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WIEN / Staatsoper: RIGOLETTO

20.12.2014 | Oper

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Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
RIGOLETTO von Giuseppe Verdi
Premiere: 20. Dezember 2014
 

Es war nicht zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal in der Geschichte der Oper, dass ein Sänger auf der Bühne „einging“ und durch einen anderen ersetzt werden musste (man erinnert sich da an  „Tannhäuser“ und „Walküren“-Premieren in Wien) – aber wenn man es miterleben muss, ist es einfach schrecklich. Und abgesehen von dem Unglücksfall, der Simon Keenlyside betraf, kann man an diesem wahrlich missglückten Abend nur Rigoletto selbst zitieren: „Ah!! la maledizione!“ Flapsig ausgedrückt: Verflucht, verflucht, verflucht!

Was ist nun, um die unmittelbare Katastrophe des Abends anzusprechen, geschehen? Dass Simon Keenlyside krank war, lähmte die letzte Probenwoche, in der Generalprobe wurde er von Paolo Rumetz ersetzt. Dass der Sänger – man sprach von einer Viruserkrankung – die Premiere nicht absagte, ist verständlich: Da hing die Fernsehübertragung national (ORF) und international (Classica) dran, außerdem Kinoausstrahlungen allerorten, und bei so etwas ist ja als weitere Umwegrentabilität immer noch eine DVD vorgesehen. Mit einem Wort: der ganze ökonomische und mediale Musikmarkt ist in Bewegung.

Dass die Wiener Inszenierung auf Simon Keenlyside zugeschnitten ist, merkte man schnell. Wie sehr er forcierte, hörte man, doch es war ein eindrucksvoller Gewaltakt. Bis es nicht mehr ging. Ende des 2. Aktes, wo man die Hinmetzelung Monterones auf der Bühne mitansehen musste, ging es plötzlich in finalen Duett mit Gilda für Keenlyside nicht mehr weiter – er ging von der Bühne ab. Dirigent und Orchester waren bemerkenswert geistesgegenwärtig, spielten und spielten, bis man wohl hätte verstummen müssen – da kam der Sänger wieder, Gilda setzte ein, aber Rigoletto hatte keine Stimme mehr übrig – „Sì, vendetta, tremenda vendetta“ fand nicht statt, aber der Vorhang fiel zumindest an der vorgesehenen Stelle.

Das Wiener Publikum hat sich selbst an diesem Abend kein gutes Zeugnis ausgestellt: Jeder, absolut jeder musste erkennen, dass hier nicht Versagen aus Unfähigkeit, sondern aus Krankheitsgründen stattgefunden hatte – dennoch gab es heftige Buh-Rufe. Als dann vor dem dritten Akt, wie zu erwarten, der Direktor vor den Vorhang kam, hörte er erst viel Beifall. Warum bitte? Dass der Mann nichts Gutes zu sagen hatte, war wohl klar. Aber es kamen auch Buh-Rufe – wofür denn das? Direktor Meyer lobte Keenlysides Einsatz, vor allem bei den „Cortigiani, vil razza dannata“ (das Haus applaudierte wenigstens dazu), sprach vom Virus, der alles zerstörte, und kündigte Paolo Rumetz, der die Rolle bei der Generalprobe zum ersten Mal in seinem Leben gesungen hatte, als Ersatz an. Nochmals einiger Wirbel. Was da in den Köpfen vorging, ist schwer nachzuvollziehen.

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Was Regisseur Pierre Audi sich vorgestellt hat, liest man wieder einmal ausführlich im Programmheft (darunter die Idee, Rigoletto sei in seiner Isolation der italienische Wozzeck –  darauf kommt man bestenfalls, wenn Keenlyside beide Rollen verkörpert…). Was man sieht, ist zuerst einmal von abgrundtiefer Hässlichkeit. Sicher ist Ästhetik heutzutage auf den Bühnen unverzeihlich, jede Inszenierung, die als „modern“ durchgehen will, muss das Gegenteil bieten. Aber so „grottenschiach“, so fern jeder „vernünftigen“ Umwelt, in der man die Geschichte einigermaßen sinnvoll hätte erzählen können? Christof Hetzer stellt irgendwelche containerartigen Versatzstücke auf die Drehbühne, und dass das Kabüffchen und die Treppen, die dahin führen, in Talmigold bepinselt sind, macht nicht einmal andeutungsweise etwas wie einen Herzogshof (oder ein Äquivalent) daraus. Bei Rigoletto daheim (links um die Ecke, dazwischen ein paar dürre Baumäste) kommt Gilda gar per Ballon aus der Luft – in etwas, das wohl als Käfig anzusehen ist. Ja, die junge Dame ist eingesperrt, dennoch ist der Einfall absurd – und auch die Entführungsszene wird solcherart nicht logischer. Besonders grotesk der dritte Akt: Das Häuschen des Sparafucile wirkt ungefähr wie das heruntergebrochene Stück von einem Raumschiff – schlechtweg albern. Albern, schäbig, hässlich – weil „Rigoletto“ ein „dunkles Stück“ ist, wie alle versichern. Ganz gewiss. Aber was für ein Stück sieht man da eigentlich? Was hat Audi sich wirklich gedacht?

Nun, er hatte einen außerordentlichen Titelrollendarsteller, und damit ist man schon bei Simon Keenlyside, dem genialen Gestalter neurotischer Charaktere. Seine Don Giovannis in Zürich und London, sein Figaro-Graf in Salzburg, sein Onegin in München, sein Wozzeck allerorten – stets wunderbar extreme Studien von Menschen an der Kippe. Für den Rigoletto hat er sich entschlossen, einen quasi zum Tier heruntergekommenen „Gestörten“ zu spielen. Die erste Szene des ersten Aktes humpelt er mit nacktem Oberkörper doch ziemlich affenartig über die Bühne, kratzt sich ausgiebig die Genitalien, grimassiert, zeigt die Zunge, und wenn man genau hinsieht, hat man ihm die Wirbelsäule noch geschminkt und mit Haaren versehen, um das Animalische zu verstärken. Als ob er das brauchte.

Kurz, Rigoletto nicht als der arme Hofnarr, sondern als das Stück Scheiße, der versucht, sich in die Gesellschaft hineinzudrängen. Auch wenn er dann zu seiner Tochter kommt, mutiert er nicht zum „armen Vater“, der in üblichen Inszenierungen sonst herauskommt. Ganz eindeutig, dass die Tochter im Käfig ihn nicht mag und er nicht viel Zärtlichkeit für sie zeigt. Einer, der viel Böses säte, erntet Böses, und in dieser kretinhaften Darstellung hat man keinerlei Mitgefühl…

Keenlyside gibt bekanntlich selten Interviews, aber hie und da spricht er doch über sich, und da konnte man lesen, wie sehr ihm die ewigen Vorhaltungen auf die Nerven gehen, er habe keine Verdi-Stimme. Offenbar hält er es mit Sinatra, paraphrasierend also: „I do it my Way“. Jedenfalls war er entschlossen, bei der Premiere so viel Stimme zu geben, wie er nur aufbringen konnte, was eindrucksvoll war, aber natürlich hörbar ein forcierter Gewaltakt, der ja auch schlecht ausgegangen ist.

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Simon Keenlyside / Paolo Rumetz und Erin Morley

Dass Keenlyside als Gestalter unersetzlich ist, erlebte man dann angesichts von Paolo Rumetz, der den schlanken, hypernervösen Neurotiker dann in einen gemütlichen älteren Herren verwandelte, der die Rolle zwar selbstverständlicher und müheloser singen konnte als der Vorgänger (von ein bisschen Anstrengung bei einigen Spitzentönen abgesehen), aber von „Interpretation“ war da natürlich keine Spur. Das ist nicht als Tadel gemeint, der Dank für die solide Rettung des Abends ist groß, aber ein außerordentlicher Künstler wie Keenlyside erbringt natürlich eine außerordentliche Formung der Figur. Wenn dieser als Aufführung im Ganzen schreckliche „Rigoletto“ ins Repertoire geht, werden viele Herren sich vergeblich bemühen, auch nur annähernd diese Borderline-Studie eines Außenseiters zu erreichen.

Apropos forcieren: Dass man dergleichen in ziemlich reichen Maße von Piotr Beczala zu hören bekommen würde, erstaunte doch. Der arme Mann, mit einer schauerlichen „Ich trage ungewaschene halblange Zottelhaare“-Frisur regelrecht entstellt, wollte den „strahlenden“ Herzog erzwingen und tat es so betont, dass es schrecklich künstlich wirkte. Natürlich ist er in der „Italianisierung“ seiner Stimme weiter gekommen, hat sich effektvolle Schluchzer eingebaut und ist ein König der Spitzentöne, die auch meist halten, aber dazwischen wird mehr mit Kraft und Karacho gesungen als mit elegantem Legato, wodurch sich die Gesangslinie auch immer wieder „verfärbt“.

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Piotr Beczala / Erin Morley 

Die Amerikanerin Erin Morley – auch sie war zwischendurch krank und es besteht die Möglichkeit, dass sie bei der Premiere noch nicht ganz gesund war – klang als Gilda weite Strecken so, als ob die Stimme doch zu klein für die Staatsoper wäre. Sie hat auch keinen reinen Glockenklang, sondern einen leisen Belag auf ihrem hellen Sopran, sang aber die Arie ordentlich und gestaltete das durch und durch unglückliche Geschöpf mit großer Traurigkeit, die zu dieser Interpretation passte.

Seltsam mutete der stimmlich nicht mehr als durchschnittliche Sparafucile des Ryan Speedo Green an – in fast elegantem Gewand mit Umhang und Barett und einer Brille auf der Nase wirkte er nicht wie ein „Bravo“, sondern wie ein Student, der gerade von der Universität von – sagen wir Bologna gekommen sein könnte. Aber was soll’s – dieser „Rigoletto“ spielt ja auch wahrlich nicht in Mantua.

Im albernen Raumschiff-Häuschen darf die blonde Elena Maximova dann locken und verlocken, sich aber auch sehr über den Bruder erregen, dass er ihr den Liebsten umbringen will…

Das Gerücht, der Regisseur habe sich besonders um die Nebenrollen bemüht, kann nicht bestätigt werden, außer dem in Rot gekleideten und durch den sonoren Baß von Sorin Coliban charakterisierten Monterone hat man kaum jemanden wahrgenommen, möchte man auch manch jemanden lieber gar nicht nennen.

Die großen Erwartungen, die man in den Dirigenten Myung-Whun Chung setzte, haben sich letztlich auch nicht erfüllt. Er nahm den „Rigoletto“ zwar natürlich dramatischer als die „Traviata“, manches Donnerwetter (etwa bei der Ermordung Gildas) gelang nachdrücklich, auch manche lyrische Begleitung (auch hier bei den Gilda-Szenen) war sehr schön, aber man hörte schon einige Unebenheiten zwischen Bühne und Orchester, Chor und Orchester, und so richtig aufregend war die musikalische Seite des Abends nicht.

Zwar besser als die szenische, aber auch nicht so gut, wie man es von einer Premiere der Wiener Staatsoper erwarten dürfte. Das Leading Team bekam seine Buh-Rufe zurecht. „Ah!! la maledizione“? Verflucht, war das ein missglückter Abend!

Renate Wagner

 

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