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WIEN/ Staatsoper: SALOME – vorletzte Vorstellung dieser Inszenierung.

WIEN / Staatsoper: „SALOME“ –  14.03.2022

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Claudia Mahnke, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

 Und wieder heißt es von einer geliebten Operninszenierung Abschied nehmen zu müssen. In der nächsten Spielzeit werden nicht nur die beliebten Inszenierungen von Mozarts „Le nozze di Figaro“ (Jean-Pierre Ponnelle) und Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Otto Schenk) durch Neuproduktionen ersetzt, sondern auch die Inszenierung von Richard Strauss‘ „Salome“, die Boleslaw Barlog in der traumhaften Jugendstil-Ausstattung von Jürgen Rose für die Wiener Staatsoper geschaffen hat. Die Premiere am 22.12.1972 unter der musikalischen Leitung von Karl Böhm mit der Besetzung Hans Hopf (Herodes), Grace Hoffman (Herodias), Leonie Rysanek (Salome), Eberhard Waechter (Jochanaan) und Waldemar Kmentt (Narrraboth) war geradezu ein Weihnachtsgeschenk für das Wiener Publikum. (Ein Live-Mitschnitt davon wurde bei RCA veröffentlicht.)

In insgesamt 250 Vorstellungen konnte man dann bis heute u.a. Hans Beirer, James King, Heinz Zednik und Kenneth Riegel als Herodes, Astrid Varnay, Ruth Hesse, Helga Dernesch, Leonie Rysanek, Anja Silja, Elisabeth Kulman und Waltraud Meier als Herodias, Gwyneth Jones, Karan Armstrong, Grace Bumbry, Hildegard Behrens, Catherine Malfitano, Eva Marton und Mara Zampieri als Salome, Bernd Weikl, Theo Adam, José van Dam, Bryn Terfel, Franz Grundheber und Michael Volle als Jochanaan, Adolf Dallapozza und Thomas Moser als Narraboth in dieser Inszenierung erleben.   

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Jennifer Holloway als Salome. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

In dieser letzten Aufführungsserie feierte nun Jennifer Holloway in der Titelpartie zwar nicht ihr Wien-Debüt (das fand 2019 im Wiener Konzerthaus statt, als sie in einer konzertanten Aufführung des 1. Aktes der „Walküre“ die Sieglinde sang), aber ihr fulminantes Debüt an der Wiener Staatsoper. Sie führt ihre Stimme mit perfektem Registerwechsel bruchlos von den gut fundierten Tiefen zu strahlenden Höhen. Einziges Manko ist die Durchschlagskraft ihres Soprans, der für die großen Orchesterfluten an der Wiener Staatsoper noch etwas zu klein ist. (Nähere Bemerkungen dazu etwas später.) Mit ihrem mädchenhaften Spiel ist sie auch darstellerisch eine überzeugende Prinzessin.

Das Tetrachen-Paar war in der Vergangenheit leider nicht immer gut besetzt. Aber diesmal hatte die Wiener Staatsoper zwei ausgezeichnete Sänger aufgeboten: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist eine Idealbesetzung für die Rolle des lüsternen Herodes, ein wahrlich großer Sängerdarsteller mit exzellenter Wortverständlichkeit und mit königlichem Charisma.

Die Herodias wird meistens von einer Sängerin im Spätherbst ihrer Karriere gestaltet, wobei man dann auch oft Abstriche bei der gesanglichen Leistung hinnehmen muss. Nicht so bei Claudia Mahnke, die mit ihrem warmen Mezzosopran wunderbar textverständlich singt und nie ins Keifende abgleitet. Dabei bietet sie auch darstellerisch ihrem Tenorpartner Paroli.

Überaus stimmschön präsentierten sich Daniel Jenz als Narraboth und Margaret Plummer als Page. Die übrige Besetzung (Thomas Ebenstein, Andrea Giovannini, Carlos Osuna, Robert Bartneck und Artyom Wasnetsov als Juden, Sergey Kaydalov und Michael Arivony als Nazarener, Wolfgang Bankl und Dan Paul Dumitrescu als Soldaten, Johannes Gisser als Cappadocier und Alejandro Pizarro-Enriquez als Sklave) war zufriedenstellend.

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Erik Van Heyningen (Jochanaan). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Corona-Krise ist leider immer noch nicht vorbei. Fast jeden Tag muss man zittern, ob die angekündigten Vorstellungen überhaupt stattfinden, und wenn ja, mit welcher Besetzung.  Während die Volksoper an diesem Abend die Aufführung von Lehárs „Land des Lächelns“ ersatzlos absagen und einen Schließtag einlegen musste, hatte die Wiener Staatsoper da schon mehr Glück. Es zahlt sich nun aus, dass Direktor Bogdan Roščić bereits bei Amtsantritt ein Opernstudio eingerichtet hat. So konnte durch die kurzfristige Absage von John Lundgren die Partie des Jochanaan mit Erik Van Heyningen besetzt werden. Der 28-jährige amerikanische Bariton ist Träger zahlreicher Preise und Auszeichnungen. 2017-2018 war er im Opernstudio der Michigan Opera, 2018-2020 studierte er an der Juilliard School in New York, seit 2020 ist er Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper. Bisher sang er im Haus am Ring nur kleinere Partien, den Jochanaan sang er aber bereits 2019 beim Spoleto Festival (USA). Erik Van Heyningen besitzt einen kernigen, dunkel gefärbten Bariton, der für die Partie des Jochanaan ideal erscheint. Allerdings ist das Volumen der Stimme für die Wiener Staatsoper noch nicht groß genug. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass er bereits jetzt an einem kleineren Haus eine Idealbesetzung des Propheten sein könnte. Womit wir wieder einmal bei einem Grundsatzproblem wären.

Es gibt heute kaum noch Dirigenten mit guten Kapellmeisterqualitäten. Gewiss, was Thomas Guggeis an Klangqualität aus dem Orchester der Wiener Staatsoper herausholte, war exzellent, ein Strauss-Klang, den man wohl nur in Wien zu hören bekommt. Guggeis baut vom ersten Moment an Spannung auf und badet sich in orgiastischen Klangeruptionen. Aber leider gehört auch er zu den vielen Dirigenten, die auf die Sänger keine Rücksicht nehmen. Darunter litt gelegentlich die Sängerin der Titelpartie, aber vor allem der junge Bariton, der durch sein Einspringen die Vorstellung rettete. Ein guter Kapellmeister hätte darauf Rücksicht genommen (Berislav Klobučar z.B. hätte den jungen Sänger durch die Vorstellung getragen ohne ihn zuzudecken). Doch Thomas Guggeis nahm darauf keine Rücksicht und hielt starr an seiner Lautstärke fest. Dass auch ein großer Dirigent ein guter Kapellmeister sein kann, hat Christian Thielemann schon oft bewiesen. Herr Guggeis hat diesbezüglich noch viel zu lernen.     

Herzlicher Beifall für alle Beteiligten. Warum allerdings beim Solo-Vorhang von Jennifer Holloway sich ein lautstarker Buh-Rufer Luft machte, blieb völlig unverständlich.

Alle, die diese Inszenierung noch einmal sehen wollen (oder überhaupt noch nie gesehen haben), haben am Mittwoch die letzte Gelegenheit dazu. Und dann wird leider wieder eine gute Inszenierung völlig unnötigerweise durch eine Neuinszenierung ersetzt. Und wie die ausfallen wird, bleibt abzuwarten.

 Walter Nowotny

 

 

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