1.5. 2026: SALOME

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Cyril Testes Sichtweise auf Strauss/Wildes Drama über die blutrünstige Prinzessin gehört zu den geglückten Neuproduktionen der derzeitigen Intendantenära. Er verortet das Geschehen durchaus konventionell bei einem Bankett eines Herrscherhauses, der Prophet fristet tatsächlich im Untergeschoß sein Gefangenendasein, der textlich oft zitierte Mond ist allgegenwärtig. Bei Salome, die sogar zwei Doubles ihr eigen nennen darf, handelt es sich offenbar um ein missbrauchtes Kind. Ob dies allein ihre Perversität erklärt? Eher wohl auch das nicht sehr liebevolle Umfeld, man denke nur an ihre sehr ehrgeizige Mutter.
Bei Sebastian Weigle, an der Wiener Staatsoper gelegentlich Gast, ist die verwöhnte Prinzessin in besten Händen: Gemeinsam mit dem blendend disponierten Orchester kreiert er wahre Strauss’sche Klangwelten, fast schon selbstverständlich mit besonderer Betonung des musikalisch angelegten, zuckersüß kitschig klingenden Violinentons. Niemals fehlt es an Spannung, alle Schwüle, alle Hitzigkeit wird kongenial umgesetzt, die dunklen Töne des Propheten ebenso, dazu kommt der wilde, klug aufgebaute Tanz, die spannungsgeladene Enthauptung und der flirrende Schlussgesang. Nichts anderes war zu erwarten – trotzdem ist es immer wieder ein Wunder, wie konkurrenzlos das Orchester gerade bei diesem Komponisten agiert.
Mit Spannung war das Salome-Debut der jungen russischen Sopranistin Lidia Fridman erwartet worden, die vor einem Jahr schon als Norma überzeugen konnte. Fridman ist sicherlich keine ausschließlich dramatische Sopranistin, ihre Stimme ist gerade und schlank, mit etwas herben Untertönen, fast kühler Färbung. Passend dazu legt sie ihre Interpretation mit gehöriger Distanz an: Dieses Mädchen ist gebrochen und emotional abgestorben. Gesten und Bewegungen sind langsam und beherrscht. Und genau so zieht sie (fast) alle Blicke auf sich. Bruchlos gelingen die dramatischen ebenso wie die lyrischen Momente, die sie beide bei ihrer Begegnung mit Jochanaan einsetzt. Sie schmeichelt ihrem Stiefvater gegenüber bei der Artikulation ihres doch etwas ungewöhnlichen Wunsches, nach dessen Erfüllung folgt fast ein Sprechgesang, mit den letzten Worten erhebt sie sich kraftvoll, aber nie schrill. Ihr deutsch ist – nahezu – akzentfrei: Eine großartige Leistung!
Als ihr Objekt der Begierde steht mit Tomasz Konieczny ein alter Bekannter in der Zisterne. In gewohnter Souveränität artikuliert er die Prophezeiungen des Jochanaan, in diesem lauert der Göttervater, der es gewohnt ist, dass er das Gewünschte erreicht. Unbeirrbar schleudert er der jungen Dame sein Missfallen entgegen. Insbesondere seine dramatischen Momente gelingen ausgezeichnet.
Auch Gerhard Siegels Herodes ist dem Staatsopernpublikum bereits bekannt: Er liefert stimmlich und darstellerisch eine beklemmende Charakterstudie eines getriebenen, angsterfüllten Neurotikers ab, der bestimmt von den ihn umgebenden Damen angsterfüllt deren Wünsche erfüllt. Schwach, sich aber doch seiner Herrscherstellung bewusst, am Ende dann angeekelt weiß er sich mit hellem, gleißenden Tenor nicht anders als mit der Ermordung seiner eben noch so begehrten Stieftochter zu helfen.
Als seine Gattin ist Ensemblemitglied Monika Bohinec im Einsatz, darstellerisch herrschend, stimmlich nicht ganz allen Vorgaben gewachsen, fehlt es ihr dann doch etwas an Dramatik.
Daniel Jenz gibt einen unglücklichen, aber schön singenden Narraboth, Isabel Signoret einen feinen Pagen. Von den kleineren Rollen ragt – erwartungsgemäß – Thomas Ebenstein als Erster Jude heraus.
Warum der Applaus nach dieser so intensiven Vorstellung nach bereits einem Solovorhang verstummt, ist wohl der vornehmlich aus Touristen bestehenden Auditoriumszusammensetzung geschuldet.
Sabine Längle

