rasch noch   Wolfgang Schmidt aufgetrieben zu haben… Kurz, von den vier angesetzten Hauptdarstellern war am Ende eine übrig. Da möchte man nicht in den Schuhen des Direktors und seines Betriebsbüros stecken…

Nicht alles ist so glanzvoll ausgefallen, wie man es hätte erhoffen können. Freilich, der erste Blick auf Lise Lindstrom, deren Name so schwedisch klingt, die aber offenbar ein originales, sogar blondes Californian Girl, ist bestrickend: wirklich jung und anmutig beweglich, schlank und rank, unter dunkler Lockenperücke ein interessantes Gesicht, hübsch wie eine junge Barbara Wussow. Von ihr kann man einen Tanz erwarten, und der kommt auch nach Erwartung – leicht und locker, nicht das Gekrampfe älterer Damen, sondern die wahre Verführung, wenn man ein Pädophiler ist wie der gute Herodes, dem sie sich zwar kurz nackt zeigt, nicht aber dem Publikum. Und das muss ja wohl nicht sein. Es wäre zu wünschen, man könnte über die  Stimme der Dame so viel Gutes sagen wie über die Darstellung, aber dem ist nicht so: Sie hat, und das macht sie zur Turandot für oberflächliche Gemüter (und wohl auch zur Salome) eine „Bombenhöhe“ aus Schwedenstahl, aber sonst leider gar nichts. Eine kaum hörbare Mittellage, keine zusammenhängende Gesangslinie, nur die Fähigkeit, sich relativ sicher und mit Heroinen-Aplomb in der hohen und höchsten Höhe zu bewegen, und auch das nur im forte und fortissimo. Was sie singt, ist selten als Deutsch zu erkennen, aber das wäre zweitrangig: Das Publikum, das sie umjubelte, hat nur die Spitzentöne gehört, aber überhört, dass rundum weder Stimme noch (vor allem!) Technik genügen.

Noch schlimmer war die Begegnung mit der zweiten Dame des Abends, denn Lise Lindstrom bedeutet uns emotional nichts weiter (vielleicht ändert sich das einmal, sie ist ja noch jung), aber mit Gwyneth Jones verbindet uns, seit sie 1966 in Fidelio einspringend unsere Herzen gewann, eine lange Geschichte. Ihren künstlerischen Höhepunkt erlebte sie wohl vor rund 35 Jahren, als sie im Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ die denkbar schönste, ergreifendste Brünnhilde sang (glücklicherweise auf DVD erhalten). In Wien konnte man ihren ungeheuren Ehrgeiz erleben, sich durch alles durchzusingen, was hochdramatisch war, ob Italienisch, ob Deutsch (wo ihr Schwerpunkt bei Brünnhilde, Kundry und Isolde, Färberin und Elektra lag). Das Spielplanarchiv der Staatsoper (man kann nicht genug dafür danken) macht das Nachblättern in der Erinnerung leicht – offenbar hat man sie 1995 als Ortrud und Marschallin und (ja!) Salome zuletzt gesehen. Nun war nach 17 Jahren das Comeback angesagt, in jenem „Altersfach“, in dem die Rysanek einst brilliert hat und es heute Silja oder Baltsa tun (was nicht heißt, dass es nicht wohltuend ist, die Herodias von einer jungen Kulman-Stimme zu hören…). Die Enttäuschung war schlimm: Für ihre 75 Jahre sieht die Jones noch immer königlich aus (abgesehen davon, dass sie sich von einem „Sklaven“ vernünftigerweise über alle Treppen helfen ließ), optisch ein morbides Monster von eindeutigem Charisma, aber es sind kaum noch Stimmreste vorhanden, man hörte sie schlechtweg nicht, und mehr als einmal war es Gekrächze statt minimalem Sprechgesang. Sie hatte doch eine so gloriose Karriere – das sollte sie sich und dem Publikum nicht antun.

Noch eine Dame: Alisa Kolosova sang erstmals den Pagen, sehr ordentlich, besser jedenfalls als Marian Talaba an diesem Abend den unglücklichen Narraboth. Noch ein Name erhielt jenen Kringel, der einen Hausdebutanten anzeigt – Oliver Ringelhahn, den man aus der freien Szene wohl kennt, trat als erster Jude erstmals auf Staatsopernbretter und fügte sich mit Peter Jelosits, Michael Roider, Wolfram Igor Derntl und Walter Fink zu jenem Keif-Quintett, das in Wiener „Salome“-Aufführungen eigentlich immer gelingt. Auch die anderen kleinen Rollen waren zufrieden stellend besetzt.

Anstelle der Damen reüssierten die Herren: Wolfgang Schmidt war in seiner Zeit als Wagner-Held (wie hat man über seinen Siegfried die Zähne geknirscht!) nie so überzeugend wie jetzt, da er seine scharfe, durchdringende, so glänzend geführte Stimme im Charakterfach einsetzen darf – ein idealer Herodes, der in seiner Darstellerung vor allem leichtfertige Züge bekommt, ohne dass er die Figur hysterisch oder neurotisch überzeichnet. Im Gegensatz zu seiner fast stummen Gemahlin war seine selbstverständliche Stimmkraft ein Vergnügen.

Das galt auch, zumindest längere Zeit hindurch, für Markus Marquardt als Jochanaan, eine kernige Stimme, besonders in der Tiefe wunderbar sonor (das klang teilweise nach Belcanto!), ein wenig angestrengter bei höheren Passagen der Rolle und als der Abend fortschritt. Aber insgesamt eine sehr gute Besetzung der Rolle.

Was man auch von Ulf Schirmer sagen kann (dass er eine sehr gute Besetzung war): Bei Strauss spielt das Orchester ja immer besonders stark und besonders virtuos mit, und abgesehen davon, dass der Dirigent die „Hitze“ der Musik und des Geschehens bis zum schrankenlosen fortissimo peitschte, hatte der Abend Schwung und Dynamik. Und wie gesagt, eine umjubelte Debutantin in der Titelrolle. Ja, wenn’s halt mit ein paar Schmettertönen getan wäre!

Renate Wagner

 

 

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