WIEN: Salome/ Wiener Staatsoper, 6.5.2026
…. Wie schön war die Prinzessin Salome gestern Nacht! …

Foto: Kurt Vlach
Der gestrige Abend ließ mich ziemlich enthusiastisch zurück – selten noch habe ich eine derart spannende Aufführung gesehen – beginnend mit den Tönen, die Dirigent Sebastian Weigle dem Orchester der Wiener Staatsoper entlockte. Das waren schon Urgewalten, die aus dem Orchestergraben tönten. Es wurden vielleicht nicht allzu viele Subtilitäten rausgearbeitet, aber das passte sehr gut zu diesem wirklich intensiven Abend.
Cyril Teste war es beschieden, die allseits beliebte Produktion von Boleslaw Barlog vor drei Jahren ablösen zu müssen, die wirklich sehr stimmig war. Allen Unkenrufen zu Trotz ist diese Neufassung durchaus gelungen und gehört sicherlich zum Besten, was in dieser Hinsicht die Ära Roscic zu bieten hat. Die Idee, die Person von Salome quasi dreizuteilen, ist nach einem kurzen Moment der Verwirrung auch nachvollziehbar. Neben der „Hauptsalome“ übernehmen zwei „Mini-Mes“ die Aufgabe, einerseits noch vorhandene Tendenzen von Kindlichkeit darzustellen (Clara Keil), andererseits Teile des Tanzes der sieben Schleier zu mimen (Tatjana Jankovic).
Äußerst gelungen empfand ich auch die Video-Wand im Hintergrund (Design Mehdi Toutain-Lopez), auf die man einerseits sehr stimmige Landschafts-/Wüstenbilder projizierte (inklusive zum Schluss einen Blutmond), aber auch Nahaufnahmen der Tischgesellschaft (die ja im Text erwähnt wird) projiziert werden – da hat Jakob Pitzer als Kameramann wirklich gute Arbeit geleistet. Als Beispiel benenne ich, wie man großflächig mitansehen muss, wie der – von Gerhard Siegel ganz großartig gesungene – Herodes seine Stieftochter zu berühren vesucht. Die Widerlichkeit dieser Gestalt wird in dieser Produktion unglaublich drastisch vor Augen geführt – in dieser Intensität habe ich das selten so empfunden.
Was noch dazukommt – in den meisten Szenen, in denen sich Herodes an Salome heranmacht, wird diese von dem einen jungen Mädchen gespielt, was diese geifernde Widerwärtigkeit noch an die Spitze treibt. Cyril Teste hat hier tolle Arbeit geleistet.
Eine spezielle, stumme, Rolle wird auch dem Henker (Alexandre Cardoso da Silva – ein Mitglied des Balletts) zuteil, der den „Kopf“ des Jochanaan (in Maskenform) der Salome übergibt und mit dem sie dann eine Art Pas de Deux simuliert.
Daniel Jenz lieferte auch eine eindrucksvolle Charakterstudie des verliebten Narraboths ab, für mich sicherlich die beste Leistung, in der ich ihn bis dato sah. Und auch da waren es wieder die Kleinigkeiten, die diesen Abend so außerordentlich machten. Im Vergleich zu anderen Inszenierungen, wo sich Salome nach dessen Selbstmord – um es auf gut wienerisch zu sagen – „einen Dreck um ihn schert“, liefert hier die „kleine Salome“ ein ganz anderes Bild ab. Teste lässt hier parallel zwei Salomes auftreten, um wohl auch die Zerrissenheit des Charakters – noch Kind aber sehr wohl auch berechnende Frau – zu zeigen.
Als Herodias überzeugte Monika Bohinec, die sich in den letzten Jahren zu einer der Hauptstützen des Ensembles entwickelt hat.
Stimmgewaltigst und mit großer Ausstrahlung war Tomasz Konieczny ein beeindruckender Jochanaan, der nur an und ab bei höheren Lagen etwas unsauber klang. Im Gesamteindruck aber sicherlich mit der beste Prophet, den ich in den letzten 20 Jahren an der Staatsoper hörte.
Simonas Strazdas machte als Erster Soldat auf sich sehr positiv aufmerksam, während Dohoon Lee genauso blass wirkte wie die beiden Nazarener (Attiloa Mokus und Jusung Gabriel Park). Zuverlässig im positiven Sinne waren als Page Isabel Signoret und als Sklave Wolfram Igor Derntl. Von den fünf Juden war Thomas Ebenstein der auffälligste, die anderen vier – Andrea Giovannini, Carlos Osuna, Evgeny Solodovnikov und Hiroshi Amako waren, wie man so schön sagt, rollendeckend.
Und dann war da noch Lidia Fridman. Wow…
Sie hat einen etwas dunkleren, dramatischen Sopran, den man immer wieder bei russischen Sängerinnen vorfindet. Ihre Aussprache war akzentfrei – und wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass sie erst vor fünf Jahren als „Young Artist oft he Year“ bei den International Opera Awards nominiert wurde, muss man diese Leistung (für ihr Alter!) um so höher einschätzen. Fridman hat noch ein wenig Schwächen bei den tieferen Passagen, allerdings macht sie das durch ihre Dramatik, ihre Mittellage und Höhen mehr als wett. Wie man es von einem Darsteller im 21.Jahrhundert verlangt kann sie sich wunderbar bewegen, die Kamera fing auch ihr Mienenspiel beeindruckend ein. Fridman ist eine Sängerin, die alles hat, um zu einem internationalen Superstar zu werden!
Nachdem der letzte Ton des Werkes verklungen war, gab es erst einmal ein bis zwei Sekunden Stille, bevor der große Applaus losbrach. Auch das hatte ich schon lange nicht mehr erlebt -und diese zwei Sekunden, die das Publikum einfach brauchte, um das Gesehen und Gehörte zu verarbeiten, waren meiner Meinung nach das größte Lob, das man den Beteiligen spenden konnte.

Schlussapplaus: Foto: Kurt Vlach
Bei den Einzelvorhängen erhielten neben Lidia Fridman noch Gerhard Siegel (der fast so viel Applaus wir Fridman erhielt) und Daniel Jenz viel Zuspruch. Und naturgemäß auch das Orchester der Wiener Staatsoper.
Kurt Vlach

