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WIEN / Staatsoper: POLLICINO

28.04.2013 | Oper

   
Fotos: Barara Zeininger

WIEN / Staatsoper: 
POLLICINO von Hans Werner Henze
Premiere: 28. April 2013 

Kinderoper im großen Haus – warum nicht? Man hatte die Galerie gesperrt und am Balkon nur die erste Reihe geöffnet, der Rest des Hauses war an diesem Sonntagvormittag zur Premiere gut gefüllt – und in hohem Maße mit Kindern. Also ist das Bedürfnis da, die Nachfrage und auch die Akzeptanz, wie man an dem stürmischen Beifall ermaß. Es sind ja immer nur die Kritiker, die etwas auszusetzen haben…

Hans Werner Henze war schon vor seinem Tod ein „Klassiker“, für viele Opernwerke hoch gelobt, und wenn es Leute gibt, denen nicht einleuchtet, dass ausgerechnet „Pollicino“ die ideale Kinderoper sein sollte, so finden es andere vielleicht doch nicht so furchtbar, was da geschieht…

Etwa dass Eltern sieben Söhne im Wald mit der festen Absicht aussetzen, sie nie wieder zu sehen – Hauptsache, sie sind die lästigen Esser los. Anders als bei Grimm gibt es im Wald keine Hexe, sondern einen Menschenfresser, und es reicht wohl „Schufti, Schufti, Kinderfleisch-Dufti“ zu singen (was eigentlich, bedenkt man es genau, wirklich pervers ist), um ihn lustig zu machen. Am Ende vereinen sich die Buben – Pollicino und seine sechs Brüder – mit den Menschenfresser-Töchtern, die knapp am Rande des väterlichen Speisezettels stehen, und laufen ziemlich überhaps davon. Also, schon inhaltlich ist das – von Henze selbst nach einer italienischen „Däumling“-Version vom italienischen Libretto übersetzt – gewiss kein besonderer Wurf.

Gelänge nun eine wirklich phantasievolle Umsetzung der doch nicht wirklich sympathischen Geschichte, könnte man sich vielleicht damit anfreunden, aber da hapert es in der Staatsoper ganz gewaltig. Die Ausstattung von Maria-Elena Amos ist düsterer Wald, enge Elternhütte und eine Menschenfresser-Behausung, die eine lange Zunge als Rutsche für die rotschopfigen Menschenfresser-Töchter bietet; sie versucht einiges mit der Beleuchtung, giftig-grün, wenn’s bedrohlich sein soll, violett, wenn davor poetisch der Schnee fällt (das ist ein gelungenes Bild). Was die Kostüme betrifft, so sind die Tiere des Waldes, die keine große Funktion haben, kindergerecht schön gelungen, die Frau des Menschenfressers darf sogar ein überdimensionales schwarzes Kleid tragen, das mächtig Wirkung macht –  also im großen und ganzen ist die Optik gelungen, wenn auch nicht eben aufregend toll.

Sie könnte immerhin den Rahmen für eine lebendige Opernstunde geben, aber daran hapert es: So, wie Regisseur René Zisterer Kinder und Erwachsene auf- und abtreten und im übrigen herumstehen lässt, mit der einzigen „szenischen“ Idee, dass die Rettung am Ende auf einer „Brücke“ über das Orchester in den Zuschauerraum erfolgt, ist die inszenatorische Ausbeute eher kläglich.

Da kommt dann auch von den Protagonisten weiter nicht viel, abgesehen davon, dass es um die Verständlichkeit nicht nur des gesungenen, sondern auch des gelegentlich gesprochenen Textes miserabel bestellt war: An so etwas kann man wirklich arbeiten.

 

Mattheus Sinko, der Pollicino mit einem Kopfmikrophon an der Wange, stach unter seinen Brüdern nicht weiter hervor, während das Menschenfresser-Töchterchen Clotilde (auch verkabelt übrigens) von der hübschen Clarisse Jähn weit mehr an jenem Leuchten erhielt, das man dem Abend gewünscht hätte. Caroline Wenborne und Hans Peter Kammerer sind mit der grundsätzlich unlösbaren Aufgabe betraut, „böse“ Eltern zu spielen, wobei das sozialkritische Engagement – der Vater murmelt etwas über die reichen Leute, die immer reich bleiben und schuld daran sind, dass die Armen arm sind – natürlich berechtigt, aber in diesem Zusammenhang nicht unbedingt relevant ist. Andreas Hörl als Menschenfresser soll schaurig und lustig zugleich sein, Simina Ivan trägt als seine Frau mit großer Pose das schwarze Kleid spazieren, und was aus dem alles verdeckenden Uhu-Kostüm zu hören ist, gehört als Stimme Ulrike Helzel.

Was die Musik betrifft, so verlässt Henze die Struktur „modernen“ Komponierens nie so weit, dass er wirklich gänzlich „tonal“ würde, verschreckt aber die Zuhörer auch nicht sonderlich. Man darf – da liegen schließlich rein von der Entstehungszeit, zu schweigen von der Ideologie her Welten dazwischen – natürlich nicht an den Melodienzauber eines Humperdinck denken, aber es wäre nicht unbedingt falsch, wenn sich gelegentlich eine kindergerechte Melodie wirklich ins Ohr schleichen würde. Hört man aber wirklich Hinreißendes, ist es wohl ein kurzes Zitat aus Rigoletto…

Kinderopern bieten immer einen guten Anlass, die Kinder, die man sich in den Opernschulen heranzieht, auch auf die Bühne zu lassen, und sie erscheinen in den Rollen von Pollicinos Brüdern, Clotildes Schwestern und im Tierkostüm. Gerrit Prießnitz dirigiert das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper, verstärkt vom Orchester des Musikgymnasiums Wien. Und man will nicht annehmen, dass der der Beifall so heftig war, weil sich so viele Verwandte von so vielen Mitwirkenden im Zuschauerraum befanden…

Gewiss, hat man nicht nur auf die Bühne geschaut (was ja nicht so schrecklich spannend war), sondern auch die Kinder beobachtet, so blickte manch eines recht skeptisch auf das (wie erwähnt: akustisch schlecht verständliche) Bühnengeschehen. Aber, wie gesagt: Viel Beifall.

Und kein Zweifel: „Oper für Kinder“ im großen Haus soll es unbedingt geben. Man muss das Kinderzelt am Dach (das doch höchst ungemütlich war!!!) ja nicht unbedingt durch einen anderen kleinen Raum ersetzen, wenn man ohnedies bereit ist, gelegentlich die Staatsoper selbst für die Jüngsten zu öffnen? Es gibt ja noch andere Kinderopern!

Renate Wagner  

 

 

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