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WIEN /Staatsoper: Premiere von Bieitos TRISTAN UND ISOLDE

Verschaukelung einer unmöglichen Liebesbeziehung

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Andreas Schager (Tristan) und Martina Serafin (Isolde), Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: Premiere der Bieito-Inszenierung von TRISTAN UND ISOLDE

14. April 2022

Von Manfred A. Schmid

Es gehört zur Strategie des Regietheaters, dem Publikum Gewohntes und Erwartetes vorzuenthalten und es mit Unvorhergesehenem zu überraschen. Eine interessante und durchaus legitime Herangehensweise, kann sie doch neue Perspektiven eröffnen und festgefahrene Konventionen aufbrechen. In dieser Hinsicht hat sich der spanische Regisseur, der an der Staatsoper die Carmen in eine trostlose, brutal entzauberte Gegenwart versetzt hat, wiederum Einiges einfallen lassen. Leider aber fehlt seiner Inszenierung die überzeugende Zielsetzung und das Fundament einer stringenten Deutung. Da ist einfach zu viel Willkür im Spiel.

Im auf Hoher See spielenden ersten Aufzug lässt Calixto Bieito vom vorgegebenen Schauplatz wenig sehen, von einem Schiff keine Spur, dafür gibt es 16 Schaukeln, auf denen stumme Kinder, aber auch Isolde und Kurwenal  und schließlich auch Tristan sitzen und vor sich hinwippen. Das Meer sucht man vergeblich, wenn man davon absieht, dass im Hintergrund via Video ein unaufdringlicher Clip mit kreiselndem Wasser zu sehen ist.*) Unübersehbar hingegen zwei größere Wasserpfützen „an Bord“, an deren Rand die ersten (Wieder-)Begegnungen zwischen Isolde und Tristan stattfinden. (Kenner des Regietheaters wissen, dass Wasserstellen auf der Bühne gegenwärtig – als letzter Schrei – gewissermaßen Pflicht sind.) Laut Libretto verlaufen diese Begegnungen – angesichts der Vorgeschichte, die die beiden verbindet – zunächst sehr vorsichtig und spröde, Hass und Angst überdecken noch die Liebesgefühle. Bei Bieito kommt es aber sofort zu innigen Umarmungen. Das Auf und Ab der Gefühle betont er, indem er Isolde Tristan mehrmals von sich stoßen und in der Pfütze landen lässt, wo sie sich dann letztendlich wieder beide engumschlungen wälzen werden. Kann man machen, solange man Sänger und Sängerinnen findet, die da bereitwillig mitmachen. Die Funktion der Kinder hingegen lässt sich ebenso wenig entschlüsseln wie die der Schaukeln. Wer soll da verschaukelt werden? Die Liebesbeziehung? Das Stück? Das Publikum?

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Ekaterina Gubanova (Brangäne), Martina Serafin (Isolde) und Kinder der Operschule.

Im zweiten Aufzug findet das aktfüllende Liebesduett nicht in unmittelbarer Nähe der beiden statt, sondern Tristan befindet sich dabei in einem in Braun gehaltenen Schlafzimmer, Isolde in einer weißen Küche. Nun könnte man annehmen, dass sie einander, durch die Fenster schauend, ihre Liebesschwüre bekunden. Weit gefehlt. Denn die beiden Wohnungscontainer werden unablässig in die Höhe gehoben und dann wieder abgesenkt. Und zwar so, dass sie sich  – bis auf eine Ausnahme am Schluss – nie auf einer Ebene befinden. Daher ist davon auszugehen, dass diese Kommunikation nicht direkt funktioniert, sondern höchstens telepathisch ablaufen kann. Dass beide dabei in Raserei verfallen und randalierend ihre Zimmer zerstören, Möbel umwerfen und sogar die Wände niederreißen, verweist nicht auf innere Erregung und ungezähmte nervliche Anspannung, sondern auf aggressives Verhalten und steht in einem eklatanten Widerspruch zur Wirkung eines Liebestranks, wie er ihnen von Brangäne am Ende des vorhergehenden Aufzugs verabreicht worden war. Oder gehört das vielleicht gar zu den Nebenwirkungen auf der Verpackungsbeilage? Lächerlich wird das Ganze, wenn Tristan das Licht besingt und dabei mehrmals eine Nachttischlampe ein- und ausknippst. Geht‘s noch tiefer?

Der dritte Aufzug sollte laut Libretto eigentlich Tristans Burg sein, wohin ihn sein getreuer Gefährte Kurwenal gebracht hat, nachdem Tristan schwer verletzt worden war. Bei Bieito ist der Schauplatz (Bühne Rebecca Ringst) mit den zertrümmerten Möbeln aus dem vorherigen Aufzug übersät. Im Hintergrund gibt es – auf der Strichliste der Regietheaters kann damit ein weiterer essenzieller Punkt des Regietheaters abgehakt werden – 30 Nackte. Sie sind einfach da. Wie etwa auch in Kusejs Maria Stuart am Burgtheater. Ohne Nackte geht es nicht. Und dann darf gestorben werden. Und die Nackten schauen nicht einmal zu.

Musikalisch klappt es an diesem Premiere-Abend um einiges besser, ungetrübt sind die Leistungen der insgesamt acht Rollendebüts allerdings nicht. Andreas Schager ist ein wortdeutlicher, stark singender Wagner-Tenor, der im Liebesduett auch zu ungemein zarten Tönen fähig ist. Fest, hell und stets höhensicher bewältigt er den stimmlich kräfteraubenden zweiten Aufzug, bevor er am Schluss doch schon mit leichten Ermüdungserscheinungen zu kämpfen hat. Dass dieser Tristan charakterlich nicht zu fassen ist und als Person nicht greifbar wird, ist wohl der Regie Calixto Bieitos anzukreiden, der auch die großartig singenden Ekaterina Gubanova als Brangäne darstellerisch vernachlässigt, sie während einer zentralen Stelle unsinnigerweise zum Zerlegen eines Fisches verdonnert und leider auch den stimmlich verlässlichen Kurwenal von Iain Paterson kein Profil zumisst. Dass unter dieser mangelhaften Personenführung auch der Melot von Clemens Unterreiner zum leiden hat, verwundert dann nicht mehr.

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Martina Serafin (Isolde) und Andreas Schager (Tristan).

René Pape als König Marke wirkt leider indisponiert, Stimmansätze misslingen dem ansonsten so prächtigen, ausdrucksstarken Bass, der an diesem Abends nur ein Schatten seiner selbst ist. Zu hoffen, dass er bald wieder in Form ist. Am kommenden Donnerstag ist sein Solistenkonzert angesagt. Warum er bei seinem Auftritt nur am Rand zu stehen hat und dabei von zwei Kindern begleitet wird, gehört zu den vielen unlösbaren Rätseln in Bieitos problematischer Inszenierung.

Was sich schon seit einiger Zeit angekündigt hat, trifft leider bei Martina Serafin auch bei diesem Rollendebüt – in grünem Kleid mit weißen Punkten (Kostüme Ingo Krügler) – zu. Bei den hohen Stellen, und davon gibt es in der Partie der Isolde viele, ist sie nicht mehr sattelfest. Ihr Sopran wird schrill und klingt dann überfordert. In der Mittellage ist die darstellerisch versierte Wienerin weiterhin solide unterwegs.

Daniel Jenz als Hirt, Martin Häßler als Steuermann und Josh Lovell als Stimme eines jungen Seemanns komplettieren das Gesangsensemble.

Philippe Jordan am Pult des Staatsopernorchesters lässt keinen Zweifel daran, dass in dieser Oper dem Orchester bei der Zeichnung der Charaktere auf der Bühne eine wichtige Rolle zukommt, was das Manko der Personenführung durch den Regisseur allerdings nur zum Teil wettmachen kann. Zu Recht bekommt er viel Applaus, schon beim Wiedererscheinen nach den Pausen und vor allem am Schluss.

Der Schlussbeifall ist herzlich, fällt aber angesichts einer Premiere nicht besonders lang aus. Die Buhrufe für das leading team rund um Calixto BIeito, die es vereinzelt schon nach dem 1. und 2. Aufzug gibt, sind nicht so stark wie erwartet. Die Macht von Wagners Musik ist stärker als die Regie.

15.4.2022

*) Richtigstellung durch einen aufmerksamen Leser „Ich möchte etwas berichtigen, das Sie in Ihrer Kritik der Tristan Premiere geschrieben haben. Der Effekt des kreiselnden Wassers an der Rückwand des Bühnenbilds ist nicht, wie Sie behaupten, ein projiziertes Video, sondern die Spiegelung der Scheinwerfer im Wasser.“ Vielen Dank.

 

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